Frederik R. Heinz | Rezension | 26.03.2026
Kybernetik und Staat
Rezension zu „Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst“ von Anna-Verena Nosthoff
Mit ihrem Buch Kybernetik und Kritik legt Anna-Verena Nosthoff eine beeindruckende und detailreiche Materialsammlung vor, die das Konzept der Kybernetik genealogisch rekonstruiert und mit der Gegenwart in Verbindung bringt. Damit widmet sie sich einem schwer greifbaren Gegenstand: Kybernetik ist weder leicht zu definieren noch eindeutig zu lokalisieren. Sie erscheint weniger als geschlossene Ideologie denn als eine Denkform, die – so zitiert Nosthoff den bekannten Datenwissenschaftler Alex Pentland – „everywhere, like air“ (S. 11) existiert.
In Nosthoffs Darstellung bezeichnet Kybernetik zunächst eine Wissenschaft sich selbst regulierender Systeme und jener Kommunikationskanäle, mittels derer sie sich stabilisieren. Zugleich entwickelt sich die Kybernetik zu einer allgemeinen Rationalitätsform, die als Hintergrundlogik alle Lebensbereiche prägt. Kybernetik sei, obwohl eigentümlich unentdeckt, omnipräsent. Es ist die erklärte Absicht der Autorin, dieses „kybernetische Vorzeichen der Gegenwart“ (S. 14) aufzudecken und zu markieren.
Zu diesem Zweck sortiert Nosthoff ihr Material entlang einer Expansionsgeschichte kybernetischen Denkens: Von der Kybernetisierung des Subjekts (Kapitel 2, Seite 39 ff.), das als begrenzt rationales und primär steuerbares Wesen erscheine, über die Kybernetisierung der Öffentlichkeit (Kapitel 5, S. 301 ff.), die deliberative Prozesse durch datenbasierte Feedbackstrukturen ersetze, bis zur der Kybernetisierung des Politischen (Kapitel 3, S. 147 ff.). Letzteres scheint besonders zentral, weil die Kybernetik, verstanden als „Regierungskunst“ per se, in die Sphäre des Politischen fällt. Im Folgenden möchte ich mit Fokus auf dieses letztgenannte Kapitel einen Aspekt diskutieren, der das Verhältnis von Ideologie und politischen Institutionen betrifft. Konkret werde ich argumentieren, dass eine aus der Diagnose eines kybernetischen Vorzeichens abgeleitete These eines postpolitischen Zustandes dazu tendiert, institutionelle Konstellationen nicht hinreichend zu bestimmen und den Staat als möglichen Ort politischer Gegensteuerung vorschnell aus dem Blick zu verlieren. Mit „postpolitischem Zustand“ beziehe ich mich auf das in der Politischen Theorie vielfach beschriebene (und für die Kybernetik zentrale) Motiv, Politik werde durch alternative Logiken (beispielsweise eine technische) abgelöst.
Technokratie zwischen Technik- und Staatskritik
Die Kybernetisierung des Politischen führt Nosthoff bis in die antike politische Philosophie und damit in die Begriffsgeschichte zurück. Der Kybernetes – griechisch für Steuermann – wird bereits zu diesem Zeitpunkt vom Kapitän auf See zum umsichtigen Staatsmann. Bei Platon, so Nosthoff, erscheint er „als flexibel reagierender Technokrat, als seltener Experte, der über eine nahezu ganzheitliche Umsicht und konzentrierte Einsicht verfügt“ (S. 149). Der nautische Steuermann, der auch bei Sturm durch adaptives Verhalten und gezielte Interventionen das Schiff auf Kurs halten muss, liefert die assoziative Blaupause für moderne Steuerungs- und Regulierungsprogramme. Solche findet Nosthoff etwa in der politischen Kybernetik von Karl Deutsch. Dieser formulierte die Idee adaptiver Systemerhaltung unter den Bedingungen optimierter Informationsverarbeitung neu und entwickelte daraus einen „prozeduralen Konservatismus“ (S. 190), in dem gesellschaftliche Transformationen durch kontinuierliche Anpassungen begleitet werden, oder wie Nosthoff zusammenfasst: „Wenn das System bleiben soll, wie es ist, muss es sich verändern, immer neu in-formieren.“ (ebd.)
Die hier enthaltenen Motive werfen vertraute Fragen der Politischen Theorie auf: Droht die Maxime politischer Systemstabilisierung demokratisch bestimmte Zielvorgaben zu ersetzen? Verselbstständigt sich eine epistemologisch überlegene Exekutive gegenüber einer defizitären Legislative? Tritt schließlich Technik an die Stelle von Politik?
Als Karl Deutsch 1973 seine Überlegungen publizierte, wurden solche Fragen bereits seit zwei Jahrzehnten intensiv diskutiert – allerdings kaum unter dem Vorzeichen der Kybernetik, sondern dem der Technokratie. Innerhalb dieser Debatte, die Nosthoff ausführlich rekonstruiert, lassen sich zwei Stränge unterscheiden: Der erste begreift Technokratie als Form instrumenteller Herrschaft einer technisch (auf-)gerüsteten Administration; der zweite versteht Technokratie als Herrschaft der Technik selbst. Beide bedrängen die Politik auf unterschiedliche Weise.
Karl Deutsch vertrat die erstgenannte Ansicht. Seine Idee eines „feedbacklogisch grundierten Informationsstaats“ (S. 174) zielte primär auf die Stärkung staatlicher Steuerungskapazitäten. Wie Nosthoff herausstellt, lässt die politische Kybernetik sich „als neuer, technisch versierter Lösungsvorschlag für das Hobbessche Problem lesen, wie anarchisches Chaos in geregelte Ordnung zu überführen ist“ (S. 179). Deutschs Staatsmodell kann insofern als apolitisch gelesen werden, als durch ständige Steuerung eine hyperstabile Gesellschaft anvisiert wird, in der politischen Konflikten immer schon vorgebeugt wird. Gleichzeitig ist die Stabilisierung einer bestimmten Gesellschaftsform nichts anderes als ein politisches Ziel. Und es bleibt bei Deutsch der souverän handlungsfähige Staat, der Technik nutzt, um dieses politische Ziel durchzusetzen.
In Helmut Schelskys Technokratiekonzeption, die Nosthoff anschließend rekonstruiert, verschiebt sich der Akzent: Der Regierende erscheint nun weniger als „‚Entscheidender‘ oder ‚Herrschender‘“, sondern „als Analytiker, Konstrukteur, Planender, Verwirklichender“ (S. 211). Anstelle von Dezisionismus herrscht Sachzwang, anstelle des Politikers agiert der Techniker – doch der Fokus bleibt weiterhin auf der Exekutive, die sich technischer Mittel bedient.
Dagegen diagnostiziert die zweite Traditionslinie eine Verselbstständigung technischer Rationalität, derer sich der Staat gar nicht bemächtigen kann, weil er selbst von ihr geführt wird. Herbert Marcuses berühmter Satz „Nicht erst ihre Verwendung, sondern schon die Technik ist Herrschaft“[1] bringt diese Denkrichtung auf den Punkt. Im Kontext marxistischer Debatten war diese These insofern folgenreich, als der Eigenlogik technischer Rationalität mit einem Mal Vorrang gegenüber ökonomischen Bedingungen und institutionellen Gefügen eingeräumt wurde. Marcuse betrachtete Technik nicht als bloßes Werkzeug, sondern als grundlegendes Strukturmerkmal der Industriegesellschaft – „sie entwirft“, so schrieb er, „eine geschichtliche Totalität – eine ‚Welt‘“.[2]
Doch diese Diagnose führte Marcuse in einen Engpass: Hatte sich die technische Rationalität gegenüber ökonomischen Bedingungen und Staatsapparaten verselbstständigt, musste auch ihre Kritik über die politische Ökonomie oder staatliche Herrschaft hinausgehen – sie musste die technische Welt als Ganzes treffen. Marcuses Der eindimensionale Mensch endet mit einem Plädoyer für die große Weigerung, für die radikale Negation der herrschenden Totalität. Eine konkrete Praxis ließ sich daraus zwar nicht ableiten, es hielt aber die Hoffnung auf eine irgendwie geartete Befreiung aus der totalen Herrschaft der Technik aufrecht. Am Horizont dieser Befreiung stand die Utopie, die technische Totalität doch noch rekalibrieren zu können, die Technik wieder in den Dienst von Mensch und Natur zu stellen. Dafür brauche es nach Marcuse eine ganz neue Technik, die er freilich nicht näher zu beschreiben vermochte. Dieses Ergebnis von abstrakter Radikalkritik und hoffnungsvoller Utopie vermochte nicht alle zu überzeugen.
Eine Replik aus Frankfurt folgte bald: Zu Marcuses 70. Geburtstag bescherte Jürgen Habermas ihm eine argumentative Gegenoffensive, deren größtes Kaliber sein Aufsatz Technik und Wissenschaft als Ideologie (1968) war. Aus diesem hebt Nosthoff insbesondere Habermas ’ Pessimismus gegenüber einer „Reversibilität bzw. Umprogrammierung des technischen (und wissenschaftlichen) Prozesses“ (S. 233) hervor. Anstelle einer neuen, bei Marcuse noch als befreiend beschriebenen Technik gehe es Habermas, so Nosthoffs Schlussfolgerung, um eine demokratische Einhegung des technologischen Fortschritts. Er zähle „auf die Kraft des rationalen Diskurses und vernünftiger Willensbildungsprozesse“ (S. 234), um die Entwicklung und Nutzung von Technologien sinnvoll einzugrenzen.
Dieser Ansatz krankt laut Nosthoff an zwei Problemen: Zum einen setze dieser diskursethische Lösungsvorschlag paradoxerweise auf kommunikative Ressourcen, die ihrerseits von der technisch bedingten zweckrationalen Überformung betroffen sind. Zum anderen zeige sich bei Habermas ein „unterkomplexes Technikverständnis“ (S. 234), insofern er davon ausging, dass „der Gebrauch von Technologien auf spezifische Bereiche begrenzbar ist“ (S. 234), er also der These einer sich verselbstständigenden Technik widerspricht. Habermas vertrat somit, um in der hier getroffenen Einteilung zu bleiben, die erste Traditionslinie: Technokratie war für ihn (wie auch immer ideologisch getarnt) zuallererst Resultat einer ökonomisch-staatlichen Konstellation. Im Fokus stand daher eine Kritik administrativer Staatsapparate, die er in späteren Texten weiter ausführte.
Eine Möglichkeit, der Radikalkritik Marcuses beizupflichten, ohne aber dessen Utopismus einzukaufen, findet Nosthoff beim Technikphilosophen Günther Anders. Dieser formuliere eine – im Vergleich zu Habermas – „komplexere Lesart kybernetischer Technokratien“ (S. 237), die bewusst von der Eingrenzung der Herrschaftsform als staatlich-institutioneller Herrschaft abstrahiere: „Für Anders erschöpft sich Technokratie keineswegs in einer wie auch immer gearteten Herrschaft von Technikern. ‚Technokratie‘ beschreibt vielmehr einen […] dezentral verstandenen Zusammenhang vernetzter Geräte“ (S. 238). Anders liefere auf diese Weise eine neue Akzentuierung, die „weniger auf die ‚institutionalisierte‘ Zentralperspektive [sondern] auf dezentrale Transparenzregime“ (S. 247) abziele, weniger auf die technisch potenzierte Macht der Staatsapparate als auf die „gouvernementale Kraft technischer Ensembles selbst“ (S. 250).
Ideologie und institutionelle Gefüge
Dass Nosthoff die auf dezentrale Transparenzregime fokussierte Technokratiekritik von Anders favorisiert, zeigt, dass sie die Dezentralisierung des Staates für besonders aussichtsreich hält, um eine progressive Kritik an (neo-)kybernetischer Postpolitik zu formulieren. Das ist schlüssig, wenn Technokratie als spezifischer Anwendungsfall einer umfassenderen Herrschaftslogik verstanden wird. Mir scheint diese Dezentrierung aus mindestens zwei Gründen riskant: Erstens kann die Akzentuierung einer verselbstständigten technischen Rationalität leicht ein Abstraktionsniveau erreichen, auf dem die Analyse konkreter institutioneller Entwicklungen in den Hintergrund gerät. So zieht auch Nosthoff empirische Beispiele eher anekdotisch hinzu, um die These einer sich realisierenden Ideologie zu belegen, statt diese umgekehrt aus ihnen abzuleiten. Wie in vielen Kritiken digitaler Regierungskünste stehen auch bei ihr Beispiele aus den Bereichen prädiktiver Polizeiarbeit und Überwachungstechnologien im Fokus, die klarerweise kontrovers sind, in Wahrheit aber nur einen geringen Teil staatlicher Technologienutzung ausmachen.
Zweitens droht nicht nur in der Analyse, sondern auch in der Kritik eine Fokussierung der ideologischen Ebene den Blick auf die institutionellen Gefüge zu verstellen. Die Kritik der hintergründigen Logik der Kybernetik statt der Oberflächenphänomene mag zwar zunächst radikaler wirken. Doch scheint eine Konsequenz dieser Abstraktion einer technokratischen als eigentlich kybernetischen Herrschaft darin zu liegen, dass durch die notwendige Ausweitung der Kritik die für herrschende Regierungskünste zentrale Arena der Staatsgewalt zu sehr aus dem Blick gerät. Das zeigt sich mitunter in Nosthoffs Diskussion aktueller Diskursstränge, die eine Gegenwärtigkeit der Kybernetisierung des Politischen belegen sollen (Kapitel 7.3, S. 499 ff.). Dieser Beleg besteht in der Vorstellung dreier kontemporärer Technokratie-Varianten: Parag Khannas „Direkte Technokratie“ (S. 499 ff.), Beth Novecks „smarter Staat“ (S. 509 ff.) und Tim O’Reillys „Government as a Platform“ (S. 516 ff.). Nosthoff legt überzeugend dar, dass in allen drei Konzepten grundlegende kybernetische Motive fortgeführt werden. Das belegt jedoch kaum, dass aktuelle Digitalisierungsprojekte von Staatsapparaten zur Realisierung irgendeiner dieser Ideologien beitragen. Dafür wäre, so scheint mir jedenfalls, eine genaue Analyse der Verwaltungsorganisationen, ihrer genutzten Technologien und nicht zuletzt der in der Verwaltung vorherrschenden Steuerungsparadigmen unerlässlich.
In der kritischen Dezentrierung des Staates könnte weiterhin ein Grund dafür liegen, dass der Staat auch auf einer Lösungsebene bei Nosthoff keine Rolle spielt. Weder als Regulator noch als Instanz, die möglicherweise doch dazu in der Lage wäre, Technik anders zu nutzen (oder zu gestalten), als es die Chefideologen des Silicon Valley vorgeben wollen. Und wäre der Staat ohne Daten, Feedbackschleifen und adaptive Kurskorrekturen noch in der Lage, entsprechende Regulationen durchzusetzen? Mit anderen Worten: Wäre eine Ausrichtung technologischer Mittel auf politische Ziele nicht doch denkbar, ohne einem postpolitischen Solutionismus zu verfallen? Ohne den Staat als Lösungsressource bleibt jedenfalls unklar, welche Kraft sonst den (neo-)kybernetischen Ausschweifungen von technikoptimistischen Unternehmern wie Musk, Thiel und Zuckerberg etwas entgegensetzen soll.
Entsprechend düster fällt daher Nosthoffs Fazit aus. Skeptisch gegenüber Versuchen „eine[r] emanzipative[n] Nutzung der Kybernetik im Zeichen eines demokratischen Sozialismus“ (S. 604) bestimmt sie die Aufgabe der Gegenwart darin, negative Kritik zu formulieren (ebd.). Ähnlich wie Marcuse, dessen Der eindimensionale Mensch mit Walter Benjamins Satz „Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben“ endete, versucht auch Nosthoff mit ihrem letzten Satz, der nochmals Günther Anders zitiert, Mut zu machen: „Wenn ich verzweifelt bin, was geht’s mich an! Machen wir weiter, als wären wir es nicht!“ Weitermachen als Prinzip, trotz düsterer Aussicht. War bei Marcuse die Hoffnung noch auf Utopien einer neuen Technik gestützt und beim anti-utopischen Habermas der deliberative Ausweg gut gemeint, aber in der Umsetzung paradox, scheint die allgemeine Lage in Anbetracht der Lektüre von Nosthoffs Buch geradezu fatalistisch.
Demgegenüber könnte eine Refokussierung auf den Staat analytische Vorteile bieten. Erstens würde sie die Möglichkeit eröffnen, technokratische Ideologien nicht abstrakt aus technischen Rationalitäten abzuleiten, sondern aus konkreten institutionellen Konstellationen zu rekonstruieren. Auch heute noch scheint es mir plausibel, dass Habermas – ebenso wie Claus Offe oder Joachim Bergmann – darauf insistierte, eine Kritik technokratischer Herrschaft könne nicht auf die Analyse des Anwendungsrahmens von Technik verzichten. Gerade mit Blick auf gegenwärtige Entwicklungen stellt sich die Frage, ob beispielsweise jeder staatlich-administrative Einsatz prädiktiver Analytik bereits als Ausdruck einer kybernetischen Postpolitik gelten muss. Zwar gehören prädiktive Analysen und algorithmische Simulationen zweifellos zum klassischen Instrumentarium kybernetischer Steuerungslogiken. Doch wird mir nicht ersichtlich, dass ihr Einsatz notwendigerweise zu einer Entpolitisierung politischer Entscheidungsprozesse führt. Auch datengestützte Prognosen oder Feedbackschleifen ließen sich an politisch definierte Zielvorgaben koppeln und innerhalb demokratischer Entscheidungsstrukturen einhegen. Eine solche Perspektive erlaubt es, den administrativen Einsatz bestimmter Technologien nicht vorschnell als Realisierung einer kybernetischen Ideologie zu deuten, sondern zunächst nach den institutionellen Bedingungen ihrer Anwendung zu fragen.
Zweitens rückt eine solche Perspektive den Staat nicht nur als Teil des Problems, sondern auch als potenziellen Akteur einer Lösung wieder stärker in den Fokus. Denn falls die Diagnose einer postkybernetischen Gegenwart, in der Kybernetik allgegenwärtig geworden ist, zutreffen sollte, erscheint es fraglich, ob eine Kritik, die staatliche Institutionen primär als Teil dieser Logik begreift, überhaupt hinreichende Gegenkräfte mobilisieren kann. Es ist jedenfalls schwer vorstellbar, welcher andere Akteur über vergleichbare Ressourcen verfügt, um technologische Entwicklungen zu regulieren, ihre gesellschaftlichen Folgen zu begrenzen oder private Machtkonzentrationen zu kontrollieren. Ein Staat, der sich diesen Aufgaben annimmt, wird allerdings paradoxerweise kaum darauf verzichten können, selbst auf datenbasierte Technologien zurückzugreifen.
Gerade hier zeigt sich eine Spannung, die in Nosthoffs Arbeit zwar eindrucksvoll sichtbar wird, aber analytisch noch weiter ausgelotet werden könnte: Die politische Frage nach digitalen Regierungskünsten besteht womöglich weniger darin, welche ideologischen Vorzeichen bestimmte Technologien begleiten, sondern darin, unter welchen institutionellen Bedingungen und in Bezug auf welche Zwecke technokratische Ideologien möglich und wirksam werden.
Der hier formulierte Einwand schmälert keineswegs den Wert von Nosthoffs Studie. Kybernetik und Kritik bietet eine ebenso lehrreiche wie materialgesättigte Genealogie kybernetischen Denkens und legt überzeugend offen, wie tief Letzteres in gegenwärtige Diskurse der Steuerung, Optimierung und datenbasierten Regulation eingelassen ist. Gerade weil Nosthoff diese ideengeschichtlichen Linien so eindrucksvoll freilegt, stellt sich umso dringlicher die Frage nach den politischen Institutionen, in denen sich diese Rationalitäten konkret materialisieren und möglicherweise auch begrenzen lassen. Womöglich liegt gerade darin die produktive Herausforderung, die von Nosthoffs Buch ausgeht: Die Kritik kybernetischer Regierungskünste nicht auf eine Kritik staatlicher Handlungsfähigkeit zu verengen, sondern die Potenziale ihrer Repolitisierung neu zu bestimmen.
Fußnoten
- Herbert Marcuse, Industrialisierung und Kapitalismus, in: Otto Stammer (Hg.), Max Weber und die Soziologie heute. Verhandlungen des 15. Deutschen Soziologentages in Heidelberg 1964, Tübingen 1965, S. 161–180, hier S. 179.
- Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Hamburg 1967, S. 169.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.
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