Karsten Malowitz | Zeitschriftenschau | 30.10.2026
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Die Zeitschriftenschau im Oktober 2026
Die Soziologie ist ihrem Begriff nach die Wissenschaft von der Gesellschaft. Als solche kommt sie nicht umhin, sich zur Historizität und Wandelbarkeit ihres Gegenstands zu verhalten. Will sie die gesellschaftliche Wirklichkeit durchdringen, muss sie diese historisch situieren und inhaltlich auf den Begriff bringen, um sie von früheren Stadien oder Epochen zu unterscheiden. Der langen Liste gegenwartsdiagnostischer Deutungsangebote hat der im Oktober 2025 emeritierte Freiburger Soziologe Ulrich Bröckling nun einen weiteren interessanten Vorschlag hinzugefügt. In Heft 1/2026 der Zeitschrift WestEnd skizziert er unter dem Titel „Invertierte Zukunft“ die Konturen der von ihm konstatierten Zuspätmoderne.
Bröckling beginnt mit der auffallenden Widersprüchlichkeit des Konzepts der Spätmoderne, das vielen als Signum der Gegenwart gilt. Es antizipiere auf der semantischen Ebene ein Ende der Moderne, könne dies jedoch auf der inhaltlichen Ebene nicht einlösen, da es zwar eine gesteigerte Sensibilität für Krisen, Brüche und Transformationen besitze, diese aber gleichwohl innerhalb und nicht jenseits des Horizonts der Moderne denke:
„Die spätmoderne Kondition bedeutet, mit radikaler Diskontinuität zu rechnen und gleichzeitig auf Kontinuität zu setzen.“ (S. 4)
Die Zukunft erscheine vor diesem Hintergrund als „verfristete Zeit“ (ebd.), in der die historisch überlebte Moderne in Erwartung ihres bevorstehenden, aber stets aufgeschobenen Endes weiterexistiere. Diesem Zeitgefühl setzt Bröckling seinen gegenwartsdiagnostischen Begriff der „Zuspätmoderne“ entgegen. Diese sei charakterisiert durch die vage, aber nicht zuletzt deshalb wirkmächtige Vorstellung, dass der Zeitpunkt für die erfolgreiche Bearbeitung existenzieller gesellschaftlicher Probleme wie Klimawandel, Ressourcenknappheit oder Artensterben womöglich verpasst wurde und es für deren Lösung mithin zu spät sei. Bröcklings zentrales Interesse gilt dabei nicht der Frage, ob die Vorstellung der verstellten Zukunft berechtigt ist oder nicht, sondern den affektiven Energien, die sich mit ihr verbinden.
„Der Topos ,Zuspätmoderne‘ artikuliert eine Beobachtung zweiter Ordnung, die nicht über die Sachhaltigkeit der zugrunde liegenden Gegenwartsdeutung urteilt, sondern danach fragt, welche Erfahrungen und Erwartungen das kollektive Gefühl einer irreversibel verstellten Zukunft triggert und welche Effekte es zeitigt.“ (S. 5)
Zum besseren Verständnis der zuspätmodernen Kondition und ihres spezifischen Zukunftsbezugs rekurriert Bröckling auf die Anfänge moderner Zukunftsvorstellungen, wie sie maßgeblich von dem Historiker Reinhart Koselleck herausgearbeitet wurden. In seinen Studien zum Wandel der Temporalitätsstrukturen im Europa der Neuzeit unterscheidet Koselleck bekanntlich drei historische Modi des Zukunftsbezugs, die er unterschiedlichen Zeiten zuordnet: die heilsgeschichtliche Eschatologie, die rationale Prognostik und die fortschrittsorientierte Geschichtsphilosophie.
Habe die europäische Christenheit bis ins 16. Jahrhundert hinein in der von der katholischen Kirche institutionell gehegten Erwartung der Endzeit und des Jüngsten Gerichts gelebt, seien sakrale und profane Geschichte unter dem Eindruck der Konfessionskriege auseinandergetreten und hätten einer neuartigen Sicht auf die irdischen Verhältnisse Platz gemacht: Die innerweltliche Zukunft schien nicht mehr vorherbestimmt, sondern grundsätzlich offen. Die Politik emanzipierte sich von eschatologischen Erwartungen und an die Stelle heilsgeschichtlicher Prophezeiungen trat eine erfahrungsbasierte rationale Prognostik, die Wahrscheinlichkeiten taxierte und mögliche Handlungsfolgen gegeneinander abwog. Mit dem Aufkommen der Geschichtsphilosophie im 18. Jahrhundert habe sich die Zeitstruktur schließlich ein weiteres Mal entscheidend geändert. Insbesondere die Idee eines prinzipiell unbegrenzten Fortschritts habe die Zukunftsbezüge dynamisiert und die Beschleunigung der Zeit im Interesse einer möglichst raschen Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse geradezu als politische Pflicht erscheinen lassen.
Gemeinsam ist den drei von Koselleck unterschiedenen Zukunftsdispositiven im Übergang zur Moderne, dass sie auf die Regierbarkeit kommender Ereignisse zielen und den Eintritt eines Welt- und Zeitenendes ausschließen. Hieran anknüpfend formuliert Bröckling die beiden zentralen Thesen seines Aufsatzes. Deren erste besagt, dass die Temporalitätsstrukturen der Gegenwart als Inversion beziehungsweise Umkehrung derjenigen verstanden werden können, die Koselleck für die Neuzeit herausgearbeitet hat. Anders als dieser betrachtet Bröckling heilsgeschichtliche Erwartung, rationale Prognostik und fortschrittsorientierte Geschichtsphilosophie dabei allerdings nicht als historisch aufeinander folgende Dispositive, sondern „als unterschiedliche Register der Diskursivierung und Gouvernementalisierung von Zukunft“ (S. 8 f.), deren Inversionen sich in synchroner Perspektive verfolgen ließen. Diese Sichtweise bildet die Voraussetzung für seine zweite These, der zufolge die drei Register in der Gegenwart konvergierten, insofern sie alle auf „eine Apokalyptik ohne Eschaton“ zuliefen (S. 9).
Vom Fortschritt zur Frist
Zur Plausibilisierung seiner Thesen wendet sich Bröckling als erstes der invertierten Geschichtsphilosophie des Fortschritts zu. Als Gewährsleute dienen ihm dabei Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Günther Anders, in deren Werken er den Gedanken von der verstellten Zukunft auf unterschiedliche, aber hinreichend ähnliche Weise entfaltet sieht. Hätten die klassischen Geschichtsphilosophen den historischen Prozess als einen beständigen Fortschritt zum Besseren imaginiert, erscheine die Zukunft in den Reflexionen ihrer skeptischen Nachfahren nur noch als Frist, welche die Gegenwart vom Eintritt der Katastrophe trennt.
„Die positive, fortschrittsgewisse wie die ins Negative gewendete Geschichtsphilosophie gravitieren um ein ,Noch-nicht‘, allerdings in konträrer Richtung: Im Lichte des Fortschritts drängen sämtliche Kräfte darauf, dieses ,Noch-nicht‘ hinter sich zu lassen; im Schatten der Frist muss dagegen alles darangesetzt werden, es auf Dauer zu stellen. Beides beansprucht höchste Dringlichkeit.“ (S. 10)
Auch wenn Benjamin, Adorno und Anders ihre Überlegungen vor dem Hintergrund anderer historischer Ereignisse entwickelt hätten, so Bröckling, sei es ebenso legitim wie naheliegend, die von ihnen skizzierten Bedrohungslagen mit den planetaren Gefährdungen in Beziehung zu setzen, die sich mit dem Begriff des „Anthropozäns“ verbinden. Adornos Diktum vom Umschlag der menschlichen Naturbeherrschung in die Herrschaft der zugerichteten Natur über den Menschen lasse sich ohne Weiteres auch auf Phänomene wie den menschengemachten Klimawandel oder das Artensterben beziehen. Beachtenswerte Differenzen bestünden allerdings in den Vorstellungen vom Ende, die den verschiedenen Ansätzen zu eigen sind. Habe einen Denker wie Günther Anders die Sorge vor einem singulären Zerstörungsakt in Form einer thermonuklearen Katastrophe umgetrieben, richteten sich die Ängste heutiger Mahner wie Dipesh Chakrabarty oder Eva Horn auf einen allmählichen ökologischen Kollaps, der sich nicht durch ein alles beendendes Ereignis, sondern durch eine stetige Abfolge sich verstärkender Katastrophen vollzieht.
Eine Umkehrung in ihr Gegenteil konstatiert Bröckling auch bei der rationalen Prognostik. Deren Ziel sei es in der Vergangenheit gewesen, mit Hilfe szientifischer Verfahren und Erkenntnisse eine bessere Zukunft zu gestalten. Gestützt auf Statistiken, Zeitreihen, Modelle und Simulationen habe die Prognostik aus den Mustern früherer Ereignisse auf künftige Verläufe geschlossen, Risiken und Wahrscheinlichkeiten berechnet, Kosten-Nutzen-Analysen erstellt, auf Pfadabhängigkeiten verwiesen und alternative Handlungsoptionen aufgezeigt. Von diesem Gestaltungsoptimismus früherer Tage sei heute nicht mehr viel übrig, was nicht zuletzt der Prognostik selbst beziehungsweise ihren zunehmend entmutigenden Ergebnissen auf dem Gebiet des Umweltschutzes und des anthropogenen Klimawandels geschuldet sei. Je dringlicher die Warnungen der Expertengremien und Sachverständigenräte ausfielen, desto offensichtlicher werde die Diskrepanz zwischen dem was nötig wäre, und dem, was machbar erscheint – und eben daraus resultiere die Inversion.
„Eine Prognostik, die zwar die Dringlichkeit des Richtungswechsels begründen, aber nicht angeben kann, wer oder was ihn einleiten könnte, die vielmehr auch noch erklären kann, warum die geforderte Umkehr ausbleibt, eine solche Prognostik verwandelt sich in Unheilsprophetie.“ (S. 13)
Im Unterschied zur messianischen Heilsprophetie, die auf Erfüllung gezielt habe, wolle die invertierte Prognostik gerade verhindern, was sie heraufbeschwöre. In dem Bemühen, gesellschaftliche Gegenkräfte zu mobilisieren, liefen ihre Protagonisten jedoch Gefahr, das genaue Gegenteil von dem zu erreichen, was sie wollten. Je alarmistischer der Tonfall und je ausgeklügelter die visuellen und rhetorischen Strategien der Darstellung ausfielen, desto wahrscheinlicher sei es, dass die beabsichtigte Wirkung ausbleibe.
„Paradoxerweise sind es gerade die Schranken sowohl der Vorstellungskraft als auch der Handlungsmacht, welche die apokalyptischen Warnungen zugleich antreiben und Abwehr gegen sie provozieren. Wir kommen von ihnen nicht los, und wir können sie nicht ertragen. Das lässt den Ton schriller werden, und die Abwehrreflexe energischer.“ (Ebd.)
Diese Entwicklung erachtet Bröckling im Anschluss an Ingolfur Blühdorn nicht zuletzt deshalb als problematisch, weil zwischen den sich wechselseitig aufschaukelnden Reaktionen von Dramatisierung und Verleugnung die Voraussetzungen genuin politischen Handelns auf der Strecke blieben, nämlich die Bereitschaft zu Nachdenken, Reflexion und Analyse. Die Relevanz dieses Aspekts verdeutlicht Bröckling im Zusammenhang mit der Inversion der heilgeschichtlichen Eschatologie, in der die invertierten Formen der Geschichtsphilosophie und der rationalen Prognostik ihm zufolge konvergieren. Hätten die Endzeitoffenbarungen vergangener Epochen mit der Apokalypse nicht nur die Erwartung von göttlicher Strafe und Erlösung, sondern auch die Vorstellung des Übergangs in einen neuen, auf den Tag des Jüngsten Gerichts folgenden Äon verbunden, imaginierten die Unheilsgeschichten der Gegenwart das Weltende als ein menschengemachtes und rein innerweltliches Geschehen. Der antizipierte Untergang erscheine nicht mehr als sinnhaftes, von einem göttlichen Akteur gelenktes Geschehen, sondern schlicht als Resultat komplexer Wirkungszusammenhänge, als „Abbruch und Annihilation“ (S. 15).
Allerdings, und mit dieser Überlegung leitet Bröckling den Schluss seiner Ausführungen ein, kämen die heutigen Untergangserzählungen auch deshalb ohne Jenseits aus, weil das von ihnen antizipierte Ende des Menschen nicht das Ende der Welt und aller Lebensformen bedeute. Diese Einsicht sei zwar keineswegs tröstlich und ändere nichts daran, dass viele Menschen angesichts des bevorstehenden Verlusts der Zukunft affektive Reaktionen zeigten, die von Resignation und Fatalismus bis hin zu Abwehr, Verleugnung oder Wut reichen und tendenziell anfällig gegenüber autoritären oder populistischen Versuchungen sind. Sie eröffne aber zumindest eine Perspektive, die eine andere Sicht auf das Untergangsgeschehen ermögliche, indem sie dieses nicht auf narzisstische Weise mit der Vorstellung des eigenen Endes zusammendenkt. Um sich diese Sicht zu eigen zu machen, brauche es eine Haltung, „die sich den Prognosen und dem Zeitgefühl des ,Zu-spät‘ aussetzt, sich vom apokalyptischen Sog aber nicht mitreißen lässt“ (S. 16). Ob die auf ihre eigene Autonomie, Wirksamkeit und Individualität bedachten Subjekte der Gegenwart zu einer solchen Dezentrierungsleistung in der Lage sind, ist für Bröckling alles andere als ausgemacht.
Entscheidend sei, „am Gefühl des ,Zu-spät‘ nicht irre zu werden und die Zukunft als Raum des Politischen offenzuhalten, jenen Raum, in dem darüber gestritten werden kann, wie wir angesichts der menschengemachten Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen regiert werden wollen und wie nicht. Und wie wir Geschichten erzählen können, welche die Kontinuitätssuggestionen der Moderne hinter sich lassen, die Diskontinuität einer vermutlich schlechteren Zukunft ernst nehmen und den Bruch mit Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr fürchten als den möglichen Untergang.“ (S. 17)
Der ästhetische Reiz von Verschwörungstheorien
Gewissermaßen komplementär zu Bröcklings Ausführungen zur invertierten Zukunft lesen sich Überlegungen der an der Universität Basel lehrenden Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess, die sich unter dem Titel „Der Wiedergänger der Utopie“ in Heft 929 des Merkur mit Verschwörungstheorien auseinandersetzt. Gess’ Text nimmt ihren Ausgang von einem scheinbar paradoxen Befund: Während sich selbst als progressiv verstehende Intellektuelle und Kulturschaffende eine Krise der politischen Imagination diagnostizierten und eine Erneuerung kultureller Narrative und Erzählweisen forderten, die den Herausforderungen der ökologischen Krise gewachsen sind und alternative Formen des Zusammenlebens und Wirtschaftens denkbar machen, deute die wachsende Wirkungsmacht politischer Fantastik in Form von gezielter Desinformation, rechtsgerichteten Retrotopien oder ausufernden Verschwörungstheorien eher auf einen Überschuss als auf einen Mangel politischer Vorstellungskraft hin.
„Was ist von diesem paradoxen Befund zu halten? Haben wir es hier tatsächlich mit widersprüchlichen Phänomenen zu tun? Und was verrät diese Spannung über den Zustand des politischen Imaginären heute?“ (S. 35 f.)
Hinweise zur Beantwortung ihrer Fragen findet Gess bei einem Blick in eine Reihe einschlägiger Veröffentlichungen zum Verhältnis von Utopien und Verschwörungstheorien. So ruft sie mit Theodor W. Adorno und Fredric Jameson zwei Denker auf, die schon früher einen Verlust der politischen Einbildungskraft beklagt und diesen mit einem Mangel an ästhetischer Erfahrung verknüpft hätten. Und mit Luc Boltanski sowie abermals Jameson führt sie zwei Theoretiker ins Feld, deren Beiträge zur Deutung von Verschwörungstheorien prägend gewesen seien. Was Gess dabei bemerkenswert erscheint, ist der Umstand, dass sowohl Jameson als auch Boltanski ebenso wie viele andere Verschwörungstheorien als defizitäre Versuche der Welterklärung deuteten: Wie soziologische Analysen seien auch verschwörungstheoretische Ansätze von einem Impuls zur Entdeckung gesellschaftlicher Zusammenhänge oder verborgener Strukturen geleitet. Allerdings verstellten sie sich die Möglichkeit echter Einsichten in das Funktionieren moderner Gesellschaften durch ihre manichäische Sichtweise, die alles was geschieht, von vornherein auf das intentionale Handeln guter oder böser Akteure zurückführt. Diese Deutung, so Gess, greife aber entschieden zu kurz:
„Wer Verschwörungstheorien als scheiternden Versuch eines sozialanalytischen Verstehens beschreibt, unterschlägt allerdings einen wesentlichen Teil ihrer Anziehungskraft: das Element, das sie als eine ästhetische Praxis kennzeichnet. Verschwörungstheorien sind nicht nur ein Versuch, die Welt zu verstehen. Sie machen sie auch lebendig, dramatisch, aufregend; und sie sind im höchsten Maße auf Spekulation angewiesen. Im Kern betreiben Verschwörungstheorien ebenso stark Worldbuilding wie fiktionale Literatur: Sie entwerfen eine andere Welt; nicht nur eine, in der alles einen Sinn ergibt, sondern eine, die ästhetisch ansprechender ist als die reale.“ (S. 37 f.)
Das von Jameson, Boltanski und anderen betonte epistemische Moment von Verschwörungstheorien könne zwar deren Entstehen erklären, es liefere aber keine befriedigende Antwort auf die Frage, warum sie derart viele Menschen für sich einnehmen und warum sie eine so starke affektive Bindung erzeugen können. Einer solchen Antwort komme man näher, wenn man anstelle des thetischen Gehalts von Verschwörungstheorien deren fiktionale Logik in den Blick nehme. Viele Verschwörungstheorien, wie etwa die Echsenmenschentheorie, der zufolge menschenähnliche, von reptilienartigen Außerirdischen abstammende Lebensformen die Politik vieler Staaten kontrollieren, zeigten Züge fantastischer Literatur. Überhaupt sei die strukturelle Nähe von Verschwörungstheorien zu Mythen oder Geschichten auffällig: Wie diese gäben sie Orientierung und machten aus einer unübersichtlichen und komplexen Welt eine lineare Erzählung, deren Handlung von den Plänen und Konflikten ihrer Protagonisten vorangetrieben wird. Mit dem mythischen Kampf zwischen Gut und Böse griffen sie dabei zudem auf eines der ältesten und wirksamsten Basisnarrative zurück. Gerade dieser Aspekt, der unter der von Jameson und Boltanski eingenommenen Perspektive als epistemische Schwachstelle erscheint, erweise sich mit Rücksicht auf die affektive Bindekraft von Verschwörungstheorien als eine besondere Stärke. Diese Einsicht erschließe sich aber nur, wenn man verstanden habe, dass der Erfolg einer Geschichte nicht auf ihrer Wahrheit, sondern auf ihrer Glaubwürdigkeit beruht.
„Es ist seit der Antike eine bekannte poetologische Forderung, dass Autorinnen und Autoren sich nicht so sehr an der Wahrheit als vielmehr am Anschein von Wahrheit orientieren sollen – an dem, was den Lesenden wahrscheinlich dünkt. Verschwörungstheorien beherzigen das: Sie leben von einer Glaubwürdigkeit, die nicht auf der Übereinstimmung mit Fakten, sondern auf der Vermeidung kognitiver Dissonanzen, der Bestätigung vorhandener Überzeugungen und der Reduktion von Kontingenz und Komplexität basiert. Sie zeichnen sich nicht durch eine logische, sondern durch eine narrative Kohärenz aus, die auch Widersprüche aushalten kann, solange diese harmonisch in die Geschichte eingefügt werden.“ (S. 38 f.)
Die Bedeutung narrativer Kohärenz mache überdies verständlich, warum der Umstand, dass zahlreiche Verschwörungstheorien ihren Ursprung in fiktionalen Texten haben, deren Motive und Handlungselemente sie unreflektiert übernehmen, ihrer Glaubwürdigkeit keinen Abbruch tut. Erst wenn man ihrer Nähe zum Literarischen und der damit verbundenen ästhetischen Dimension von Verschwörungstheorien Rechnung trage, so Gess, ließe sich auch ihr Verhältnis zum utopischen Denken genauer bestimmen. Verschwörungstheorien lieferten eben nicht nur verzerrte Darstellungen der Realität. Vielmehr seien sie in der Lage, eine ähnliche imaginative Energie, ähnliche Formen von Worldbuilding und eine ähnliche affektive Anziehungskraft zu mobilisieren, wie das utopische Denken. In zwei entscheidenden Punkten aber blieben sie hinter diesem zurück. So fehle es ihnen zum einen an politischer Transzendenz, zum anderen eröffneten sie keine Möglichkeitsräume. Im Unterschied zur Utopie überschreite die Verschwörungstheorie die bestehende Welt nicht, sondern unterwandere sie nur.
„Sie denkt dieselbe Welt noch einmal, aber mit anderen Vorzeichen: dieselben Akteure, dieselben Institutionen, dieselben Machtverhältnisse – nur entlarvt, umgekehrt, enthüllt. Das Andere, das sie sucht, ist immer schon innerhalb des Bestehenden versteckt. Die Utopie dagegen denkt ein Außen: ein Woanders oder ein Noch-Nicht, das (idealiter) strukturell verschieden ist von dem, was ist.“ (S. 39)
Das Vorstellungsvermögen verschwörungstheoretischer Entwürfe bleibe systemimmanent, es entwerfe keine alternativen Welten, sondern reproduziere die bestehende Ordnung, male sie nur anders aus. Das erkläre auch, warum Verschwörungstheorien politisch lähmend seien, obwohl sie sich so aufgewühlt anfühlten. Sie mobilisierten Affekte, erzeugten aber keine Transzendenz. Auch machten sie keine Vorschläge zur Verbesserung gesellschaftlicher Missstände, sondern begnügten sich mit der vermeintlichen Enthüllung der schlechten Wirklichkeit. Mit dieser Deutung lässt sich Gess zufolge das eingangs von ihr beschriebene Paradox neu fassen:
„Die Blockade der utopischen Imagination und die Fülle an Verschwörungstheorien sind nicht zwei voneinander unabhängige Phänomene, die zufällig gleichzeitig auftreten. Sie sind zwei Seiten einer Medaille. Die blockierte politische Vorstellungskraft kommt in der Verschwörungstheorie auf verquere, verstellte, verkehrte Weise zum Zug.“ (S. 40)
Die dunkle Stärke der Imagination
Als exemplarischen Beleg für ihre These verweist Gess auf zwei Publikationen des US-amerikanischen Verschwörungstheoretikers Jake Angeli beziehungsweise Jacob Chansley, der der Öffentlichkeit seit dem Sturm auf das Kapitol in Washington, D.C. vor allem als „QAnon-Schamane“ bekannt ist. In dessen im Selbstverlag erschienenen Schriften ließe sich die These von der Verschwörungstheorie als Wiedergänger der Utopie fast lehrbuchhaft beobachten. So sei zwar die utopische Geste – in diesem Fall eine obskure Anleitung zur Weltschöpfung durch Imagination – vorhanden, sie bleibe aber inhaltlich leer, da sie sich in der Wiedergabe ideologischer Stereotypen wie dem Aufruf zur Selbstverwirklichung erschöpfe und weder Reformvorschläge noch gesellschaftliche Alternativen aufzeige. Anstelle eines utopischen Gegenentwurfs oder einer immanenten, die bestehende Gesellschaft an ihren eigenen Maßstäben messenden Kritik kennten die Bücher Negation lediglich im Sinne der Zerstörung: Alles werde für lügenhaften Schein erklärt; die imaginierte Zukunft erschöpfe sich in der Rachefantasie eines letzten Krieges gegen die Mächte des Bösen. Zudem – und hier führt eine Verbindung zu Bröcklings Überlegungen – mangele es Angelis Verschwörungserzählungen an einem Begriff des Politischen beziehungsweise einem Verständnis politischen Handelns. Sofern gesellschaftliche Veränderungen überhaupt imaginiert würden, erschienen sie als das Werk einzelner Superhelden.
„Man könnte ein solches Denken auch als einen Rückfall ins Mythische beschreiben: Statt kollektiver Solidarität wird das Unheil ebenso wie das Heil von mächtigen Einzelfiguren erwartet – eine Personalisierung gesellschaftlicher Kräfte, die eigentlich sozial verteilt sind. Eine Gesellschaft, die auf Superhelden setzt, verliert ihren Glauben an sich selbst beziehungsweise an Gesellschaft als solche.“ (S. 42 f.)
Das Beispiel Angelis macht Gess zufolge aber auch noch auf einen weiteren Aspekt aufmerksam, an dem sich nicht die Schwäche, sondern „gewissermaßen die dunkle Stärke der verschwörungstheoretischen Imagination“ (S. 43) ablesen lasse. So zeigten der Sturm auf das Kapitol und die auf ihn folgenden Ereignisse, dass Verschwörungstheorien sehr wohl in der Lage sind, kollektive Energien zu bündeln und neue soziale Formen hervorzubringen – und damit die gleiche wirklichkeitsgestaltende Kraft entfalten können, die man in der Vergangenheit Utopien zugesprochen habe. Während utopische Entwürfe diese Kraft im Zeitalter des neoliberalen Realismus scheinbar verloren gegangen sei, zeige der Angriff auf das Kapitol, dass sich soziale Kräfte nicht nur durch Imaginationen einer besseren Welt mobilisieren lassen, sondern auch durch die kollektiv geglaubte Fabulation einer falschen Wahrheit, die sich, einmal von Macht beglaubigt, in neue Wirklichkeit verwandelt.
Entscheidend sei dabei der Schritt vom Einzelnen zum Kollektiv, mithin der Übergang in eine neue soziale Form, der sich mit Henri Bergsons Begriff der „Fabulation“ als Schlüsselkategorie sowohl für die Öffnung wie die Schließung von Kollektiven beschreiben lasse. Im Falle der QAnon-Verschwörungserzählung greife beides ineinander: Die Idee vom Staat als Verschwörung, vom Deep State, stifte ein Kollektiv, und das Kollektiv identifiziere sich über den geteilten Glauben an die Hervorbringungen seiner eigenen Fabulation. Was diesem Glauben dann den Status einer real erfahrenen Offenbarung verleihe, lasse sich unter Rekurs auf Émile Durkheim als Prozess der „Autodivination“ verstehen: So wie die Macht des Heiligen in der Religion real erfahren werde, obwohl es sich dabei in Wirklichkeit um die Macht der Gruppe handele, so werde bei QAnon die Macht der geheimen Wahrheit von den Anhängern ebenfalls als real erfahren. In den Online-Foren und bei Treffen und Demonstrationen entstehe eine kollektive Erregung, die ein Gemeinschaftsgefühl stifte und den Glauben an Q als Meisterpropheten und Trump als Erlöser allererst produziere – mit fatalen Konsequenzen.
Die Verschwörungstheorie sei nicht nur ein gescheiterter Ersatz der Utopie, sondern sie sei auch ein pervertierter Beweis von deren zentraler These, dass Imagination Wirklichkeit verändern könne, dass kollektive Vorstellungskraft politische Kraft entfalte. Der Unterschied zwischen beiden liege in dem, was sie jeweils hervorbrächten: Die utopische Imagination öffne einen Möglichkeitsraum, der über das Bestehende hinausweise, die verschwörungstheoretische Imagination schließe ihn hingegen. Sie verwandele eine kollektiv fabrizierte Unwahrheit in eine neue, gewaltsam behauptete Wirklichkeit, die keinen Ausweg mehr kenne, dafür aber jede Menge Feinde.
Auch wenn die Geschichte von QAnon mehr als fünf Jahre nach dem Sturm auf das Kapitol wie ein abgeschlossenes Kapitel wirke, seien die damals wirksamen Kräfte auch heute noch lebendig – und sogar stärker als zuvor. Überzeugungen, die seinerzeit noch als Randphänomene erschienen wären, seien inzwischen in die Mitte der politischen Kultur eingewandert. In der MAGA-Bewegung griffen kollektive Fabulation und kollektive Autodivination auf eine Weise ineinander, die mittlerweile institutionell abgesichert und staatlich beglaubigt sei. Die entsprechenden Verschwörungsnarrative würden heute nicht mehr von politisch Ohnmächtigen, sondern aus dem Kreis der Regierung verbreitet.
„Das“, so Gess, „sollte uns allen zu denken geben, wenn wir eine Erneuerung der politischen Imagination fordern, so sympathisch und verlockend eine solche Forderung aus der Perspektive der Künste und der Geisteswissenschaften auch sein mag. Die Forderung ist nicht falsch, aber sie unterschätzt, wie leicht die Sehnsucht nach neuen politischen Utopien auch von deren Wiedergängern befriedigt werden kann. Und sie droht zugleich der Realität des Politischen auszuweichen: dass eine andere Welt nicht nur erträumt, sondern gegen widerstrebende Interessen erkämpft werden muss.“ (S.43)
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.
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