Barbara Brandl | Rezension |

Die gesellschaftliche Gestaltbarkeit der Geldordung

Rezension zu „Fake Coins. Digitales Geld und analoge Freiheit“ von Aaron Sahr

Aaron Sahr:
Fake Coins. Digitales Geld und analoge Freiheit
Deutschland
Hamburg 2026: Hamburger Edition
464 S., 35,00 EUR
ISBN 978-3-86854-390-2

In seinem Buch Fake Coins beschäftigt sich Aaron Sahr, wie der Titel bereits vermuten lässt, mit Kryptowährungen und den mit dieser Geldform verwobenen Utopien. Diese Beschreibung trifft den Inhalt des Buches jedoch nur vordergründig, denn eigentlich geht es Sahr um etwas sehr viel Größeres. Es geht ihm um die Bedeutung von Geld in modernen Gesellschaften. Bitcoin und Co. dienen dabei lediglich als Folie, als Kontrastmittel, um die grundlegenden Eigenschaften moderner monetärer Systeme sichtbar zu machen.

Ein Buch mit einem derart ausufernden und zugleich sperrigen Thema, zu einem Gegenstand, der seit Simmel bereits mehrere Konjunkturzyklen soziologischer Aufmerksamkeit durchlaufen hat, kann – so meine erste intuitive Reaktion – eigentlich nur misslingen. Ein Blick auf die Verkaufszahlen und die Vielzahl der bisherigen Rezensionen – Fake Coins stand sogar zeitweise auf der Bestsellerliste des manager magazins – legt jedoch einen anderen Schluss nahe. Ein Grund für den durchschlagenden Erfolg dieses immerhin über 450 Seiten umfassenden Werkes besteht meiner Überzeugung nach darin, dass Sahr etwas gelingt, woran viele andere soziologische Arbeiten scheitern: Er nimmt seinen Forschungsgegenstand ernst – sehr ernst sogar. Das zeigt sich auf zwei Ebenen. Zunächst nähert der Autor sich Kryptowährungen von außen, indem er ihre Entstehungsgeschichte ebenso wie ihre technologischen Grundlagen erläutert. So erklärt er etwa die Ursprünge von Bitcoin und anderen Kryptowährungen oder die Lösung des Double-Spending-Problems durch kryptographische Verfahren. Trotz der hohen Komplexität des Gegenstandes gelingt ihm dabei eine erstaunlich klare Darstellung.

Er bleibt jedoch nicht auf dieser oberflächlich-technologischen Ebene stehen, sondern stürzt sich geradezu in die Untiefen der Krypto-Onlineforen, um den Ideologien, Hoffnungen und Versprechungen nachzuspüren, die mit dieser Geldform verbunden sind. Anschließend entfaltet er die Utopie der Bitcoin-Anhängerinnen gerade nicht als wahnhafte Vorstellung einiger Tech-Spinner, sondern als radikalisierte Form jenes gesellschaftlichen Unbehagens, das dem modernen Geldsystem seit seiner Entstehung entgegengebracht wird.

Die Heroik dieses Unterfangens erschließt sich möglicherweise vor allem jenen Leserinnen, die bereits mit Krypto-Evangelisten in Kontakt gekommen sind. Für gewöhnlich endet ein Gespräch mit diesen Krypto-Insidern – wie die Verfasserin dieser Rezension mehrfach erfahren hat – mit großer Frustration auf beiden Seiten. Selbst die aus der jeweils eigenen Perspektive besten Argumente werden von der jeweils anderen Seite nicht anerkannt. Am Ende gibt man auf und akzeptiert, offenbar nicht dieselbe Realität zu teilen. Obwohl Sahr, wie er in seinem Buch erwähnt, offenbar ähnliche Erfahrungen gemacht hat, bleibt er dabei nicht stehen. Er geht vielmehr tiefer in den Kaninchenbau, um so die unterschwelligen Einstellungen und Gefühle gegenüber Geld, der monetären Ordnung moderner Gesellschaften und ihrer gesellschaftlichen Legitimation Stück für Stück freizulegen. Ein wichtiger Fluchtpunkt in dieser Auseinandersetzung ist Freiheit, hier dezidiert nicht als philosophisch umstrittene Willensfreiheit verstanden, sondern als Handlungsfreiheit des Individuums – etwa die Freiheit davon, jede einzelne Transaktion aushandeln zu müssen. Stattdessen kann einfach der geforderte Betrag bezahlt werden und die Beteiligten können quitt auseinandergehen. Diese mit modernem Geld verbundenen Handlungsfreiheiten versetzen uns erst in die Lage, ein individualisiertes Leben in kontemporären Gesellschaften zu führen.

Ein besonders eindrückliches Beispiel für diese tief verankerten gesellschaftlichen Vorstellungen ist die Überzeugung, dass Geld stets das Gegenstück zu etwas tatsächlich Wertvollem sein müsse. Eigentlich müssten wir es besser wissen, da wir es längst mit Fiat-Geld zu tun haben – die vergleichsweise kurzen Phasen der „Goldbindung“ einzelner Währungen ändern daran nichts –, und damit fortwährend vor Augen haben, dass Geld ein gesellschaftlich geschaffenes Produkt ist. Dennoch gehen wir selbstverständlich davon aus, dass Geld lediglich bereits vorhandene Werte repräsentiere. Die Vorstellung, Geld bilde eine eigenständige soziale Ordnung mit eigener Logik, erscheint uns demgegenüber fremd. Dementsprechend werden Praktiken der „künstlichen“ Geldschöpfung, insbesondere wenn sie von politischen Institutionen ausgehen, häufig als Vorboten des wirtschaftlichen Niedergangs interpretiert. Oder, wie Sahr formuliert: „Wir erwarten also, dass Geld erwirtschaftet wird, man also Vorleistung bringt und diese gegen Geld eintauscht und es nicht einfach druckt. Punkt.“ (S. 249)

Eine Variante dieser Überzeugung besteht in der Vorstellung, Staaten sollten sich mit Eingriffen in das Geldsystem weitestgehend zurückhalten (S. 262), um Finanzstabilität und Wohlstand nicht zu gefährden. Grundlage dieser tief verwurzelten Haltung ist, so Sahr, der Glaube an Mythen – oder, anders formuliert, an volkswirtschaftliche Modellerzählungen. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die trotz fehlender geschichtswissenschaftlicher und ethnologischer Evidenz hartnäckig fortbestehende Annahme, Geld sei aus einem ursprünglich etablierten Tauschhandel hervorgegangen. Dieser Mythos dient bis heute dazu, „hoheitliche Steuerungsansprüche an das Geldsystem als Eingriffe in eine spontane, natürliche monetäre Ordnung zu delegitimieren“ (S. 262) und damit jeglichen gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch an das Geldsystem zurückzuweisen.

Vor dem Hintergrund dieser von Sahr aus den Tiefen des gesellschaftlichen Bewusstseins geborgenen Überzeugungen erscheint die mit Bitcoin verbundene Utopie nicht länger als die Weltsicht einiger risikoaffiner Spekulanten oder verschrobener Tech-Enthusiasten. Vielmehr wird deutlich, dass es sich um einen Versuch handelt, jene Ambivalenzen aufzulösen, die moderne Geldsysteme von ihrer Entstehung an begleiten.

Den wohl radikalsten dieser Versuche repräsentiert Bitcoin selbst. Die Bitcoin-Blockchain ist technologisch so konstruiert, dass die Geldmenge nicht beliebig ausgeweitet werden kann.[1] Im Gegenteil: Die maximale Anzahl produzierbarer Bitcoins stand bereits fest, bevor der erste Bitcoin geschürft wurde. Gerade diese technische Setzung verspricht den Befürwortern, „Geld in eine quasi-natürliche, reine Form zu bringen – ‚echtes‘ Geld eben!“ (S. 334). Demgegenüber erscheint das von Geschäfts- und Zentralbanken geschaffene Geld, das keiner inhärenten Mengenbegrenzung unterliegt, geradezu „unanständig“.

Der Wunsch nach einer radikal begrenzten Geldmenge kollidiert allerdings – und dies gilt keineswegs erst seit Bitcoin – mit der grundlegenden Funktionsweise kapitalistischer Gesellschaften. Diese sind naturgemäß auf eine flexible Geldmenge angewiesen, da beständig auf konjunkturelle Schwankungen und externe Schocks reagiert werden muss. Dementsprechend wurde bereits die Goldbindung von Beginn an kontrovers diskutiert, war also nie unumstritten. Oder, wie Sahr schreibt: „Die Idee eines radikal endlichen Geldangebots kollidiert mit dem ständigen Bedarf an Liquidität, also mit einer dynamischen Nachfrage nach Geld in der Wirtschaft.“ (S. 352)

Den wohl zentralsten Gedanken, der für politische Debatten über Geldpolitik, Austerität und Sparzwänge entscheidend ist, entwickelt Sahr im letzten Kapitel des Buches. Dort argumentiert er, dass uns das Nachdenken über neue – insbesondere kryptographische – Geldformen dazu befähigt, „die grassierende monetäre Sprachlosigkeit abzubauen, die unser Geld unter einem Schleier ökonomischer Technizität und Neutralität verdeckt hielt“ (S. 392). Anders formuliert: Bitcoin und andere Kryptowährungen führen uns die Kontingenz dessen vor Augen, was wir als Geld verstehen.

Dies ist keineswegs eine Nebensächlichkeit. Wie Sahr detailgetreu darlegt, zeichnen sich moderne Gelddiskurse gerade dadurch aus, dass monetäre Ordnungen als natürliche Gegebenheiten dargestellt werden. Jeder politische Eingriff erscheint so illegitim oder gar gefährlich. Dieser insbesondere von der Volkswirtschaftslehre geprägten Sichtweise setzt Sahr eine radikal andere Perspektive entgegen: Geld ist kein „simpler Tatbestand, den man vorfindet, sondern eine soziale Ordnung, die verändert werden kann“ (ebd.). Geld ist ein soziales Artefakt, das auf gesellschaftliche Bedürfnisse abgestimmt werden kann.

Folgerichtig fordert Sahr, dass politische Debatten Geld nicht lediglich als „Ressourcenbestand“ (S. 386) verstehen und sich um seine Verteilung drehen sollen, sondern ebenso um die Frage, wie die monetäre Ordnung einer Gesellschaft gestaltet werden soll. Während in früheren Arbeiten, insbesondere in Keystroke-Kapitalismus, die durch die Finanzkrise von 2007/08 ausgelösten Umverteilungseffekte der Geldpolitik im Mittelpunkt standen, richtet Sahr den Blick nun stärker auf die Infrastruktur des Zahlungsverkehrs. Er nimmt damit ein politisches Projekt in den Blick, das möglicherweise die größte Gestaltungskraft für die zukünftige Konstruktion von Geld besitzt. So fragt er etwa: „Wollen wir eine öffentliche Zahlungsinfrastruktur, die von der Elastizität des kommerziellen Bankensystems möglichst entkoppelt funktioniert? Wollen wir den digitalen Euro als Herausforderung oder als minimalinvasive Ergänzung des kommerziellen Bankensystems installieren?“ (S. 429).

Aaron Sahr hat mit Fake Coins eine tiefgründige Analyse des modernen Geldes, seiner Dynamiken und der mit ihm verbundenen Utopien vorgelegt. Darüber hinaus zeichnet sich das Buch – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Werken der Disziplin – durch sprachliche Virtuosität und einen unverwechselbaren Stil aus. Kritisch anzumerken bleibt lediglich, dass die politische Ökonomie des Zahlungsverkehrs – also die Frage, wer mit welchen Zahlungsinfrastrukturen Geld verdient – hinter der theoretischen Analyse zurückbleibt. Doch kein Buch kann alles leisten!

  1. Das auch diese Begrenzung nur in der Theorie vorhanden ist zeigt etwa: Co-Pierre Georg, The (In-)Finite Money Glitch, SSRN Scholarly Paper, Rochester, NY 2025.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Daten / Datenverarbeitung Demokratie Digitalisierung Geld / Finanzen Gesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Politische Ökonomie Wirtschaft

Barbara Brandl

Barbara Brandl ist Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Organisation und Wirtschaft.

Alle Artikel

Empfehlungen

Timo Daum

Privacy im digitalen Kapitalismus

Rezension zu „Industry Unbound. The Inside Story of Privacy, Data, and Corporate Power” von Ari Ezra Waldman

Artikel lesen

Aaron Sahr, Eva Weiler, Sebastian Huhnholz

Nachgefragt bei Aaron Sahr, Eva Weiler und Sebastian Huhnholz

Fünf Fragen an die Herausgeber:innen des Leviathan-Sonderbandes „Politische Theorien öffentlicher Finanzen. Zur (De-)Politisierung von Geld, Eigentum und Steuern“

Artikel lesen

Newsletter