Cordula Kropp | Rezension |

Soziologie der post-nachhaltigen Gesellschaft

Rezension zu „Wirkliches und Mögliches in der Klimakrise. Perspektiven der Sozialwissenschaften im ökologischen Wandel” von Frank Adloff

Frank Adloff:
Wirkliches und Mögliches in der Klimakrise. Perspektiven der Sozialwissenschaften im ökologischen Wandel
Deutschland
Bielefeld 2025: Transcript
248 S., 29,00 EUR und Open Access
ISBN 978-3-8376-7689-1

Die Literatur zur Klimakrise füllt mittlerweile auch in den Sozialwissenschaften Regale, beschäftigt sich aber meist mit der theoretischen Einordnung zukünftiger Umweltproblematiken und der kritischen Analyse bestehender Reaktionen. Sehr viel schwerer fällt die Auseinandersetzung mit der voranschreitenden Erderwärmung, dem unumkehrbaren Artensterben und den damit verbundenen Folgen für das fragile soziale Zusammenleben heute und morgen.

Der an der Universität Hamburg lehrende Soziologe Frank Adloff ist als Autor dafür bekannt, transformativen Gestaltungsmöglichkeiten nachzugehen. So hat er sich in der Vergangenheit unter anderem mit der Rolle kollektiven Handelns, der Bedeutung der Zivilgesellschaft, dem Konzept der Konvivialität oder dem Einfluss imaginierter und umstrittener Zukünfte von Nachhaltigkeit befasst. Sein neues Buch erkundet nun die „gesellschaftlichen, sozialwissenschaftlichen und ethischen Herausforderungen des Anthropozäns“ (S. 7), untersucht also die Möglichkeiten des Handelns in einer bereits angebrochenen Zukunft mit zunehmend gefährdeten Lebens- und Gesellschaftsgrundlagen.

Adloff fragt nicht lange, wie die aufziehende Katastrophe durch Erderwärmung und Artenverlust wahrgenommen und konstruiert wird, sondern kritisiert das Versagen der Sozialwissenschaften, die konflikthaften Wege in eine postfossile – und das könnte auch bedeuten: postkapitalistische – Gesellschaft theoretisch und empirisch auszuleuchten. Demgegenüber plädiert er nicht nur für einen ausgeprägten Wirklichkeitssinn, sondern auch für einen geschärften Möglichkeitssinn (im Sinne Robert Musils), der das, was ist, nicht als unumstößlich, unvermeidlich und unverhandelbar hinnimmt, sondern alternative Möglichkeiten und Wege denk- und sichtbar macht. Notwendig seien sowohl eine schonungslose Beschreibung der erwartbaren Wirklichkeiten eines gewaltsamen Kollapses auf der überhitzten Erde als auch eine verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten schrittweiser, experimenteller und solidarischer gesellschaftlicher Transformation.

Klimawandel und Artenverlust: Wie lange machen wir uns in der Soziologie noch etwas vor?

Im ersten Kapitel betrachtet Adloff die „tiefe Beziehungskrise“ (S. 15), die sich zwischen Natur und Gesellschaft in mehreren bedrohlichen Dimensionen aufgetan hat. Er zeichnet nach, wie lange der Klimawandel schon dokumentiert wird, sich beschleunigt und zu immer stärkeren Extremwetterereignissen führt. Dabei macht er deutlich, dass selbst Katastrophen wie Dürren, Hungersnöte und Kriege sowie eine stetig steigende Massenmigration nicht adäquat bearbeitet werden, weil die erforderlichen Maßnahmen und Reaktionen viel zu schwach ausfallen oder gleich ganz ausbleiben. Für den Artenschutz und die Stabilität der Ökosysteme sehen die Befunde nicht besser aus. Die Umsetzung rechtlich und politisch eingegangener Verpflichtungen für Klima- und Artenschutz ist weltweit defizitär. Ohnehin lehrt die soziologische Erfahrung Skepsis gegenüber den Erfolgsaussichten einer gezielten Großen Transformation; zu erwarten sind eher tapsende, eigendynamische und wechselhafte Vollzüge des geforderten tiefgreifenden Wandels von Werten, Institutionen, Arbeits- und Lebensweisen – wie die gegenwärtigen Rückschläge und massiven Verschiebungen im Nachhaltigkeitsdiskurs zeigen. Im Rückgriff auf die gemeinsam mit Sighard Neckel entwickelte Typologie verschiedener Imaginationen und Zukünfte der Nachhaltigkeit[1] argumentiert Adloff, dass das lange Zeit handlungsleitende Versprechen einer technisch, wirtschaftlich und rechtlich zu verwirklichenden ökologischen Modernisierung nicht eingelöst wurde. Global betrachtet wurden weitere Erhöhungen der Treibhausgasemissionen in den zurückliegenden Jahren nicht verhindert, kleiner wurden nur die verbliebenen Anpassungsräume. Auch transformative Alternativkonzepte wie Degrowth, Care, Konvivialität oder Posthumanismus, die auf eine Überwindung kapitalistisch getriebener Gesellschaftsordnungen hin zu solidarischer Gemeinwohlorientierung zielen und vor allem auf die Wirksamkeit sozialer Bewegungen und die Verbreitung solidarischer Nischenpraktiken setzen, konnten sich nicht in der gebotenen Geschwindigkeit und Breite etablieren. Wie der Autor zeigt, wird stattdessen der dritte Weg immer wahrscheinlicher, der auf die autoritäre Durchsetzung ökologischer Technologien, technologische Eingriffe in das Erdsystem (Geoengineering) oder die militärische Abschirmung privilegierter Bevölkerungsgruppen vor den katastrophalen Folgen des Klimawandels zielt. „Der Fortschritt, wie wir ihn kannten“, so Adloff, „ist heute Geschichte“ (S. 37). Das Vertrauen in die Zukunft sei erschüttert, eine Eskalation der Verluste denkbar,[2] gleichwohl fehle es sowohl an einem entsprechenden Risikomanagement als auch an sozialwissenschaftlicher Lösungskompetenz.

Diesem Defizit widmet sich das zweite Kapitel, in dem der Soziologe anhaltende theoretische Fachkontroversen zum konzeptionellen Umgang mit dem Klimawandel in ihren je aktuellen Varianten Revue passieren lässt: Verhandelt werden die zu lange Vernachlässigung von Klimafragen im Schatten ökonomischer Kosten-Nutzen-Analysen und technologischer Lösungsversprechen, der pessimistische Blick auf die Reformfähigkeit funktional differenzierter Gesellschaften ohne koordinierendes Steuerzentrum, die unzureichende Erfassung der miteinander verknüpften sozialen, ökonomischen und ökologischen Dimensionen der gegenwärtigen Mehrfachkrise, kapitalismuskritische und reformistische Ansätze „grünen Wachstums“ zur Überwindung der lähmenden Angst vor Wohlstandsverlusten sowie fehlende Konzepte zur Überführung transformativer Initiativen in einen breitenwirksamen Systemwandel. Besprochen werden auch jüngere Analysen, die den strukturgefährdenden Verlust billiger Ressourcenbeschaffung, die Krise politischer Legitimation oder Ansatzpunkte für notwendige Anpassungen und Reformen in den Mittelpunkt rücken. Adloff hat ein sicheres Gespür für die theoretischen Defizite und konzeptionellen Schwachstellen der diskutierten Ansätze. So kritisiert er, dass mal die Entwicklung und der Erfolg von Initiativen jenseits der Makroebene ausgeblendet blieben, mal hoffnungsvollen Entwürfen post-produktivistischer Gesellschaften organisatorische Modelle zur Gestaltung von Übergang und Wandel fehlten, und mal die diagnostizierten Krisen imperialer, kapitalistischer oder individualistisch-emanzipativer Gesellschaftsordnungen einseitig ohne Einbeziehung weiterer Strukturprinzipien der Moderne präsentiert würden. Das Fazit seiner kritischen Bestandsaufnahme lautet daher, dass die bestehenden Probleme zwar zunehmend Beachtung finden, dass aber die Parallelität von potenziell katastrophalen Auswirkungen und real vorhandenen Möglichkeitsräumen zu kurz komme und nicht für die Erkundung von gesellschaftspolitischen Auswegen genutzt werde.

Demgegenüber erschließt das dritte Kapitel die sozialen Dimensionen des gefährdeten Zusammenlebens auf einem überhitzten Planeten, der den moderaten Erwärmungspfad verlässt und in ein Erwärmungsszenario von über 3°C Grad rutscht. Damit sondiert Adloff die mögliche Wirklichkeit eines als Worst-Case-Szenario bislang weitgehend ausgeblendeten Entwicklungspfads und die dann notwendig werdenden Formen der Katastrophenbewältigung. Er benennt nicht nur die existenziellen Risiken und verheerenden Auswirkungen, die sich in Bezug auf Extremwetterereignisse, Dürren und die Unbewohnbarkeit ganzer Gebiete mit hoher Wahrscheinlichkeit ergeben werden, sondern diskutiert auch die Gefahren, die von Versorgungskrisen, Hunger, wirtschaftlichem Niedergang und sozialen Konflikten ausgehen, nicht zuletzt mit Blick auf die Stabilität der Demokratie. Dazu zeichnet er die klimawissenschaftlich beschriebenen Kaskadeneffekte und möglichen Kipppunkte nach, betont, dass Naturgefahren niemals reine Naturgefahren sind, und erinnert daran, dass menschliche Betroffenheit immer sozial vermittelt ist und entlang bekannter Ungleichheitslinien zum Tragen kommt. Deshalb werden Klimafolgen für die einen zum Überlebensrisiko, während für andere Gesundheit, Hab und Gut, Lebensstandard oder Wohlbefinden auf dem Spiel stehen. Was aber für alle wachse, so Adloff, seien die Risiken des Zerfalls von sozialen und demokratischen Ordnungen, eines kompletten Systemversagens sowie kriegerischer Auseinandersetzungen. Das Kapitel führt überdies ein in die junge Wissenschaft der „Kollapsologie“ (S. 70), die bislang kaum auf soziologische Beiträge verweisen kann, aber die sozialen Pfade des Zusammenbruchs in seinen miteinander verknüpften Dimensionen erforscht. Angesprochen werden frühere Erfahrungen, Rückkoppelungs- und Lock-in-Mechanismen sowie verschiedene Reichweiten und Unsicherheiten; außerdem infrastrukturelle, ökonomische und politische Folgen, der Verlust von Vertrauen und Stabilität, autoritäre Reaktionen, entstehende Opferzonen, fortschreitender Siedlerkolonialismus und zunehmende Ungleichheit. Daneben werden alternative Ansätze wie Risikomanagement, Resilienzprogramme, Derisking-Strategien und die demgegenüber fehlenden soziologischen Beiträge zum Verständnis von Kollaps, Disruption, Desintegration und wiederkehrendem Tribalismus thematisiert. Erstaunlich ist, dass Adloff in diesem Zusammenhang zwar die überdurchschnittliche Erwärmung in Europa aufführt, aber weiterhin der bekannten deutschen Perspektive des „Nicht hier, nicht wir und nicht jetzt“ folgend die größte Betroffenheit für „marginalisierte Gruppen – hauptsächlich im Globalen Süden und in indigenen Gesellschaften“ (S. 90) erwartet, obwohl dort die Ökonomien vielfältiger und zudem auch die sozialen Netze meist dichter sind.

Hinter heutigen Horizonten geht es vielfältig weiter

Wie lassen sich die schon eingetretenen und unumkehrbaren Schäden durch Klimawandel und Artenverlust bewältigen, wenn Nachhaltigkeit weder erreicht noch gewünscht, sondern zurückgenommen wird? Die aktuelle Phase der „Post-Nachhaltigkeit“ (S. 91), in der planetare Grenzen bereits überschritten, aber die für moderne Gesellschaften konstitutiven Fortschritts- und Stabilitätsversprechen weiter handlungsleitend sind, sodass die Gegenwart stoisch aufgebläht und apokalyptische Zukünfte ausgeblendet werden, thematisiert das vierte Kapitel. Adloff kritisiert fehlende Konzepte, um gesellschaftliche Stabilität und Variabilität zeitlich offen zu erfassen. Diagnostiziert werden hingegen einseitige, widersprüchliche und polarisierende Temporalitäten, in denen die begründeten Ängste von Klimawissenschaft und Klimabewegten ratlos der Durchsetzung temporärer Macht- und Wirtschaftsinteressen gegenüberstehen und durch das Erstarken „retrotopischer“ Vergangenheitsbeschwörungen zusätzlich unter Druck geraten. Trotz einer langen Geschichte ökologischer Reflexion habe sich gegenüber den eurozentrischen Vorstellungen kurzfristig steuerbarer, linearer Entwicklung bislang kein auf langfristiges, planetarisches Denken ausgerichtetes Zeitverständnis durchsetzen können. Es sei ein Fehler, sich allein an der Gegenwart zu orientieren („Präsentismus“). Vielmehr brauche es zyklische, vielfältige und ungleiche Zeithorizonte, auch ein gewisses Maß an postapokalyptischer Hoffnung sei vonnöten, um Niedergang, kurzfristige Strategien, kollektive Zukunftsvorstellungen und zukünftig realisierbare Möglichkeiten der „Welterzeugung“ (S. 100) zusammenzudenken. Für Adloff eröffnen kommende Krisen auch alternative Handlungszukünfte, weshalb der Zusammenbruch der Gegenwart für ihn immer auch die Chance auf einen Neuanfang und eine andere Zukunft markiert. Statt Resignation oder unrealistischen Utopien verlange das Offenhalten dieser Zukunft nicht mehr vom Gleichen, sondern Mut zu neuen, ungewohnten Lösungen. Gefordert sei eine gesellschaftspolitisch vielfältige, anpassungsfähige Form der Bricolage, bestehend aus der pragmatischen Fortsetzung bewährter Strategien (Emissionshandel, technische Dekarbonisierung, rechtliche Instrumente) und der Entwicklung ebenso realistischer und zugleich radikal transformativer Veränderungen (Degrowth, resiliente Infrastrukturen, Vermeidung irreversibler Festlegungen) im Feld der bestehenden Machtstrukturen. Nur so könne trotz aller Zielkonflikte und Unvorhersehbarkeiten zukunftsorientiert gehandelt, improvisiert und gestaltet werden. Die „Große Transformation“, so Adloffs zentrales Argument, werde nicht im Zuge eines Masterplans errungen, sondern im Nebeneinander mal tieferer, mal schnellerer und mal breiter verankerter Reformen und experimenteller Anpassungen. Dafür sei es notwendig, dass die Gegenwart plurale Imaginationen der Zukunft im Denken und Handeln hervorbringe. Die Sozialwissenschaften sollten nicht einseitig an strukturellen Kontinuitäten festhalten, sondern stärker auf transformatorische Diskontinuität, also die Variabilität von Institutionen, Spielregeln und Trends setzen. Erst wer die gleichzeitige Bedeutung von strukturellen Zwängen und kreativer Erneuerung sehe, verstehe, dass Stabilität genauso erklärungsbedürftig ist wie Wandel. Als Vorbild zieht Adloff die historische und multikausale Erkundung der Entstehung heutiger Carbon Societies von Peter Wagner heran,[3] die sich letztlich kontingenten, weder unvermeidlichen noch unveränderlichen Problemverschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg verdanke. Schließlich mündet das Kapitel in die Sichtung der Bedeutung von zukunftsbezogenen Bildern und Vorstellungswelten für die Welterzeugung: Imaginationen, so das Argument, lenken die Gegenwartsdeutung und gestalten die tastende Entwicklung von Alternativen.

Hier setzt das fünfte Kapitel zur „Soziologie des Möglichen“ an und erkundet Handlungsfelder einer „strategische[n] Bricolage“ (S. 158), in denen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft trotz ökologischem Backlash aus der lähmenden „Gegenwartsfalle“ (S. 117) herausfinden können. Wieder skizziert Adloff zunächst die Ausgangsbedingungen: Zunehmende Ungleichheiten, die Statuskonkurrenzen und Abstiegsängste nach sich ziehen, machten zusammen mit extremen Ungleichgewichten der Betroffenheit und Verursachung, für die sowohl in Deutschland als auch weltweit die reichsten zehn Prozent und eine Handvoll von Unternehmen die Hauptverantwortung trügen, aus der ökologischen auch eine soziale Frage. Deshalb gehöre zu den Voraussetzungen einer erfolgreichen Bewältigung der Klimafolgen die Stärkung von Zusammenhalt und Solidarität, beispielsweise durch eine gemeinwohlorientierte Infrastrukturpolitik, die Begrenzung exzessiven Reichtums und dessen gerechtere Umverteilung. Partizipative Herangehensweisen, etwa im Rahmen von Bürgerräten, sollen dazu beitragen, dass Konflikte über nachhaltige Transformationspfade und sozial-ökologisch angemessene Lebensweisen nicht zu Blockaden führen, sondern vielerlei Wissen und Meinungen in transformative Experimente – auch affektiv – integriert werde. Gegen allzu pauschale Formen der Kapitalismuskritik verweist der Autor auf die Vielfalt einer pluralen Ökonomik mit unterschiedlichen, auch nicht profitorientierten Wirtschafts-, Organisations- und Reproduktionsprozessen und illustriert seine Argumentation anhand der wirtschaftlichen und kommunalpolitischen Rolle von Energiegenossenschaften. CO2-Besteuerung, Suffizienz, Dekommodifizierung, Regionalisierung, rechtliche Beschränkungen und gerechte Verteilungsordnungen bleiben aber im Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Diskutiert werden auch eine Rückkehr zu Formen stärkerer staatlicher Planung, wie sie schon während der Pandemie und in der Energiekrise nach Russlands Angriff auf die Ukraine zum Tragen kamen, weil Marktmechanismen „zwar sinnvoll, aber nicht hinreichend sind“ (S. 142), sowie eine Sozialpolitik, mit der die sozial-ökologisch verschränkten Konfliktlagen sowohl nachlaufend als auch transformationsvorbereitend besser austariert werden können. Mit Blick auf die Zivilgesellschaft hebt Adloff die Rolle von sozialen Bewegungen, Nischenexperimenten und Protesten hervor und betont die Bedeutung meist basisdemokratisch und netzwerkartig organisierter Gruppen als Impulsgeber, Korrektive und Vorbilder, die institutionellen Wandel anstoßen und vorbereiten können, in ihrer Wirkung oft allerdings zeitlich und räumlich begrenzt bleiben. Schließlich referiert er die mittlerweile recht differenzierte internationale Debatte über eine Einbeziehung von Tieren, Pflanzen und Ökosystemen in nationale Bürgerschaften oder Rechtsgemeinschaften, um deren Interessen und Ansprüche verfassungsmäßig anzuerkennen und auf faire Weise geltend zu machen. So trägt Adloff einen ansehnlichen Instrumentenkasten für pragmatische wie radikale Möglichkeiten zur Gestaltung der gesellschaftlichen Transformation zusammen, deren Einfluss allerdings, wie der Autor einräumt, Grenzen gesetzt sind – nicht zuletzt, weil regressive Kräfte in Staat, Politik und Zivilgesellschaft diese Initiativen einschränken.

Sozialwissenschaften in der Transformation

Das sehr breit aufgestellte, letzte Kapitel zur „Konvivialität im Anthropozän“ beginnt Adloff mit Reflexionen über die Rolle von Wissenschaft im Klimawandel, von soziologischer Wertfreiheit und normativen Geltungsgründen sowie dem Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik und Ethik. Angesichts des ökologischen Wandels fordert er eine konzeptionelle Neuvermessung der normativen Dimensionen in der Soziologie in Richtung einer Explikation ihrer Standortgebundenheit, einer öffentlich engagierten Wissensproduktion und einer gezielten Erarbeitung von relationalem Möglichkeitswissen im interdisziplinären Austausch, um einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen und gesellschaftliche Entwicklungen nicht nur zu beschreiben, sondern konstruktiv mitzugestalten. Dem legt er den Begriff des Anthropozäns und dessen Problematisierung zugrunde, die nicht mehr haltbare Gegenüberstellung von Natur und Gesellschaft sowie die Kritik an kurzfristigen und einseitigen Horizonten von anthropozentrischen Nachhaltigkeitskonzepten und dualistischen Ontologien. Erwartbar landet Frank Adloff mit diesen Perspektiven bei den Arbeiten von Bruno Latour und dessen Überlegungen zu artenübergreifenden Belangen, Formen der politischen Repräsentation auch nicht menschlicher Ansprüche und zur Bildung geo-sozialer Klassen und Allianzen. All das sei nur durch eine soziologisch „radikale Neubestimmung von Politik, Wissen und Handlungsfähigkeit im planetaren Maßstab“ (S. 181) zu haben. Darauf folgt eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung der existenziellen Herausforderungen für Fragen von Ethik und Verantwortung, die beide nur im Horizont von Zukunft sinnvoll zu beantworten seien. Eine ethische Perspektive auf Klimawandel verschiebe unvermeidlich den Horizont westlichen Begreifens, könne nur vermittelt erfahren werden und lege einen „methodologischen Animismus“ (S. 189) nahe, der Flora und Fauna mit Subjektivität, Intentionalität und Eigenrechten ausstatte. Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, brauche es eine transdisziplinäre Soziologie, die Adloff als engagierte, integrative und reflexive Wissenschaft von den Wirklichkeiten und Möglichkeiten komplexer Herausforderungen beschreibt und mit Blick auf die Spannung von Teilnahme und Expertise neben weiteren positionierten Herangehensweisen platziert. Das Kapitel umfasst weitere Überlegungen zu einem kommunitaristischen Freiheitsbegriff, zur Kritik an westlich-patriarchalen Autonomieverständnissen und zur Einsicht in wechselseitige Interdependenzen und Konvivialismus als Programm und Theorie von Ordnungen des artenübergreifenden Zusammenlebens. In einer Welt radikaler und existenzieller Verflechtung, so des Autors Fazit, müsse „der Schutz der Würde aller Verletzbaren zum ethischen Maßstab“ (S. 209) werden, da Verletzbarkeit konstitutiv für das Sein sei, auch im Angesicht der nicht mehr abwendbaren Katastrophe.

Frank Adloffs Buch ist zuallererst eine unverzichtbare Quelle für alle, die am aktuellen Stand soziologisch relevanter Debatten zu Klimawandel, Artenverlust und gesellschaftlichen Handlungsoptionen interessiert sind. Auf dem Weg in ein neues, von beispiellosen sozial-ökologischen Risiken bestimmtes Zeitalter lädt es dazu ein, überkommene sozialwissenschaftliche Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen und von der Auseinandersetzung mit dem Unabwendbaren in den Nachbardisziplinen zu lernen. Der Autor belässt es nicht bei distanzierten Diagnosen, sondern verbindet eine Vielzahl von konzeptionellen und empirischen Einsichten mit der großen Frage, welchen Beitrag Soziologinnen und Soziologen im Angesicht des Zerfalls moderner Ordnungen für das Verständnis und die Gestaltung der aufziehenden Post-Nachhaltigkeits-Konstellationen leisten können. Es kann ihm kaum zum Vorwurf gemacht werden, dass seine Analyse nicht „schon hinreichend weit geht“, wie er selbst konstatiert (S. 181). Um noch konkretere gesellschaftlich verankerte Transformationsstrategien zu entwickeln und die sozialen Dimensionen von Kollaps, gemeinwohlgebundener Freiheit und Transformation bereichsspezifisch zu bearbeiten, braucht es weitere inter- und transdisziplinäre Forschung mit Gegenstandsbezug.

  1. Frank Adloff / Sighard Neckel, Futures of Sustainability as Modernization, Transformation, and Control: A Conceptual Framework, in: Sustainability Science 14 (2019), S. 1015–1025 (dt.: dies., Modernisierung, Transformation oder Kontrolle? Die Zukünfte der Nachhaltigkeit, in: Klaus Dörre / Hartmut Rosa / Karina Becker / Sophie Bose / Benjamin Seyd (Hg.), Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften, Wiesbaden 2019, S. 167–180).
  2. Andreas Reckwitz, Verlust. Ein Grundproblem der Moderne, Berlin 2024.
  3. Peter Wagner, Carbon Societies. The Social Logic of Fossil Fuels, Cambridge / New York 2024.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Affekte / Emotionen Arbeit / Industrie Epistemologien Gesellschaft Gesellschaftstheorie Kapitalismus / Postkapitalismus Konsum Lebensformen Macht Normen / Regeln / Konventionen Ökologie / Nachhaltigkeit Philosophie Politik Politische Ökonomie Politische Theorie und Ideengeschichte Recht Soziale Ungleichheit Sozialer Wandel Wissenschaft Zeit / Zukunft Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen

Cordula Kropp

Prof. Dr. Cordula Kropp ist Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Risiko- und Technikforschung an der Universität Stuttgart und forscht gegenwärtig zu den Wirklichkeiten und Möglichkeiten nachhaltigen Bauens im Exzellenzcluster „Integratives computerbasiertes Planen und Bauen für eine transformative Architektur“ (IntCDC; EXC 2120/2).

Alle Artikel

Empfehlungen

Lea Gekle

Kritisches Denken zwischen Emanzipation und Repression

Rezension zu „Herbert Marcuse. Face au néofascisme“ von Haud Guéguen

Artikel lesen

Kolja Lindner

Anachronistische Vorurteile oder Ideologie negativer Vergesellschaftung?

Rezension zu „Marx, Engels und der Rassismus ihrer Zeit“ von Wulf D. Hund, Lukas Egger und Felix Lösing

Artikel lesen

Jens Hacke

Existenzfragen der Demokratie

Rezension zu „Über Freiheit“ von Timothy Snyder

Artikel lesen

Newsletter