Timm Graßmann | Rezension |

Marx als Bürger – welcher Republik?

Rezension zu „Citizen Marx. Republicanism and the Formation of Karl Marx’s Social and Political Thought“ von Bruno Leipold

Bruno Leipold:
Citizen Marx. Republicanism and the Formation of Karl Marx's Social and Political Thought
USA / Vereinigtes Königreich
Princeton, NJ / Oxford 2024: Princeton University Press
xviii, 418 S., 39,95 $ / 35,00 £
ISBN 978-0-691-20523-6

Der politische Gehalt von Karl Marx’ Denken zählt zu den stabilen Streitpunkten der Rezeption. Während sein Rang als Ökonom weithin anerkannt ist, gilt sein politisches Denken vielen als marginal, unterentwickelt oder schlicht veraltet. Gewiss, das angekündigte Buch über den Staat hat Marx nie geschrieben, sondern stattdessen eine nicht leicht zu überschauende Vielzahl an Schriften, Artikeln, Entwürfen, Briefen, Exzerpten usw. hinterlassen, aus denen sich schwerlich eine geschlossene „politische Theorie“ rekonstruieren lässt. Gleichwohl erfüllt die Vernachlässigung der scheinbar heterogenen politischen Texte des Marx’schen Œuvres nicht selten einen bequemen Zweck: Wird Marx zum bloßen Kapitalismuskritiker zurechtgestutzt, lässt sich auf dieser Basis umso besser ein politischer Überbau gemäß den eigenen Präferenzen errichten – von radikaldemokratisch bis staatssozialistisch.

Vor diesem Hintergrund setzt Bruno Leipold mit seinem Buch Citizen Marx an. Das erklärte Ziel des an der London School of Economics and Political Science lehrenden Politikwissenschaftlers ist es, Marx im Lichte des Republikanismus neu zu lesen und damit eine Reihe langlebiger Deutungsgewohnheiten zu korrigieren. Insbesondere wendet sich Leipold gegen die These, Marx habe der Politik, der Demokratie oder gar der Freiheit wenig abgewinnen können. Prominent formuliert wurde diese Diagnose etwa von Hannah Arendt, die Marx eine „Abneigung gegen den öffentlichen Raum“ attestierte, oder von Sheldon Wolin, der ihn einer „Geringschätzung der Politik“ bezichtigte.[1] In jüngerer Zeit war es Axel Honneth, der Marx in eine sozialistische Tradition einordnete, die angeblich den Wert demokratischer Deliberation notorisch unterschätzte.

Gegen diese Lesart argumentiert Leipold materialreich und gelehrsam. Seine zentrale These lautet, dass Marx ganz im Gegenteil Politik – und insbesondere demokratische Politik – ins Zentrum des Sozialismus rücken wollte. Marx habe sich damit bewusst von einem „antipolitischen Sozialismus“ abgehoben: von Denkern wie Wilhelm Weitling, Karl Grün, Robert Owen oder Henri de Saint-Simon, die sich den Klassenkampf als eine im Grunde unpolitische Angelegenheit vorstellten, die in politischen Konflikten prinzipiell „keine Partei“ ergreifen wollten, die Staatsformen für irrelevant oder Sozialismus ohne demokratische Grundlage für möglich hielten (S. 12 f.; S. 124 f. et passim). Leipold legt hier gleichsam nebenbei eine antirepublikanische Tradition innerhalb des westeuropäischen Sozialismus frei, in die Marx entgegen der landläufigen Stereotype keinesfalls gehöre. Sogar Marx’ Kritik des Kapitalismus speist sich ihm zufolge aus einem republikanischen Freiheitsbegriff, der Freiheit als Abwesenheit struktureller Herrschaftsverhältnisse und als Möglichkeit zur Entwicklung versteht.

Das ist durchweg überzeugend. Leipold arbeitet präzise heraus, wie sehr Marx’ frühe politische Schriften – von den Debatten um Pressefreiheit bis zu den Analysen der Revolution von 1848/49 – von republikanischen Motiven durchzogen sind. Gerade dort, wo Marx die Begrenztheit der modernen demokratischen Republik analysiert, wird dieser Einsatz sichtbar: Indem die demokratische Republik zwar politische Freiheit garantiere, aber zugleich die ökonomischen Abhängigkeitsverhältnisse unangetastet lasse, müsse sie ihre eigenen Versprechen systematisch unterlaufen. Politische Freiheit ohne materielle Unabhängigkeit bleibe eine prekäre Angelegenheit.

Hier zeigt sich, dass Marx keineswegs demokratische Formen als solche verwirft, sondern vielmehr deren strukturelle Bedingtheit und Durchdringung durch das Kapitalverhältnis analysiert. Die moderne Republik, so Marx’ Diagnose, ist kein friedlicher Ort vernunftgeleiteter Selbstbestimmung; sie ist vielmehr ein umkämpftes Terrain, auf dem sich Klassenverhältnisse sedimentieren. Die berühmte Formulierung im Kapital von der „Despotie“[2] der Arbeitsteilung in der Fabrik gehört in diesen Zusammenhang: Die politische Freiheit der Bürger steht demnach in einem eigentümlichen Kontrast zur autoritären Organisation der Produktion. Gegenüber Leipolds Studie ließe sich ergänzen, dass Marx an gleicher Stelle auch von der „Anarchie“ der gesellschaftlichen Arbeitsteilung der Warenproduzenten sprach und damit die Unfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt adressierte, frei über ihre eigene Entwicklung zu bestimmen.[3] Die Wirtschaftskrisen, von denen die moderne Gesellschaft periodisch heimgesucht wird, waren für Marx der schlagende Beweis ihrer fundamentalen Unfreiheit. In diesem Sinne arbeitete er schon im 18. Brumaire des Louis Bonaparte nicht nur die Schwächen der Demokraten heraus, sondern viel mehr noch die strukturellen Kräfte, die auf den „Rückfall“ demokratischer Republiken in autoritäre Herrschaft hinwirken.

Die Stärke von Leipolds Buch liegt in seiner umfassenden Kontextualisierung. Die Rekonstruktion der zeitgenössischen Debatten führt lebhaft Marx’ „einsame Position“ (S. 142) vor Augen, die der rote Republikaner ausdauernd zwischen den Fronten des „antipolitischen Sozialismus“ und eines „antisozialistischen Republikanismus“ verteidigte. Doch so plausibel Leipolds Interpretation auf den ersten Blick erscheint, so deutlich wird im Verlauf der Studie, dass sie ihrerseits auf einer selektiven Lektüre beruht. Indem Leipold insbesondere die antiimperiale Dimension des Marx’schen Republikanismus ausklammert, droht er das Bild, das er zu korrigieren beansprucht, auf neue Weise zu verzeichnen.

Eine erste Schwierigkeit ist chronologischer Art. Im Kern handelt es sich bei Citizen Marx um eine Studie des frühen Marx. Die ersten fünf der insgesamt sieben Kapitel des Buches untersuchen Marx’ Schriften bis zum 18. Brumaire aus dem Jahr 1852. Danach wird es erstaunlich still. Das sechste Kapitel behandelt republikanische Motive in Marx’ Kapitalismuskritik, das letzte die Erfahrungen der Pariser Kommune von 1871, die Leipold zu einem entscheidenden Wendepunkt in Marx’ politischem Denken stilisiert. Von einer „umfassenden Untersuchung“, wie sie der Klappentext verspricht, kann wirklich keine Rede sein. Vielmehr entzieht Leipold seinen eigenen Aussagen über die spätere Entwicklung von Marx die Grundlage, da er die drei Jahrzehnte zwischen dem 18. Brumaire und Marx’ Tod bei weitem nicht mit der gleichen Gründlichkeit untersucht.

Denn natürlich war Marx auch in dieser Zeit politisch und publizistisch ungemein aktiv, insbesondere in der Internationalen Arbeiterassoziation. Von den echten Kämpfen, Konflikten und Kriegen der Zeit ausgehend, durchdachte und praktizierte er hier so etwas wie eine „Außenpolitik der Arbeiterklasse“: in seinen Interventionen für die Unabhängigkeit Irlands und die Sache der Republik im Amerikanischen Bürgerkrieg, gegen die Fortschritte des russischen Expansionismus und für die Wiederherstellung einer polnischen Republik.[4] Mit seinem Engagement gab Marx klar zu erkennen, dass ihm Republiken keineswegs nur als politische Form der Kapitalherrschaft galten, sondern auch als vergleichsweise freiheitliche Gemeinwesen, die erkämpft und verteidigt werden müssen. Dass die internationale Politik bei Leipold überhaupt keine Rolle spielt, verleiht seiner Darstellung eine deutliche Schieflage.

Diese kulminiert in einer zweiten, systematischen Leerstelle, denn schließlich gehört die Abwehr imperialer Übergriffe zu den Hauptmotiven republikanischen Denkens. Tyrannen entstehen nicht immer im Inneren einer Republik, bisweilen stehen sie in Gestalt von Invasoren auch schlicht vor deren Toren. Doch indem Leipold sich auf Marx’ Verhältnis zur Republik innerhalb nationaler Grenzen konzentriert, lässt er einen ihrer größten historischen Gegenspieler weitestgehend außer Acht: das Imperium. Zweifellos ist für Marx die Kritik der bürgerlichen Demokratie zentral, doch sie wird bei ihm von einer noch schärferen, geradezu vernichtenden Kritik imperialer Gewaltherrschaft flankiert. Diese sah er zuallererst durch das zaristische Russland verkörpert, das er als eine unersättliche Eroberungsmaschine und den Republikenvernichter schlechthin charakterisierte und deshalb mit allen Mitteln bekämpfte. Das kommt bei Leipold überhaupt nicht vor, sodass seine Analyse genau dort endet, wo es bei Marx erst richtig zu knistern beginnt und (bis heute) politisch brisant wird. Entsprechend findet auch Marx’ Einsatz für die nationale Unabhängigkeit Polens und Ungarns in der europäischen Revolution von 1848/49 keine Erwähnung. Marx war davon überzeugt, dass eine Republik auf deutschem Boden schlechterdings nicht zu haben ist, solange die preußisch-russische Herrschaft über Polen besteht. Freiheit, zugespitzt gesagt, lässt sich nicht behaupten, wenn die Nachbarn in Ketten liegen.

Marx als Denker eines internationalen republikanischen Befreiungsprojekts? Nicht nur im 18. Brumaire schrieb er der Republik auch ein positives Moment zu und bezeichnete sie scheinbar paradoxerweise zugleich als Form bürgerlicher Herrschaft und als revolutionäre Auflösungsform der bestehenden Ordnung. Solche „dialektischen“ Bestimmungen arbeitet Leipold zwar heraus (S. 227–250), sie passen aber nur bedingt zu seinem Versuch, eine relativ gerade Entwicklungslinie zu zeichnen: von den demokratischen Ursprüngen des frühen Marx über die wachsende Einsicht in die kapitalistische Durchdringung der Republik bis hin zu den späten Sympathien für die Selbstverwaltung der Pariser Kommune.

Gerade der späte Marx fügt sich nur schwer in dieses Schema. Leipold betont zu Recht, dass Marx 1871 intensiver über Verfahren und Formen einer postkapitalistischen Politik nachdachte und dass er – anders als spätere bürokratiegestützte Experimente – keineswegs glaubte, man könne einfach den bestehenden Staatsapparat übernehmen. Doch zugleich blieb er der Kommune gegenüber durchaus ambivalent. An einer Stelle tat er sie 1881 gar ab als „bloß Erhebung einer Stadt unter ausnahmsweisen Bedingungen“.[5] Von dieser Distanzierung erfährt man bei Leipold ebenso wenig wie von Marx’ Überlegungen zu einer Kompatibilität von Kapitalismus und despotischer politischer Herrschaft, wie er sie in seinen Schriften zum Bonapartismus und Zarismus vortrug.

Problematisch ist daher Leipolds Behauptung, Marx habe nach der Pariser Kommune die demokratische Republik nicht mehr als „adäquate“ Übergangsform zum Sozialismus betrachtet (S. 357, 404). Das wird nicht hinreichend entwickelt und lädt zu antirepublikanischen Missverständnissen ein. Schließlich warf Marx prominent in der Kritik des Gothaer Programms (1875) der deutschen Sozialdemokratie vor, sich mit dem Kaiserreich arrangiert zu haben und für Deutschland nicht einmal die demokratische Republik zu fordern – jene Staatsform, in welcher, so Marx, „der Klassenkampf definitiv auszufechten ist“.[6] Dass Leipold auch diese Passage übergeht, lässt einmal mehr die große Leerstelle seiner Darstellung hervortreten: Marx diagnostizierte nicht nur die Defizite und Grenzen moderner Demokratien, sondern wandte sich zugleich mit äußerster Schärfe gegen imperiale Herrschaft. Wer das eine ausführlich darstellt, aber das andere systematisch ausblendet, gelangt am Ende zu einer einseitigen Perspektive.

In der gegenwärtigen weltpolitischen Lage ist diese Einseitigkeit nicht unerheblich. Wenn autoritäre Kräfte vielerorts Druck auf republikanische Institutionen ausüben – von bonapartistischen Abenteuern bis hin zum offen faschistischen Krieg gegen die Ukraine –, dann gewinnt die Frage nach Marx’ Verhältnis zur Republik (und zum Imperium) eine neue Aktualität. Vor diesem Hintergrund muss man daran erinnern, wie sehr sich Marx immer wieder ins Zeug legte, wenn es galt, antirepublikanischen Sezessionisten, bonapartistischen Imperialisten und russischen Expansionisten die Stirn zu bieten.

Schmälert dies den Rang von Citizen Marx? Leipold hat ein anregendes Buch vorgelegt, das eine zumeist vernachlässigte Dimension von Marx’ Denken sichtbar macht: seine Auseinandersetzung mit republikanischen Freiheitsvorstellungen und demokratischen Verfahren. Wer das politische Denken insbesondere des frühen Marx verstehen will, wird an dieser ideengeschichtlichen Studie nicht vorbeikommen.

Doch indem Leipold in erster Linie Marx’ Kritik der demokratischen Republik ausführlich entfaltet und eine relative Abkehr von ihr behauptet, zugleich jedoch dessen antiimperiales Engagement ausblendet, entsteht am Ende ein lückenhaftes und verzerrtes Bild. Mit Leipolds Marx könnte man sich für den größten Demokraten halten und zugleich die aktuellen Angriffe auf die Demokratie gelassen hinnehmen. Man könnte glatt meinen, die Welt lasse sich mit alternativen Formen der Repräsentation retten, während Eroberungskriege und revisionistische Großmachtpolitik irgendwie von selbst verschwinden. Eine solche Lesart dürfte zwar in manchen linken Zirkeln gern gesehen sein, dem republikanischen Marx allerdings wird sie in entscheidenden Punkten nicht gerecht.

  1. Hannah Arendt, The Human Condition, Chicago, IL 21998, S. 165; Sheldon Wolin, Politics and Vision: Continuity and Innovation in Western Political Thought. Princeton, NJ 2016, S. 323. (Die Zitate bei Leopold, S. 19.)
  2. Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1 (Marx-Engels-Gesamtausgabe. Bd. II/5, S. 290).
  3. Ebenda.
  4. Vgl. Timm Graßmann, Marx gegen Moskau. Zur Außenpolitik der Arbeiterklasse, Stuttgart 2024.
  5. Marx an Ferdinand Domela Nieuwenhuis, 22. Februar 1881 (Marx-Engels-Werke, Bd. 35, S. 160).
  6. Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms (Marx-Engels-Gesamtausgabe, Bd. I/25, S. 22).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

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Timm Graßmann

Timm Graßmann, Studium der Sozialwissenschaften in Berlin und Warschau, arbeitet an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, wo er im Rahmen der Marx-Engels-Gesamtausgabe die Exzerpte von Marx ediert. Zuletzt erschien von ihm im Schmetterling Verlag das Buch „Marx gegen Moskau. Zur Außenpolitik der Arbeiterklasse“.

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