Dirk Baecker | Rezension | 26.03.2026
Kybernetik und Systemtheorie
Rezension zu „Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst“ von Anna-Verena Nosthoff
„Ich bin nicht anders. Ich bin P.I.X.A.L., die Primäre Interaktive eXterne Assistierende Lebensform.“[1] So entgegnet P.I.X.A.L., ein weiblicher Nindroid, dem Weißen Ninja Zane, als dieser die Möglichkeit ihrer Freundschaft mit dem Satz begründet, sie seien „alle anders“, nämlich auf unterschiedliche Weise organisch oder technisch verfasst und dennoch einer Verbindung fähig. Mit dem Satz „Ich bin nicht anders“ leugnet P.I.X.A.L. nicht nur die Relevanz eingespielter Differenzen, sondern postuliert zugleich und ziemlich brüsk eine Einmaligkeit und Vorherrschaft, die keinen Unterschied mehr kennt.
In der Ninjago-Welt von Lego wird damit eine Pointe gesetzt, die die Kybernetik seit den 1940er-Jahren beschäftigt und die Anna-Verena Nosthoff in ihrem Buch Kybernetik und Kritik bis in die Gegenwart verfolgt.[2] Die Kybernetik deckt „Strukturanalogien zwischen innerpsychischer, kooperativ-organisierter und maschineller Informationsverarbeitung“ auf, die, so Niklas Luhmann,[3] „auch den Willensbegriff“ erfassen, das heißt, es erlauben, ihn als „Aspekt eines Entscheidungsverfahrens“ zu definieren: „[S]o kann er auf alle drei Arten von Entscheidungssystemen angewandt werden, und auch die Probleme der Rationalisierung des Willens treten in allen drei Systemen analog auf.“ Nicht der Wille unterscheidet den Menschen von der Maschine, sondern der Umgang mit Rationalitätsproblemen. Vergleicht man den Menschen mit der Maschine, so Luhmann weiter, kommt man vermutlich zu dem Ergebnis, „daß der Mensch zum Entscheiden weniger Willen braucht, also lernfähiger ist, als die Maschine“. [4]
„Ich bin nicht anders“ heißt unter diesen Umständen, dass die Analogien überschätzt und die Differenzen unterschätzt werden. Nosthoff zeigt, dass diese Geste sowohl für die Kybernetik als auch für ihre Kritik typisch ist. Die Konzepte der Rückkopplung, Black Box, Homöostase, stochastischen Information und binären Entscheidung akzeptieren keine Ausnahme. Sie dominieren das Verhalten von Organismen, die Kommunikation und Kontrolle von Organisationen sowie die Rechenoperationen von Computern. Die Kritik kann nur an Ideen eines autonomen Subjekts und einer emanzipierten Gemeinschaft festhalten, für die es spätestens seit Kant keine Begründung mehr gibt. Das autonome Subjekt ist transzendental und die emanzipierte Gemeinschaft durch ihre eigenen Gesetze der Mitteilung gesteuert. Die Kybernetik spricht nur aus, was die alten Griechen, die neuzeitliche politische Theorie, die Philosophie des Idealismus und die Romantik – vom Roman, von der Ideologiekritik, der Psychoanalyse und der Wissenssoziologie zu schweigen – längst wussten. Unabhängigkeit gibt es nur im Medium von Abhängigkeiten.
Nosthoff kann dennoch am Titel ihres Buches festhalten. Sie findet einen dritten Terminus, der Kybernetik und Kritik auseinanderhält und verbindet, den Terminus der Krise: „Die Krisis, das belegt die Geburt der Kybernetik aus dem Geiste der Entropie, der Unordnung und des andauernden Ausnahmezustands, auf den sie seit ihren Gründungsjahren permanent reagieren muss, war schon immer ihre produktive Rückseite und ihr eigentlicher Ausgangpunkt.“ (S. 447) Allerdings gelingt es der Kritik nicht, die Krise zu begründen. Irgendetwas scheint doch „anders“ zu sein.
Nosthoff kennt mindestens vier Momente der Kritik an der Kybernetik: erstens die philosophische Kritik der Kybernetik erster Ordnung, die danach fragt, was aus dem „Geist“ der Menschen wird; zweitens die Kritik der Kybernetik erster Ordnung durch die Kybernetik zweiter Ordnung, die die Kybernetik auf sich selbst anwendet und den Beobachter einführt; drittens die Kritik der Kybernetik durch soziale Bewegungen, die die Möglichkeiten der Vernetzung für politische Ziele nutzen; und viertens eine Art „existenzieller“ Kritik, die auf die Bedeutung einer materiellen Infrastruktur (inklusive Energieverbrauch), einer beunruhigten Psyche und einer ausbeuterischen Arbeit (ghost work) hinweist. Doch warum ist die Krise konstitutiv für die Kybernetik (vgl. S. 29, 191 ff., 264, 335 ff., 439 ff., 489 und öfter)? Warum findet die Kritik immer wieder Ansatzpunkte, ohne dem Spuk ein Ende bereiten zu können?
Nosthoffs Buch ist ein prägnantes Referat der frühen wie späten Kybernetik, der zeitgenössischen Kritik an der Kybernetik und der aktuellen Gegenwart der Kybernetik in einem Zeitalter der Überwachung. Die Systemtheorie, obwohl „Nachfolgerin“ (S. 20) und „Kind“ (S. 588, Fußnote 27) der Kybernetik, wird weitgehend ausgespart. Das ist einer ursprünglich als Dissertation eingereichten Arbeit, deren Fokus begrenzt sein muss, nicht vorzuwerfen, überrascht jedoch bei einer Dissertation, die immerhin an einem Institut für Soziologie, nämlich der Universität Freiburg, angefertigt wurde. Es spricht für ein großes Vertrauen in die Ressourcen der philosophischen Kritik, wenn eine soziologische Systemtheorie ungenutzt bleibt, die sowohl die Reichweite kybernetischer Konzepte als auch die Realität der gegenwärtigen Überwachungsgesellschaft beleuchten kann.
Die Folgen dieser Ökonomie des Arguments sind schnell benannt. Es ist die Umwelt der Systeme, die in den blinden Fleck der Unterscheidung von Kybernetik und Kritik gerät, und es ist das Konzept der Environmentalität (Erich Hörl), dessen kategoriale Schieflage dadurch nicht in den Blick genommen werden kann.
Das mögliche Missverständnis ist bereits eine Gründungfigur der Kybernetik. Was versteht man unter einer Rückkopplung? Man interpretierte James Watts Fliehkraftregler und James Clerk Maxwells governor als Teil der Maschine, ohne zu berücksichtigen, dass die Kreiskausalität einer Wirkung (Geschwindigkeit), die zur Ursache ihrer Ursache wird (Drosselung), einen Bruch zwischen System und Umwelt voraussetzt. Die Geschwindigkeit der Maschine ist ein Umstand in der Umwelt der Maschine. Sie ist das Andere der Maschine und macht sie zu einer anderen Maschine, die nur so auf sich selbst zurückwirken kann. Und, ja, das ist ein kontraintuitiver Gedanke.[5] Vielleicht erschließt er sich erst in einer durch Kants transzendentales Subjekt auf die richtige Spur gesetzten Lektüre der Kybernetik durch, zum Beispiel, die Psychoanalyse.[6]
Spätestens der zweite Grundbegriff der Kybernetik, der Begriff der Black Box, sollte deutlich machen, worum es geht. Es geht um eine Kontrolle, die das Verstehen einklammert.[7] Die Kontrolle kontrolliert nicht die Maschine oder das System, sondern dessen Interaktion mit seiner Umwelt, zu der, mehr oder minder verlässlich, die Kontrolle zählt, letztlich also: Die Kontrolle kontrolliert sich selbst. Wer kontrolliert, kontrolliert sich im Umgang mit einem undurchschaubaren, unverständlichen und unberechenbaren System. Die Kontrolle baut ein Gedächtnis des kontrollierenden Systems und der Interaktion mit dem kontrollierten System auf, aber sie beherrscht das kontrollierte System nicht! Das ist der angelsächsische Sinn von control.
Kein Kybernetiker hat diese epistemologische Pointe der Kybernetik deutlicher auf den Punkt gebracht als Ranulph Glanville.[8] Jede Kontrolle, die Nosthoff von der Kontrolle subjektiven Verhaltens über die politische Steuerung bis zur Manipulation der Öffentlichkeit ausführlich referiert, muss kybernetisch unter diesem Gesichtspunkt der Selbstkontrolle gelesen werden, will man nicht hinter Platon, Machiavelli, Kant und eine simple Vorstellung der Ausübung von Macht zurückfallen, die mit der Wirklichkeit gesellschaftlicher Verhältnisse nichts zu tun hat. Diese selbstreferenzielle Wende ist auch die Pointe von Michel Foucaults Begriff der governmentality.[9] Dass die Selbstkontrolle sich immer wieder als attraktiv erweist für Subjekte, die sich kontrollieren lassen, bestätigt nur die Notwendigkeit, hier begrifflich scharf zu bleiben.
Der Begriff der Homöostase, der Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts, gerne erweitert zum Begriff des Homöochaos, der Aufrechterhaltung einer steten Unruhe,[10] entwickelt diese Problemstellung der Undurchschaubarkeit und Unberechenbarkeit weiter. Er formuliert die Forderung der Anpassung als eine Anpassung an eine innere Umwelt. Was immer dem System ihrerseits (nämlich bezogen auf die Umwelt) undurchschaubar und unberechenbar in einer äußeren Umwelt widerfährt, kann vom System nur überlebt und bewältigt werden, wenn es bestimmte Parameter seiner inneren Umwelt stabil beziehungsweise hinreichend unruhig hält. Auf den Reiz, so schon Freud, reagiert das System eben nicht mit einer Reaktion, sondern mit einer „Reizabfuhr“,[11] die von außen nicht zu erschließen ist. Die behavioristische „Reaktion“ ist nur deren Symptom.
Diese an lebenden Systemen entwickelte Vorstellung ist auch von der soziologischen Systemtheorie kaum aufgegriffen worden, obwohl bereits Herbert A. Simon die einigermaßen radikale Konsequenz gezogen hat, das System auf eine Schnittstelle („thin interface“) zwischen innerer und äußerer Umwelt zu reduzieren.[12] Hier könnte und sollte weitere Forschung ansetzen, die, nebenbei bemerkt, gut mit dem Konzept einer Netzwerkökologie verknüpft werden kann, das es erlaubt, auch mit der Variablen einer (inneren) Hierarchisierung zu rechnen.[13] Bisher haben sich jedoch nur Talcott Parsons und Niklas Luhmann der Aufgabe gestellt, die Selbst- und Fremdreferenz der Operation eines sozialen Systems sowie die Struktur seiner Hierarchisierung aus jeweils einem Typ der Operation (action beziehungsweise Kommunikation) heraus zu entwickeln.
Die Weiterentwicklung der Kybernetik erster Ordnung (Kybernetik beobachteter Systeme) zu einer Kybernetik zweiter Ordnung (Kybernetik beobachtender Systeme) lag angesichts der Komplikationen, auf die das Systemverständnis der Kybernetik stieß, schon fast auf der Hand. Margaret Mead, Hans Jonas (an dessen frühe Kritik der Kybernetik Nosthoff erinnert) und Heinz von Foerster machten darauf aufmerksam, dass jede Einsicht, die aus der Kybernetik über die Funktionsweisen von Gehirn, Verhalten und Bewusstsein zu gewinnen ist, auch auf die Kybernetik selbst und den Kybernetiker (als lebendes und denkendes System) angewendet werden muss. Spätestens in therapeutischen Anwendungen, ganz zu schweigen von Kommunikation und Kontrolle in Organisation und Gesellschaft, fällt auf, dass der Gegenstand nicht stillhält, sondern seinerseits beobachtet. Alle Konzepte der Kybernetik müssen auf eine Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung gehoben werden, um den eigenen Standpunkt mit seiner Perspektive reflektieren und dem Gegenstand dieselben Privilegien und deren Probleme beziehungsweise Paradoxien zurechnen zu können. Man kann vom Gegenstand nur um den Preis abstrahieren, ihn als Black Box, mindestens jedoch als Rauschen wiedereinzuführen. Es ist das Rauschen, wie man weiß,[14] das jene schwachen Signale verstärkt, aus denen auf unter Umständen fatale Entwicklungen geschlossen werden kann. An diesem Punkt endete nicht zufällig auch das sowjetische Interesse an der Kybernetik.[15]
Der Einbau von Systemreferenzen (wer beobachtet wen?) in die Kybernetik ist keine Laune der Biologie, Psychologie oder Soziologie zugunsten ihrer fachwissenschaftlichen Vorlieben, sondern elementarer Bestandteil der Kybernetik selbst. Die Ingenieurwissenschaften haben nach wie vor Schwierigkeiten, dieses Manöver mitzuvollziehen. Ihre Maschinen haben keine Selbstreferenz – ein Umstand, der mit dafür verantwortlich sein könnte, dass man jetzt so große Hoffnungen auf die großen Sprachmodelle der KI setzt. Die Kybernetik ist, so gesehen, keine eigenständige „Universalwissenschaft“, sondern eine allerdings revolutionäre Schleife in der Reflexion der Fachwissenschaften auf ihre eigenen Voraussetzungen, Ideen und Begriffe.[16] Es gibt Wissenschaften, die die Absolvierung dieser Schleife noch vor sich haben.
Revolutionär ist die erkenntnistheoretische Wende der Kybernetik schon deswegen, weil sie es den einzelnen Fachwissenschaften unmöglich macht (beziehungsweise unmöglich machen sollte), sich auf ihre jeweilige Systemreferenz zurückzuziehen. Kybernetik zu betreiben heißt, mit einer Vielfalt der Ausdifferenzierung von Systemen zu rechnen und auch für das je eigene System eine Umwelt zu unterstellen, in der andere Systeme, auch Systeme anderen Typs, ihr Unwesen treiben. Warum fällt es so schwer, nicht nur bis eins zu zählen, sondern Leben, Bewusstsein, Kommunikation und Technik zu unterscheiden, ihre orthogonale Stellung zueinander zu würdigen und ihre Formen der Koevolution, Korrelation, Synchronisation und Interpenetration zu untersuchen? Die Kybernetik brüstet sich damit, an Begriffen zu arbeiten, die Operationen gleich welchen Typs zu beschreiben vermögen. Doch diese Arbeit setzt voraus, dass man für die Unterschiedlichkeit der Operationen, denen die Schließung gelingt, und für die Unterschiedlichkeit der Materie, in denen sich diese Operationen realisieren, einen Blick hat. Es ist nicht alles gleich, was operiert. Es ist eine der Pointen der hier anschließenden Kognitionswissenschaften,[17] dass zwar alle Systeme ihre „Kognition“ (und das heißt nichts Geringeres als ihre Konstitution, Erkenntnis und Entwicklung) aus Unterscheidungen-und-Bezeichnungen gewinnen, aber auf unterschiedliche Art und Weise.
Das schließt ein, auch die eigenen Operationen in den Blick zu nehmen, sei es, dass man schreibt, spricht oder bastelt. Angesichts der Problemstellungen ebenso wie der Forschungsergebnisse der Kybernetik gilt das Verbot der Selbstexemtion, auch wenn einem nicht immer gefällt, was man zu sehen bekommt, wenn man kybernetische Ideen auf sich selbst anwendet.
Die Kybernetik stößt auf beobachtende Systeme, die undurchschaubar und unberechenbar sind, weil sie beobachten. Luhmann sprach von einer „Theorie unzuverlässiger Systeme“, die in der Kybernetik angelegt und von der Soziologie aufzugreifen sei.[18] Das ist keine rhetorische Wendung, sondern die Beschreibung eines Sachverhalts, wie schon John von Neumanns Formulierung der „synthesis of reliable organisms from unreliable components“ deutlich macht.[19] Sogar in Claude E. Shannons vieldiskutiertem Informationsbegriff steckt ein Bewusstsein dieses Sachverhalts. Denn es ist eben nicht, wie Nosthoff meint (S. 53), eine einfache, gar binäre „Entscheidungslogik“, die Shannons mathematische Kommunikationstheorie exerziert, sondern ein präzises Wissen um die Stochastik, die die einzelne Nachricht ebenso wie ihre Störung durch Rauschen kennzeichnet. Diese Stochastik relationiert die Quelle einer Nachricht („choice“) und das Rauschen („uncertainty“) und ist nur durch die Berechnung des Auswahlbereiches möglicher Nachrichten zu beherrschen.[20] Selbst wenn der Auswahlbereich durch ein Alphabet gegebener Buchstaben technisch fixiert ist, lauert hinter den Signalen die Semantik ihrer vielfach interpretierbaren Bedeutung. Stochastik heißt, dass nicht nur die Signale einem Zufallsprozess unterliegen, sondern auch ihre Interpretation ungewiss ist. Schon Charles Sanders Peirce hat deswegen den Dritten, den Interpretanten, eingeführt, und George Spencer-Browns Formkalkül zeigt, dass selbstreferenziell nur mit jenen Unterscheidungen gerechnet werden kann (aber auch muss), die mehrwertig in ihre eigene Form wiedereingeführt werden.[21]
Warum ist es so wichtig, auf der Unterscheidung von Systemreferenzen zu bestehen und die Undurchschaubarkeit, Unberechenbarkeit und Unzuverlässigkeit der Systeme zu betonen? Es ist so wichtig, weil es eine unmittelbare Bedeutung für die „Kritik“ hat, die Nosthoff der Kybernetik und ihrer persistenten Krise entgegenstellt. Diese Kritik müsste mit Zane, dem Weißen Ninja, darauf bestehen, dass wir „alle anders“ sind. Sie dürfte nicht aus den Steuerungs-, Regelungs- und Kontrollabsichten der kybernetischen Hexenmeister darauf schließen, dass diese auch gelingen. Sie müsste sich anschauen, dass der Streit um die Kybernetik ein Streit an Universitäten ist, an denen Fachwissenschaften mit ihren sei es altehrwürdigen, sei es innovativen Paradigmen gegeneinander antreten und leidenschaftlich ihre, wenn man so sagen darf, blinden Flecken pflegen. Sie müsste sich anschauen, dass der „kybernetische Kapitalismus“, der „kybernetische Staat“ und die „kybernetische Gesellschaft“ aus einer Vielzahl von Unternehmen, Behörden, Instituten und Milieus bestehen, die ihre je eigenen Technologien der Rückkopplung nutzen und mit unterschiedlichem Erfolg am Desaster einer Gesellschaft beteiligt sind, die jeden Abstand zu sich selbst verloren zu haben scheint. Sie müsste, kurz gesagt, die allzu dominanten Verhältnisse in ihre Unwahrscheinlichkeit zurückübersetzen und fände so zurück zu jener Kombination aus Faszination und Erschrecken, die die Kybernetik, das unterstreicht Nosthoff mehrfach, von Anfang an begleitet.
Ich kann das Interesse an einem Begriff der Environmentalität nachvollziehen.[22] Foucaults Gouvernementalität scheint ja in der Tat allgegenwärtig. Man lässt die Bevölkerung nicht mehr aus den Augen, auch wenn sich die gegenüber Teilen dieser Bevölkerung exklusiven Effekte einer Netzwerkgesellschaft, die ihre Zugänge mit nahezu technischer Gewalt regelt, zugleich nicht leugnen lassen. Inklusion und Exklusion arbeiten Hand in Hand. Der Begriff der Environmentalität formuliert das Phänomen einer Gesellschaft ohne Abstand. Es scheint keine Umwelt mehr zu geben, die nicht ihrerseits systemische Qualitäten hat. Vor der Allgegenwart organischer, mentaler, sozialer und technischer Rückkopplungen gibt es kein Entrinnen. Das Programm eines physikalischen Reduktionismus scheint sich auf eine überraschende Weise nun doch noch zu verwirklichen. Jedes System realisiert einen Energiekoeffizienten, der durch Signale aller Art laufend neu justiert wird. Aber eine Diagnose, die sich damit zufriedengibt, ist schlechte Kulturkritik. Anna-Verena Nosthoffs Buch zeigt überzeugend, dass es sich lohnt, die Prämissen zu untersuchen, mit denen kybernetische Modelle arbeiten, die Akteure zu benennen, die kybernetische Technologien einsetzen, und vor der Kraft der Verführung mit ihrem Versprechen von Glückshormonen, Profilierung und Reputation nicht die Augen zu verschließen, dank derer wir alle uns an dem Spiel beteiligen.
Aber die schärfste Waffe der Kritik, jetzt wieder im Sinne Kants, ist die Unterscheidung von System und Umwelt. Jedes System, sei es ein Unternehmen, eine Behörde, ein Institut oder der vielbeschworene Konsument, Wähler und Bürger (m/w/d), operiert in einer ihm äußerlichen und innerlichen, in beiden Fällen unbekannten, nur zu konstruierenden Umwelt. Seine Funktionen und seine Leistungen sind in diesem Sinne „transzendent“ in jeweils riskanten, mal zu sparsamen, mal überfordernden Rückkopplungen verankert. Es sind seine Operationen, deren materielle Voraussetzungen ihm unverfügbar sind. Nosthoff macht auf die „begriffliche Inkonsistenz“ (S. 77) aufmerksam, mit der von operational autonomen Systemen auf energetisch und materiell autarke Systeme geschlossen wurde. Das ist entscheidend. Aber das bedeutet nicht nur, die systemische Voraussetzung einer Umwelt, sondern auch die Differenz der Systeme anzuerkennen, die sich unter diesen unwahrscheinlichen Voraussetzungen jeweils operational geschlossen bewähren.
Es ist dann nur eine zusätzliche Pointe, wenn man erfährt, dass sich auch die Physik mit der konstruktiven Rolle des Beobachters anfreundet.[23] Er ist es, dessen Interaktion mit einem System quantenmechanisch für dessen Dekohärenz verantwortlich ist (mit einem schönen Begriff der Kohärenz als Menge aller Möglichkeiten). Vielleicht sollte die Wissenschaft den Umgang mit beobachtet-beobachtenden Systemen nicht der Science-Fiction überlassen.
Fußnoten
- Lego Ninjago, Staffel 3, Folge 2, „Die Kunst nicht zu kämpfen“, 13‘10‘‘, mit Dank an meinen Enkel Jonah.
- Siehe Anna-Verena Nosthoff, Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst, Berlin 2026. Seitenangaben im Text beziehen sich auf dieses Buch.
- Siehe Niklas Luhmann, Recht und Automation in der öffentlichen Verwaltung. Eine verwaltungswissenschaftliche Untersuchung, Berlin 1966, S. 33.
- Ebd.
- Siehe zur Geschichte des Konzepts auch Ulrich Bröckling, Über Feedback. Anatomie einer kommunikativen Schlüsseltechnologie, in: Michael Hagner / Erich Hörl (Hg.), Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik, Frankfurt am Main 2008, S. 326–347.
- Etwa Sigmund Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten [1905], Frankfurt am Main1992; Jacques Lacan, Le stade du miroir comme formateur de la fonction du Je [1949], in: ders., Écrits, Paris 1966, S. 89–97.
- So explizit W. Ross Ashby, Requisite Variety and Its Implications for the Control of Complex Systems, in: Cybernetica 1 (1958), 2, S. 83–99, hier S. 97.
- Siehe etwa Ranulph Glanville, The Form of Cybernetics. Whitening the Black Box, in: Brian R. Gaines (Hg.), General Systems Research. A Science, a Methodology, a Technology, Louisville, KY: Society for General Systems Research, 1979, S. 35–42 (wiederabgedruckt in: ders., The Black B∞x, Bd 1: Cybernetic Circles, Wien 2012, S. 425–437; deutsch in: ders., Objekte, übersetzt von Dirk Baecker, Berlin 1988, S. 99–118), und ders., Inside Every White Box There Are Two Black Boxes Trying To Get Out, in: Behavioral Science 27 (1982), 1, S. 1–11 (wiederabgedruckt in: ders., Black B∞x, S. 439–453; deutsch in: ders., Objekte, S. 119–147).
- Siehe Michel Foucault, Governmentality, in: Ideology and Consciousness 6 (1979), S. 5–21.
- So Kunihio Kaneko, Chaos as a Source of Complexity and Diversity in Evolution, in: Artificial Life 1 (1994), S. 163–177; und vgl. Walter B. Cannon, Organization for Physiological Homeostasis, in: Physiological Reviews 9 (1929), 3, S. 399–431, im Anschluss an Claude Bernard, Leçons sur la chaleur animale, sur les effets de la chaleur et sur la fièvre, Paris 1876, und seine Entdeckung des milieu intérieur.
- So Sigmund Freud, Entwurf einer Psychologie [1895], in: ders., Gesammelte Werke. Nachtragsband: Texte aus den Jahren 1885 bis 1938, hrsg. von Angela Richards, Frankfurt am Main 1999, S. 387–477, hier S. 389. Freud hat an diesem neurologischen Entwurf seiner Psychologie nicht festgehalten, aber der Abfuhrgedanke, so würde ich vermuten, bleibt ein Leitgedanke.
- Siehe Herbert A. Simon, The Sciences of the Artificial [1969], 3. Aufl., Cambridge, MA 1996, S. 113.
- Siehe Malte Doehne / Daniel A. McFarland / James Moody, Network Ecology: Introduction to the Special Issue, in: Social Networks 77 (2024), S. 1–4.
- Siehe J. J. Collins / Carson C. Chow / Thomas T. Imhoff, Stochastic Resonance without Tuning, in: Nature 376 (1995), S. 236–238.
- Siehe Igor V. Blauberg / Vadim N. Sadovsky / Erik G. Yudin, Systems Theory. Philosophical and Methodological Problems, Moskau 1977.
- Eindrucksvoll zeigt dies auch Norbert Bischof, Struktur und Bedeutung, 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, Bern 2016.
- Im Sinne von Francisco J. Varela, Kognitionswissenschaft – Kognitionstechnik. Eine Skizze aktueller Perspektiven, aus dem Englischen übersetzt von Wolfram Karl Köck, mit einem Vorwort von Siegfried J. Schmidt, Frankfurt am Main 1990.
- In: Niklas Luhmann, Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomenologie, Wien 1996, S. 52.
- Siehe John von Neumann, Probabilistic Logics and the Synthesis of Reliable Organisms from Unreliable Components, in: Claude E. Shannon / John McCarthy (Hg.), Automata Studies, Princeton, NJ 1956, S. 43–98.
- Siehe Claude E. Shannon, The Mathematical Theory of Communication (1948) in: ders. / Warren Weaver, The Mathematical Theory of Communication, Reprint Urbana, IL 1963, S. 29–125, hier S. 31, 40, 49, 65.
- Siehe, wie bekannt, Charles Sanders Peirce, Phänomen und Logik der Zeichen, hrsg. von Helmut Pape, Frankfurt am Main 1983; und: George Spencer-Brown, Laws of Form [1969], 5., intern. Ausgabe, Leipzig 2010.
- Siehe Erich Hörl, Critique of Environmentality. On the World-Wide Axiomatics of Environmentalitarian Time, in: ders. / Nelly Y. Pinkrah / Lotte Warnsholt (Hg.), Critique and the Digital, Zürich 2021, S. 109–145.
- So John L. Heilbron / Carlo Rovelli, Matrix Mechanics Mis-prized. Max Born’s Belated Nobelization, in: The European Physical Journal 48 (2023), Artikel Nr. 11.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.
Kategorien: Daten / Datenverarbeitung Gesellschaftstheorie Systemtheorie / Soziale Systeme Technik
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