Jule Govrin | Essay |

Im Widerspruch zur identitären Ordnung

Guy Hocquenghems Kritik der politischen Ökonomie des Begehrens

Guy Hocquenghems Betrachtungen des homosexuellen Begehrens und der bürgerlichen Gesellschaftsordnung haben nicht einen Funken an Aktualität eingebüßt, das verdeutlicht ein Blick auf die identitären Kämpfe der Gegenwart. Während neoliberale Narrative das selbstgenügsame, eigenverantwortliche Individuum anpreisen, mobilisieren reaktionäre Politiken mithilfe von Schutzillusionen undurchlässiger sexueller und nationaler Identitäten. Hocquenghems anti-identitäre Begehrenskonzeption mitsamt seiner Kritik an kapitalistischen Identitätsordnungen hilft zu verstehen, wie neoliberale und reaktionäre Diskursdynamiken ineinandergreifen und Allianzen bilden. Sein erstmals 1972 erschienenes Buch Das homosexuelle Begehren ist mehr als ein bloßes Zeitzeugnis, das die Begehrenspolitiken der homosexuellen Aktionsgruppe FHAR (Front homosexuel d'action révolutionnaire) dokumentiert. Gemeinsam mit dem fast zeitglich erschienenen, verschwisterten Buch, dem Anti-Ödipus von Gilles Deleuze und Félix Guattari, bietet es eine Theorie des transformativen Begehrens, die für die Kritik der politischen Ökonomie des Begehrens in der Gegenwart nach wie vor einschlägig ist.[1]

Homosexuelles Begehren als politisches Aufbegehren

Ein wesentlicher Einsatzpunkt von Hocquenghems Kritik an der kapitalistischen Identitätslogik liegt in der scharfen Unterscheidung zwischen Homosexualität und homosexuellem Begehren. Homosexualität bezeichnet für ihn die Imago einer stabilen, sexuellen Identität, die als pervertierte Kehrseite der heterosexuellen Norm eingefasst wird. Dadurch fällt die „Herausbildung der Homosexualität als gesonderter Kategorie […] mit ihrer Unterdrückung“[2] zusammen. Ähnlich wie Deleuze und Guattari arbeitet er sich diesbezüglich an Sigmund Freuds Ödipusmodell ab, das die bürgerliche Kernfamilie zur universellen Norm kürt.[3] Heterosexuelle Identität anzunehmen, bedarf Verfahren der Verwerfung, durch die der verfemte homosexuelle Anteil vom Selbst abgespalten wird, was wiederum homofeindliche Affekte hervorruft: „Aus dem unvermeidlichen Versagen des Versuches, die homosexuellen Anteile verschwinden zu lassen, entsteht die Paranoia.“[4]

Den Perversen wird dabei ein fester Platz in der bürgerlichen Begehrensökonomie zugewiesen, schließlich bestärkt die zur Identität verfestigte Homosexualität in ihrer Ausnahmefunkton das heteronormative Sozialraster. Durch die Identitätslogik soll homosexuelles Begehren festgesetzt werden, es soll reterritorialisiert werden, um einen Schlüsselbegriff von Deleuze und Guattari aufzunehmen.[5] Deterritorialisierung und Reterritorialisierung bezeichnen sowohl Bewegungen des Begehrens als auch des Kapitals. Begehren birgt transformatives Potential, indem es soziale Normen und festgeschriebene Identitäten überschreitet und folglich deterritorialisiert. Für Deleuze und Guattari liegt in dieser Begehrensbewegung politische Hoffnung, denn für sie bedeutet die Identitätsordnung, dass Subjekte in soziale Rollen rückgebunden und regierbar werden. Frei fließendes Begehren soll hingegen soziale Beziehungen ohne hierarchisch organisierte Identitäten stiften.

Da jedoch De- und Reterritorialisierung miteinander einhergehen, wird das befreite Begehren in die Rechenraster des Kapitals zurückgebunden, es reterritorialisiert sich. Das quecksilbrige Begriffspaar, welches Hocquenghem in seiner Analyse aufnimmt, erlaubt es, die Dynamiken des Kapitals in ihren molekularen, mikropolitischen Wirkungsweisen im Zusammenspiel mit Begehren zu untersuchen. Während Homosexualität als erstarrte Identität Begehren reterritorialisiert, konzipiert Hocquenghem homosexuelles Begehren als revolutionäre Kraft, die er im Einklang mit Deleuze und Guattari als nomadisch, vielstimmig und frei fließend bestimmt. In Freuds früher Schaffensphase findet er Spuren dieses unruhestiftenden Begehrens, das die etablierten Identitätskategorien aufbricht, in der Idee des polymorph-perversen Begehrens,[6] das dem ödipalen Imperativ vorgelagert ist: „[D]ass Begehren grundlegend undifferenziert ist und keine Unterscheidung zwischen Homosexualität und Heterosexualität kennt, drückt Freud mit dem Begriff des ‚polymorph Perversen‘ aus.“[7] Daher erscheint es präpersonal, immer schon kollektiv:

„Das homosexuelle Begehren bezieht sich […] auf den vorpersönlichen Zustand des Begehrens. […] Die unmittelbare Manifestation des Begehrens widersetzt sich den Identitätsbeziehungen, den notwendigen Rollen, die Ödipus aufzwingt, um die Reproduktion der Gesellschaft zu sichern.“[8]

Dementsprechend begreift Hocquenghem homosexuelles Begehren als Aufbegehren, das die Grenzen der sexuellen und geschlechtlichen Ordnungen unterwandert.[9] Um sich den Einpassungen von queeren Lebensweisen in bürgerliche Biografien zu verwehren, affirmiert er die althergebrachten Assoziationen von Devianz und Delinquenz, schließlich ist Homosexualität „zuallererst eine Kategorie der Kriminalität".[10] Dieser anti-soziale Zug seiner Begehrenskonzeption stellt sich nicht bloß gegen die bürgerliche Gesellschaftsordnung, vielmehr verbinden sich in ihr verschiedene, bislang unverbundene soziale Kämpfe. Ausgehend vom Begehren und der eigenen Unterdrückungssituation begrenzen sich Proteste nicht auf eine einheitliche, identitätsfixierte Ausgangsposition und eine klar formulierte Agenda, sondern suchen nach Überkreuzungen, die sich durch verschiedenste Unterdrückungsverhältnisse ziehen. So schreibt Hocquenghem vom „wimmelnde[n] Durcheinander von Jugend-, Homosexuellen-, Frauen-, Umwelt-, Kommunenbewegungen“,[11] in dem sich unverhoffte Zusammenschlüsse herausbilden, wie beispielsweise die Beteiligung des FHAR an der Umweltbewegung.

Derartige Allianzpolitiken, die man rückwirkend als intersektional oder mit Félix Guattari als transversal bezeichnen kann, eröffnen Einsichten in alternative Gesellschaftsgefüge, das wird in der politischen Praxis der FHAR und deren Theoretisierung durch Hocquenghem überdeutlich. In dieser Denkbewegung trifft er sich mit Guattari, der Begehren in kollektiven Fantasien aufspürt, die Identitätsordnungen durchkreuzen. In seinem Beitrag zu der Streitschrift Drei Milliarden Perverse, die der FHAR 1973 herausgab, beschreibt Guattari homosexuelles Begehren als revolutionäres, antikapitalistisches, antifaschistisches Begehren.[12] Indem Homosexuelle den Status der unterdrückten Minderheit von sich weisen, verlagert sich die politische Frage. Sie wandelt sich zu einer offensiven Politik gegen die Indienstnahme aller Spielarten der Sexualität innerhalb des Wertesystems kapitalistischer Gesellschaften. Es handele sich, so Guattari, daher weniger um Homo- als um Trans-Sexualität,[13] da es darum geht, Sexualität in einer befreiten Gesellschaft zu denken, ohne kapitalistische Ausbeutung und Unterwerfungsverhältnisse. In dieser Sichtweise, schlussfolgert er, werde der Kampf für die Befreiung der Homosexualität zum integralen Teil des Kampfes für die gesamtgesellschaftliche Befreiung.[14]

Diese Perspektive auf Begehren als politische Kraft, die Machtstrukturen durchkreuzt, überschneidet sich mit derjenigen Hocquenghems. Ebenso wie Guattari begreift Hocquenghem Begehren als Kraft, die ontologisch undifferenziert ist, weshalb man strenggenommen nicht einmal vom ‚homosexuellen‘ Begehren sprechen kann: „Es gibt keine Unterscheidung des Begehrens in Homosexualität und Heterosexualität. [...] Das Begehren tritt in vielfältiger Form hervor, deren einzelne Bestandteile a posteriori trennbar sind, entsprechend den Behandlungen, denen wir es unterziehen.“[15] Das als homosexuell bezeichnete Begehren unterläuft die sozialen Differenzierungen, die ihm eingeschrieben wurden, um es teilbar und beherrschbar zu machen. Damit beschränkt sich Begehren nicht auf beobachtbare Spielweisen sexueller Identitäten, sondern bezeichnet die ihm innewohnenden deterritorialisierenden Tendenzen.

Homosexuelles Begehren birgt daher, wie Hocquenghem schreibt, die Möglichkeit von alternativen Begehrensökonomien, denn „der Homosexuelle [zeigt] die Möglichkeit einer anderen Form von Beziehungen an“.[16] Sich verändernde Beziehungsweisen eröffnen Aussichten auf soziale Transformation. Der Begriff der Beziehungsweisen, der auf Bini Adamczak zurückgeht, greift die marxistische Kritik auf, nach der sich die Produktionsweisen ändern müssen, um kapitalistische Gesellschaftsverhältnisse zu überkommen.

„An diese im Begriff der Produktionsweise aufgespeicherte Erkenntnis kann ein Begriff der Beziehungsweisen anknüpfen [...]. Kraft einer sprachlichen Ungenauigkeit ermöglicht er es auch, nach den Verhältnissen der Beziehungen zueinander zu fragen, nach den Beziehungen der Beziehungen also.“[17]

Im Denken einer relationalen Ontologie, die Menschen in ihren sozialen Beziehungen und gesellschaftlichen Gefügen begreift, bestimmen Beziehungsweisen gesellschaftliche Ordnungen, so dass der Zweifel an etablierten Beziehungsweisen zur Ermöglichungsbedingung wird, um sozioökonomische Strukturen anzufechten. Indem Hocquenghem auch die homosexuelle Identität als Produkt der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und des bürgerlichen Ödipusprinzips analysiert, hinterfragt er die bestehende Beziehungsweise und lenkt die Blickrichtung auf alternative Beziehungsweisen. Dieser anti-identitäre Zug, den Hocquenghem dem Begehren zuschreibt, lässt es als transformative, transversale Kraft erscheinen, die Sozialordnungen mitsamt ihren Identitätszuweisungen unterwandert. Dergestalt vermag Begehren, verschiedene soziale Kämpfe miteinander zu verbinden, da es aus der Identitätsordnung herausbricht und zu solidarischen Zusammenschlüssen hinstrebt.

Subtile Identitätsspiele in neoliberalen Narrativen

Hocquenghem problematisiert nicht allein die Kategorie der homosexuellen Identität, sondern kritisiert insgesamt die Identitätsordnung, die kapitalistische Gesellschaftsverhältnisse bedingt und bestimmt. Ähnlich wie Deleuze und Guattari begreift er den Kapitalismus als Begehrensökonomie, die Subjekte gemäß der bürgerlichen Geschlechterordnung in fixierte Identitätskategorien einordnet und deren Verhältnisse zueinander hierarchisch organisiert. Indem sie verfestigte Identitäten annehmen, werden sie als ökonomische Subjekte anrufbar, ihre Arbeitskraft wird in Form von unbezahlter Reproduktionsarbeit oder unterbezahlter Lohnarbeit ausbeutbar, so bildete beispielsweise die bürgerliche Kernfamilie im Fordismus die maßgebliche Wirtschaftseinheit, um die sozioökonomische Ordnung zu organisieren und die soziale Reproduktion zu sichern. Ferner werden Menschen qua Identität in ihrer Konsumkraft adressierbar, die man mit gezielten Warenangeboten anreizen kann. Nicht zuletzt folgt die identitäre Einordnung nach dem Machtprinzip, zu teilen und zu herrschen, indem sie solidarische Zusammenschlüsse erschwert. Solch eine Bewegung erkennt Hocquenghem Mitte der 1970er Jahre in seinem Umfeld. Der Rückzug in bürgerliche Sicherheitszonen bringt für ihn Spielarten der homosexuellen Identität hervor, die Klassenkategorien verstärken:

„Die traditionelle Tunte, liebenswert oder bösartig, der Liebhaber junger Macker, der Kenner öffentlicher Pissoirs – all diese aus dem 19. Jahrhundert überkommenen exotischen Typen räumen den Platz für den nicht beunruhigenden modernen jungen Homosexuellen, 25 bis 40 Jahre alt, mit Schnäuzer und Aktentasche, ohne Komplexe und Affektiertheiten, kalt und höflich, der einen Job in einer Werbeagentur oder als Verkäufer in einem großen Kaufhaus hat, befremdliches Verhalten ablehnt, der Macht mit Respekt begegnet und ein Freund des aufgeklärten Liberalismus und der Kultur ist."[18]

Die ausgehärteten Identitätsentwürfe fügen sich in homonormativer Manier in die heterosexuelle Matrix ein.[19] Diese Schlagrichtung ist aufschlussreich, um die Fallstricke der neoliberalen Identitätsspiele in den Blick zu bekommen, die sexuelle Überschreitungen nicht skandalisieren und sie stattdessen als „warenförmige Übertretung“[20] einhegen.

Ein halbes Jahrhundert nach dem furiosen Taumel, den Hocquenghems Das homosexuelle Begehren und sein Geschwisterbuch, der Anti Ödipus, auslösten, ist die Hoffnung geschwunden, dass die Deterritorialisierungsbewegung eine „Revolution des Begehrens“[21] hervorbringe. Im Windschatten der sexuellen Revolution von 1968 und der feministischen, queeren Bewegungen zeigt sich, wie stark De- und Reterritorialisierung des Begehrens ineinandergreifen. Während sich Begehren in liberaleren Gesellschaftsverhältnissen deterritorialisiert, wird es zugleich reterritorialisiert. Anders ausgedrückt: In dem Maße, in dem sich Sexualitäts- und Begehrensformen liberalisieren, werden diese verstärkt kommerzialisiert. Solch eine „repressive Entsublimierung“ prognostizierte schon Herbert Marcuse, der darauf hinwies, dass die „sexuelle Freiheit, im Vergleich zur puritanischen und viktorianischen Epoche, zweifellos größer“ ist, doch zugleich „sind die sexuellen Beziehungen selbst viel […] [stärker] mit sozialen Beziehungen in Verbindung getreten; die sexuelle Freiheit ist mit nutzbringender Konformität in Gleichklang gebracht worden“.[22] In der gelebten Gegenwart von Pink Economy, dem kompetitiven Matchmaking des Onlinedatings, der pornografisierten Präsenz pluralisierter Schönheitsnormen ist dieses Ineinandergreifen augenscheinlich.[23] Bemerkenswert ist heute eher, wie subtil und gekonnt das Spiel mit Identitätsschablonen inzwischen vonstatten geht.

Die Liberalisierung der Lebens- und Liebesweisen hat tatsächlich zu größerer Diversität geführt, allerdings erweisen sich Differenz und Diversität als anschlussfähig für neoliberale Narrative. Auf kultureller Ebene wird Diversität gefeiert, auf politischer Ebene in Form von Diversitätsmanagement hochgehalten – all dies sind durchaus emanzipatorische Errungenschaften der feministischen und queeren Bewegungen. Doch zugleich durchlaufen diese politischen und kulturellen Differenzdiskurse ein ökonomisches Kalkül, das von der Arbeits- und Konsumkraft der liberalisierten Subjekte profitiert und deren Anpassungsfähigkeit an den Arbeitsmarkt einfordert. Holistisch betrachtet, stehen ökonomische Strukturen in reger Wechselwirkung mit sozialen und kulturellen Dynamiken: In ökonomischer Hinsicht arbeitet ein Differenzierungssystem, in dem sich Menschen distinktionsdynamisch von anderen abheben müssen. Im neoliberalen Begehrensregime konnte sich ein Identitätsmuster etablieren, das Subjekte als nomadisch und flexibel ausgibt und dergestalt ihre Anpassungsfähigkeit an Marktanforderungen anpreist. In seinen Beschleunigungsdynamiken und im Begehren, neue Bereiche der Akkumulation zu erschließen, benötigt das Kapital flexibel einsetzbare Reserven an Arbeitskräften ebenso wie selbstoptimierte Subjekte, die sich selbstunternehmerisch als Humankapital vermarkten.[24]

Während sich die Wirtschaft global beschleunigt und dabei immer schneller Territorien des Sozialen vernichtet und sie als Territorien des Ökonomischen wiederaufbaut, benötigt sie elastische, deterritorialisierte Subjektivierungen. Diese Flexibilitätsathlet:innen, wie Suely Rolnik sie nennt,[25] repräsentieren einen Vulgärdeleuzianismus, der in verballhornter und verflachter Form das nomadische Subjekt feiert und performt. Diese neoliberalen Narrative nehmen Deleuze und Guattaris Begehrensvokabular des Nomadischen, Produktiven, Affirmativen, Intensiven auf und übersetzen es in ein konsumkulturelles Kuratorium der Individualität, in dem Subjekte dazu angerufen werden, ihr Selbst warenförmig auszugestalten und sich anhand ihrer Alleinstellungsmerkmale, ihrer unique selling points anzupreisen.[26]

Unter diesem begehrensökonomischen Regime wird Individualität zum kostbarsten Kapital, insofern wandelt sich die Idee von Identität als solidem Selbstverständnis zum Ideal sich stetig neu erfindender Identität. Doch diese ist weit davon entfernt, der Radikalität des deleuzianischen Prozesses des Werdens[27] gerecht zu werden, denn das nomadische wird hier zum netzwerkenden Subjekt, das sich im sozialen Wettstreit distinktionsdynamisch durchsetzen muss. Dagegen geht es Deleuze um ein „Gewimmel von Differenzen, einen Pluralismus von freien, wilden oder ungezähmten Differenzen“,[28] das ganz gegenteilig ist zum neoliberalen Begehrensregime, das Identitäten zum Kampfeinsatz im Wettstreit der Individuen erhebt, die sich als Leistungsträger:innen beweisen sollen. Diese Bewegung vollzieht eine zeitgleiche Verflüssigung und Verhärtung von Identitäten, die sich anderund de- und reterritorialisieren, denn im spätkapitalistischen Regime des Hyperindividualismus vervielfältigen sich Identitäten, ohne sich aufzulösen. Identität – auch in ihrer flexiblen Form – operiert als begehrensökonomische Recheneinheit, um Menschen in Marktverhältnisse zu setzen. Diese Einsicht eröffnet schon Hocquenghem und antizipiert dabei die heute so vertrauten neoliberalen Einhegungsbemühungen des deterriorialisierten Begehrens.

Begehrenspolitiken in der Gegenwart

Während mitunter behauptet wird, dass Hocquenghems Kritik der politischen Ökonomie des Begehrens im Fordismus funktioniert, in der neoliberalen Dienstleistungsgesellschaft obsolet wird,[29] verhält es sich verkehrt herum: Seine Analyse, wie das Kapital durch Differenzierung und Hierarchisierung in soziale Beziehungen hineinwirkt, welche Allianzen es mit autoritativen Kräften eingeht, während es zugleich Liberalisierungseffekte einhegt, ist für das neoliberale Begehrensregime aufschlussreich, das sich im Zusammenspiel verflüssigender und verfestigender Identitäten zeigt.

Hocquenghem diagnostiziert bereits in seiner eigenen Gegenwart den Beginn einer „Epoche, in der die kapitalistische Individualisierung die Familie aushöhlt“.[30] Demungeachtet scheint heute die Symbolkraft von Freuds ödipalem Familienmodell nicht zu schwinden. Aktuell attackieren reaktionäre, revolutionäre Kräfte die feministischen und queerpolitischen Errungenschaften vergangener Jahrzehnte. In gebündelten Angriffen auf eine angebliche ‚Gender-Ideologie‘ werden Regenbogenfamilien ebenso diffamiert wie Menschen, die trans sind.[31] Rechte Politiken nähren das Sehnsuchtsbild von verpanzerten kulturellen, nationalen, geschlechtlichen und sexuellen Identitäten und propagieren das reaktionäre Reinheitsideal einer patriarchalen, weißen, christlichen Familienidylle. Ein Protagonist innerhalb dieser rechten Netzwerke ist Renaud Camus, ehemals ein Aktivist innerhalb der Pariser Schwulenszene, der bereits in den 1970er Jahren eine Frontstellung gegen den FHAR einnahm. Dieser wiederum engagierte sich in anti-kolonialer Tradition gegen „antiarabischen Rassismus“.[32]

In seinen Anfangsjahren intervenierte der FHAR in eine Debatte, die seit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg aufkam und um Sexualität und arabische, insbesondere algerische Männer kreiste. Die Rechte sah im algerischen Mann erwartungsgemäß eine potentielle Bedrohung der nationalen Identität, da für sie die Kriegsniederlage und den Kolonieverlust einer kastrativen Schwächung der nationalen und männlichen Souveränität gleichkam.[33] Folglich imaginierte man arabische Hypervirilität als Gefahr für weiße, bürgerliche, heteronormative Maskulinität, während man arabische Männer zugleich mit Delinquenz und Devianz assoziierte.

Der FHAR nahm diese Assoziationen auf und verkehrte sie auf provokante Weise. Man sprach sich nicht nur solidarisch mit denjenigen aus, die derart rassistisch adressiert wurden, sondern beschrieb geteilte sexuelle Begegnungen.[34] Dabei verfolgte der FHAR die Strategie, durch eine Politik der Perversion gegen die gesamtgesellschaftlichen Ordnungen mit all ihren Machthierarchien aufzubegehren – seien sie sexuell und rassifiziert oder ökonomisch bedingt.[35] In Gegenposition zum FHAR äußerste Camus sich unter dem Deckmantel persönlicher Erfahrungen abfällig über arabische Männer und trat für eine klar konturierte homosexuelle Identität ein, die sich unübersehbar deutlich von den Entwürfen Hocquenghems, Deleuzes und Guattaris abgrenzte.[36] Identitäre Verpanzerung und paranoide Sicherheitswut wurden als phantasmagorischer Schutzwall gegen das transversale, transformative Begehren hochgezogen. Inzwischen ist Camus einer der bekanntesten rechten Autoren Frankreichs, dessen antimuslimische Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs" ein zentrales Leitmotiv der international organisierten Rechten darstellt.[37]

Der Erfolg solcher reaktionärer Sexualpolitiken steht nicht im Gegensatz zu neoliberalen Privatisierungsmaßnahmen, vielmehr stehen reaktionäre und neoliberale Diskurse in einem verschleierten Verschränkungsverhältnis. Einerseits profitieren reaktionäre Politiken von den Prekarisierungs- und Entfremdungseffekten, die aus neoliberalen Wirtschaftsmaßnahmen herrühren.[38] Indem sie die Ideen der nationalen und der maskulinen Souveränität verschalten, präsentieren sie das alte Ideal militarisierter Männlichkeit im globalisierungskritischen Gewand, wie etwa Wendy Brown aufzeigt.[39] Dergestalt trachten sie danach, Begehren im Ressentiment zu verbarrikadieren. Andrerseits können sie das identitätspolitische Spiel neoliberaler Narrative weiterführen und für ihre Zwecke ummünzen. Während neoliberale Diskurse Identitäten in meritokratischer Manier hierarchisieren, naturalisieren reaktionäre Diskurse Differenzen – sie eint ein sozialdarwinistischer Schlüsselmechanismus, der entsolidarisierend wirkt.[40] Sexualität bildet einen beliebten Schauplatz – um nicht zu sagen: Kampfplatz – für reaktionäre Identitätspolitiken, indem die Kernfamilie als sicherer Hafen gegenüber neoliberalen Unsicherheit angepriesen wird, wobei ausgerechnet queere Menschen sündenbocklogisch als Symptomfiguren einer spätkapitalistischen Vereinzelungspolitik verunglimpft werden.

Kurzum: In neoliberalen wie in reaktionären Diskursen arbeitet Identität als politische Recheneinheit, sei es in Form verflüssigter, sich selbst optimierender Individualität, sei es in Form von verfestigten Identitäten, die auf das imaginäre Vorbild der heiligen, heterosexuellen Familie setzen. So gegensätzlich diese Tendenzen zur identitären Verflüssigung und Verfestigung erscheinen, sie spielen einander in die Hände und fügen sich in die dominante Identitätsordnung.

Ausblick

Angesichts der subtilen politischen Anforderungen der Gegenwart sind ist Hocquenghems nahezu prophetische Sicht auf eine kapitalistische Begehrensökonomie, die Menschen anhand von Identitätszuschreibungen hierarchisch anordnet, weiterhin aufschlussreich. In seiner Gedankenspur beschreibt gegenwärtig Verónica Gago ein „Differential der Ausbeutung“[41] von feminisierten, queeren und rassifzierten Körpern, das durch neoliberale Deterritorialisierungen sozialer Räume und reaktionäre Reterritorialisierungen zugunsten patriarchaler Familienformationen operiert. Zugleich teilt Hocquenghem eine Perspektive auf Begehren als transformative Kraft, das soziale Kämpfe gegen die entsolidarisierenden Tendenzen kapitalistisch geprägter Produktions- und Beziehungsweisen miteinander verbindet., Eine Spur dieses Begehrens findet sich in Verónica Gagos Beobachtungen von Ni Una Menos, der feministischen Streikbewegung, die 2015 in Buenos Aires begann und sich seitdem unter ähnlichen und zugleich stetig veränderten Bedingungen etwa in Mexiko, Chile oder Spanien fortsetzt. Unüberhörbar an Guattari angelehnt und anschlussfähig an Hocquenghem, beschreibt Gago die Streikbewegung, die sie selbst aktiv mitgestaltet, in ihrer transversalen Kraft, die die „Illusion des isolierten Individuums“[42] überwindet und zumindest für den Moment der Politisierung begehrenspolitische Bündnisse bildet. In der Streikbewegung manifestiert sich Begehren in seinem transversalen, transformativen Potential:

„[D]esire has a cognitive potential. I use the slogan, coined by the feminist movement, ‘Desire moves us’ to recognize this movement as the collective intellect and multitudinous expression of an ongoing investigation, with its moments of shake-up and moments of retreat, with its variable velocities and intensities.“[43]

In einem solchen kollektiven Handlungsgefüge, wie es Ni Una Menos darstellt, entfaltet Begehren eine politische Potentialität die den Blick auf die verschiedensten Machtachsen und deren zerstörerisches Zusammenwirken bündelt, den Blick etwa auf das gerade in Lateinamerika unübersehbare Zusammenwirken von einer zunehmend eskalierenden geschlechtsbasierten Gewalt, für die Feminizide an der traurigen Tagesordnung sind, und einer selbstzerstörerischen ökonomischen Gewalt, die aus neoliberalen Austeritätspolitiken herrührt. Neben solchen analytischen Anschlussmöglichkeiten eröffnen Bewegungen wie Ni Una Menos Spielräume für neue Beziehungsweisen, die – alte wie neue – identitäre Grenzen irritieren und überschreiten. Von den Begehrenspolitiken des FHAR hin zum begehrensbewegten Streik von Ni Una Menos, von den 1970er-Jahren bis heute, verläuft eine mäandernde Spur, die vormals getrennte Kämpfe zu solidarischen Protesten zu verbinden verspricht. Das Begehren durchquert die marginalisierten Körper transversal und treibt sie aus unterschiedlichen Gründen auf die Straßen, die sie mit anderen in Frage gestellten Körpern teilen. Wie der FHAR einst schrieb, „geht der Klassenkampf auch durch den Körper“,„[w]ir können also unseren sexuellen und alltäglichen Kampf nicht trennen vom antikapitalistischen Kampf.“[44] Und wie Verónica Gago heute schreibt: „[D]esire is not the opposite of the possible, but rather the force that drives what is perceived as possible, collectively and in each body.“[45]

  1. Hocquenghems Buch erschien 1972 nur wenige Monate nach dem Anti-Ödipus, es wurde außerdem von Félix Guattari als Mitherausgeber verantwortet und ist deutlich von den schizoanalytischen Thesen des Anti-Ödipus geprägt (vgl. Beatriz Preciado, Anal Terror, in: Baeden 5 (2009), S. 123–167, hier S. 143). Die Nähe der beiden Bücher sowie ihrer Autoren zueinander findet Ausdruck in gemeinsamen intellektuellen Experimentierräumen und geteilten politischen Kämpfen.
  2. Guy Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, übers. von Lukas Betzler und Hauke Branding, Hamburg 2019, S. 17.
  3. Vgl. ebd., S. 43 f.
  4. Ebd., S. 19. In dieser Formulierung liegt Hocquenghem nahe an Judith Butlers Überlegungen zu Identitätsbildung durch Verwerfung (vgl. Judith Butler, Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen, übers. von Rainer Ansén, Frankfurt am Main 2010, S. 48–59).
  5. Vgl. Gilles Deleuze / Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, übers. von Bernd Schwibs, Frankfurt am Main 1974, S. 45.
  6. Vgl. Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, S. 41 f.; sowie Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905), in: Alexander Mitscherlich / Angela Richards / James Strachey (Hg.), Studienausgabe V, Frankfurt am Main 1975, S. 37–147.
  7. Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, S. 45.
  8. Ebd., S. 87.
  9. Vgl. Guy Hocquenghem, Wir können nicht alle im Bett sterben, übers. von Salih Alexander Wolter, in: Heinz-Jürgen Voß (Hg.), Die Idee der Homosexualität musikalisieren. Zur Aktualität von Guy Hocquenghem, Gießen 2018, S. 101–107, hier S. 102. Zum Aufbegehren als transgressive Kraft und dem Begriffspaar Aufbegehren und Begierden zur Bezeichnung von Begehrensbewegungen vgl. Jule Govrin, Begehren und Ökonomie. Eine sozialphilosophische Studie, Berlin 2020, S. 21 f. Um wahrlich revolutionär zu sein, muss Begehren, so lässt sich mit Deleuze, Guattari und Hocquenghem schlussfolgern, nicht nur heterosexuelle Tabus überschreiten, sondern auch Geschlechtergrenzen aufbrechen (vgl. Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, S. 11 und 108). Vgl. auch den Beitrag von Cornelia Möser in diesem Dossier zu Hocquenghem.
  10. Hocquenghem, Wir können nicht alle im Bett sterben, S. 102. Dieser Aspekt des düsteren Begehrens artikuliert sich in Hocquenghems Text zum Tod des Regisseurs Pier Paolo Pasolini, der 1975 ermordet wurde. Nach dessen Ermordung schreibt Hocquenghem: „Wir können nicht alle im Bett sterben“ (ebd., S. 101). Dieser zynisch anmutende Kommentar offenbart Hocquenghems Perspektive auf homosexuelles als anti-soziales Begehren, das sich aus der Unterdrückungsgeschichte herleitet und gegen diese behaupten muss: „Es ist die innige, alte und sehr starke Bindung, die zwischen dem Homosexuellen und seinem Mörder besteht“ (ebd., S. 101 f.).
  11. Ebd., S. 138.
  12. Vgl. Félix Guattari, La Révolution Moléculaire, Paris 2012, S. 330–341.
  13. Mit dieser Formulierung zielt Guattari nicht auf den bekannten Gebrauch des Begriffs der Transsexualität ab, der ohnehin irreführend ist, da es sich hier um eine Frage der geschlechtlichen und nicht der sexuellen Identität handelt. Guattari will dagegen mit dem Präfix trans die transitive, transgressive Tendenz des Begehrens aufzeigen. Vgl. auch Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, S. 150 oder Deleuze / Guattari, Anti-Ödipus, S. 89.
  14. Vgl. Félix Guattari, La Révolution Moléculaire, S. 333.
  15. Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, S. 12.
  16. Ebd., S. 92.
  17. Bini Adamczak, Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende, Frankfurt am Main 2017, S. 241.
  18. Hocquenghem, Wir können nicht alle im Bett sterben, S. 103.
  19. Um die Verbürgerlichungsprozesse von homosexuellen Lebensläufen zu beschreiben, schlägt Lisa Duggan den Begriff der Homonormativität vor. Er leitet sich, wie unschwer zu erkennen ist, von Heteronormativität ab: Homonormativität bezeichnet schwule und lesbische Lebensläufe, die sich in heterosexuelle Gepflogenheiten einpassen, deren Beziehungsmodelle und Institutionen, wie monogame Partnerschaft und Ehe, übernehmen, sich deren Werten verschreiben und sich bemüht bürgerlich situieren (vgl. Lisa Duggan, The Twilight of Equality? Neoliberalism, Cultural Politics, and the Attack on Democracy, Boston 2003, S. 50). Demnach zeigt sich Homonormativität als besondere Ausformung von Heteronormativität in Zeiten, in der die Regenbogenfahne plakativ hochgehalten wird, um eine plurale, progressive Gesellschaft zu präsentieren.
  20. Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, S. 70.
  21. Ebd., S. 26.
  22. Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, Frankfurt am Main 1971, S. 96. Marcuses libidoökonomische Utopie führt außerdem zur Auflösung der Grenzen zwischen Homo- und Heterosexualität. Wenn die Arbeit außerhalb von kapitalistischen Entfremdungs- und Ausbeutungsverhältnissen neu organisiert würde, müsste der Körper „nicht mehr ganztägig als Arbeitsinstrument zur Verfügung stehen“ und könnte dadurch resexualisiert werden: „Die mit dieser Ausbreitung der Libido verbundene Regression würde sich als erstes in der Reaktivierung aller erogener Zonen und damit in einem Wiederaufleben der prägenitalen polymorphen Sexualität und in der Abnahme des genitalen Supremats manifestieren. Der Körper in seiner Gesamtheit würde ein Objekt der Besetzung, ein Ding, dessen man sich erfreuen kann – ein Instrument der Lust.“ (Ebd., S. 199; vgl. auch Eva von Redecker, Marx’s Concept of Radical Needs in the Guise of Queer Desire, in: Nikita Dhawan / Antke Engel, Christoph H.E. Holzhey / Volker Woltersdorff (Hg.), Global Justice and Desire. Queering Economy, London/New York 2015, S. 31–47.)
  23. Vgl. Paul B. Preciado, Testo Junkie. Sex, Drogen und Biopolitik in der Ära der Pharmapornographie, übers. von Stephen Geene, Berlin 2016.
  24. David Harvey, The New Imperialism, Oxford 2005, S. 145–150.
  25. Suely Rolnik, Anthropophagic Subjectivity, in: Paulo Herkenhoff / Adriano Pedrosa (Hg.), Arte Contemporânea Brasileira. Um e/entre Outro/s, XXIVa Bienal Internacional de São Paulo, São Paulo 1998, S. 128–147, hier S. 144.
  26. Man kann durchaus davon ausgehen, dass die beiden prominenten Bände von Deleuze und Guattari zu Schizophrenie und Kapitalismus (Anti-Ödipus und Tausend Plateaus) in ihren performativen Theorieeffekten das gegenwärtige Denken des Begehrens maßgeblich geprägt haben. (Vgl. dazu Marie-Luise Angerer, Vom Begehren nach dem Affekt, Zürich 2007, S. 18 und 103.)
  27. So schreiben Deleuze und Guattari in Tausend Plateaus: „Werden heißt, ausgehend von Formen, die man hat, vom Subjekt, das man ist, von Organen, die man besitzt, oder von Funktionen, die man erfüllt, Partikel herauszulösen, zwischen denen man Beziehungen von Bewegung und Ruhe, Schnelligkeit und Langsamkeit herstellt, die dem, was man wird und wodurch man wird, am nächsten sind. In diesem Sinne ist das Werden der Prozeß des Begehrens.“ (In: Gilles Deleuze / Félix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, hrsg. von Günther Rösch, übers. von Ronald Vouillé, Berlin 1992, S. 371.)
  28. Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung, übers. von Joseph Vogl, München 1976, S. 76.
  29. Florian Mildenberger, Rezension zu: Guy Hocquenhem. Das homosexuelle Begehren, in: Sexuologie. Zeitschrift für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft 27 (2020), 1–2, S. xx-yy, hier S. 72 f.
  30. Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, S. 44.
  31. Vgl. Gabriele Dietze / Julia Roth, Right-Wing Populism and Gender. A Preliminary Cartography of an Emergent Field of Research, in: dies. (Hg.), Right-Wing Populism and Gender. European Perspectives and Beyond, Bielefeld 2020, S. 7–22.
  32. Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, S. 136. Man bezog sich dabei auf ein provozierendes, prominentes Zitat Jean Genets, der 1964 in einem Interview mit dem Playboy-Magazin geäußert hatte, er stünde womöglich nicht auf Seiten der algerischen Befreiungsfront, wäre er nicht mit so vielen Algeriern ins Bett gegangen (vgl. ebd., S. 54). Anzumerken ist zweierlei: Erstens riskierte der FHAR mit solchen sexuellen Bekenntnissen und erotisierten Bildern arabischer Männer, diese erneut zu orientalisieren. Zweitens nahm Hocquenghem später in seinem Leben den Dialog zu Vertretern der selbsternannten Nouvelle Droite auf, namentlich zu Renaud Camus und Alain de Benoist, deren Anliegen er in mancherlei Hinsichten als legitim erachtete (vgl. Lukas Betzler / Hauke Branding, Guy Hocquenghems radikale Theorie des Begehrens – Nachwort zur Neuherausgabe, in: Guy Hocquenghem, Das homosexuelle Begehren, Hamburg 2019, S. 151–187, hier S. 181).
  33. Die Persistenz dieser affektpolitischen Aufregung ist wenig verwunderlich, da sie konstitutiv für rechte Ideen und Politiken ist: „The binary of healthy virility versus a disturbing sexual perversion was foundational for the modern ultranationalist French far right, which had emerged in the late nineteenth century.“ (In: Todd Shepard, Sex, France & Arab Men, 1962–1979, Chicago, IL / London 2017, S. 28).
  34. Ebd., S. 65.
  35. Vgl. ebd., S. 64.
  36. Vgl. ebd., S. 101.
  37. Vgl. Volker Weiß, Nachwort, in: Theodor W. Adorno, Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, Berlin 2019, S. 59–88, hier S. 73 f.
  38. Vgl. Birgit Sauer, Authoritarian Right-Wing Populism as Masculinist Identity Politics. The Role of Affects, in: Gabriele Dietze / Julia Roth (Hg.), Right-Wing Populism and Gender. European Perspectives and Beyond, Bielefeld 2020, S. 24–40, hier S. 32.
  39. Vgl. Wendy Brown, Mauern. Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität, übers. von Frank Lachmann, Berlin 2018.
  40. Vgl. Andreas Gehrlach / Jule Govrin, Vive la Différence?, in: Geschichte der Gegenwart, 13.6.2018, https://geschichtedergegenwart.ch/vive-la-difference-wenn-linke-und-rechte-von-differenz-reden-meinen-sie-nicht-das-gleiche (28.11.2021).
  41. Verónica Gago, Für eine feministische Internationale. Wie wir alles verändern, übers. von Katja Rameil, Münster 2021, S. 139.
  42. Ebd. S. 275.
  43. Verónica Gago, Feminist International. How to Change Everything, London 2020, S. 2. Leider wird in der deutschsprachigen Ausgabe deseo mit Wunsch übersetzt, was gegenüber dem Begehrensbegriff wesentlich unpolitischer ist und die intellektuelle Linie verdeckt, die sich von Spinoza über Deleuze und Guattari zu Gago zieht.
  44. FHAR, Rapport contre la normalité, eig. Übers., Paris 1971, S. 58 f. (28.11.2021).
  45. Gago, Feminist International, S. 3.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Gender Kapitalismus / Postkapitalismus Körper

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Jule Govrin

Dr. Jule Govrin forscht an der Schnittstelle von Sozialphilosophie, Feministischer Politischer Philosophie, Politischer Theorie und Ästhetik. Sie arbeitet am Frankfurter Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und ist Redakteur:in beim wissenschaftlichen Magazin Geschichte der Gegenwart. 2020 erschien ihr Buch „Begehren und Ökonomie. Eine sozialphilosophische Studie“ im De Gruyter Verlag. Im Frühjahr 2022 erscheint der Essay „Politische Körper. Von Sorge und Solidarität“ bei Matthes & Seitz.

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