Roman Yos | Nachruf | 20.03.2026
Sein avantgardistischer Spürsinn für Relevanzen
Ein Nachruf auf Jürgen Habermas
„Von hier an müssen wir alleine weitergehen.“[1] – Jener Satz, mit dem Jürgen Habermas vor kurzem die Abwärtsspirale des transatlantischen Bündnisses kommentierte, hallt noch nach. Erst wenige Wochen alt, erinnert er uns nun, merkwürdig verwandelt, an eine Leistung, die unter den kritischen Stimmen des 20. und 21. Jahrhunderts ihresgleichen sucht.
Es war nicht zuletzt die Strahlkraft seiner sprachlichen Bilder, mit der es Habermas gelang, über eine Spannweite von mehr als 70 Jahren intellektuelle Spielfelder und politisches Tagesgeschehen pointiert zu vermessen. Sentenzen wie diese, darunter Buchtitel wie „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ oder „Die neue Unübersichtlichkeit“, sind über die Jahrzehnte hinweg ins intellektuelle Gedächtnis der deutschen Nachkriegsgeschichte eingewandert.
Ob sprachliche Formeln wie diese auch im Englischen, Chinesischen oder in einer der vielen anderen Sprachen, in die Habermas‘ Bücher übersetzt wurden, jene assoziationsgesättigte Semantik bewahren, steht dahin. Ursprünglich entstanden im Gewühl öffentlicher Debatten, bildeten und bilden sie den Resonanzboden einer bewegten und bis ins Hier-und-Jetzt hineinragenden Zeitzeugenschaft. Ob im Bild des „gespaltenen Westens“, das im Eingangszitat unweigerlich mitschwingt, oder in Warnungen wie der vor einer „Entsorgung der Vergangenheit“[2] mit Blick auf die drohende Relativierung der NS-Verbrechen – Habermas‘ Interventionen waren um griffige Formeln nie verlegen.
Ähnliches ließe sich auch über seine theoriepolitische Arbeit sagen. Man denke da nur an Stellen, die die Freilegung geistesgeschichtlicher Hintergründe betreffen. Da findet sich beispielsweise im Buch Der philosophische Diskurs der Moderne jene Bezeichnung von Heideggers Denkweg als „metaphysikkritische Unterwanderung des okzidentalen Rationalismus“, die ein entsprechendes Kapitel plakativ ausweist. Und direkt im anschließenden Kapitel beginnt Habermas die Darstellung Derridas unter der Formel „Überbietung der temporalisierten Ursprungsphilosophie“, was offenkundig keinerlei Zweifel daran lassen soll, dass letzterer, wie dann folgerichtig erklärt wird, „mit Recht die Rolle des authentischen Schülers“ reklamiere.[3]
Aber nicht nur, wenn es Habermas darauf anlegte, philosophische Konkurrenten durch Fremdzuschreibungen wie diese festzunageln, sondern auch dann, wenn er bezüglich eigener Denkresultate nach einer aufschließenden Signatur suchte, spielten formelhafte Zuspitzungen immer wieder eine entscheidende Rolle. Dies konnte auch der Hervorhebung einer grundlegenden Intention dienen: etwa im Titel des 1996 erschienenen Aufsatzbandes Die Einbeziehung des Anderen, in dem Habermas Beiträge zur politischen Theorie und zur Diskussion seiner wenige Jahre zuvor entworfenen Diskurstheorie des Rechts versammelte.
Welchen Stellenwert die schriftliche Äußerung für jemanden mit angeborener Gaumenspalte zeitlebens einnahm, lässt sich leicht erahnen. Erahnen lässt sich auch, dass Habermas eine Laufbahn als Hochschullehrer und Universitätsprofessor zunächst kaum einplanen konnte. Erst viel später, im Laufe der 1980er- und 1990er-Jahre, so gab er vor einiger Zeit preis, habe sich bei ihm allmählich das Gefühl eingestellt, seinen Beruf einigermaßen zu beherrschen.[4]
Schon als junger Mann, noch bevor er den akademischen Weg dann doch einschlagen sollte, nutzte Habermas jede Gelegenheit, um publizistisch in Erscheinung zu treten. Zu Beginn der 1950er-Jahre, als er nach je einem Semester in Göttingen und Zürich nach Bonn an die dortige Friedrich-Wilhelms-Universität wechselte, fand er dort jenen anregenden Diskussionskreis vor, in dem er neben seiner späteren Frau Ute (geb. Wesselhoeft) auch den früh verstorbenen Film- und Literaturkritiker Wilfried Berghahn und den Filmproduzenten Günter Rohrbach kennenlernte. Berghahn, dem früh verstorbenen und „unvergessenen Freunde“, widmete Habermas sein späteres Buch Erkenntnis und Interesse. Rohrbach, der sich ebenfalls – wenn auch auf anderen Pfaden – einen Platz im Gedächtnis der deutschen Nachkriegsgeschichte sicherte, hat vor wenigen Monaten einen bewegenden Nachruf auf Ute Habermas veröffentlicht, den man gelesen haben muss, um ihre Rolle als Intellektuelle, die eigene Ambitionen dem Erfolg ihres Mannes unterordnete, annähernd zu verstehen.[5]
Neben klassischen Arbeiten fürs Feuilleton, die aus Film- und Kunstkritiken, aber auch aus Vortragsberichten und Buchbesprechungen bestanden, verfasste Habermas schon in jungen Jahren eine Vielzahl intellektueller Portraits, von denen er später einige unter dem Label Philosophisch-politische Profile gesammelt wiederveröffentlichte. In diesen zumeist aus konkreten Anlässen wie Buchveröffentlichungen oder Jubiläen entstandenen Miniaturen (von denen bis ins hohe Alter viele weitere folgten) machte er weder vor geistigen Antipoden wie Martin Heidegger oder Arnold Gehlen, noch vor akademischen Förderern wie Theodor W. Adorno („Ein philosophierender Intellektueller“) oder Hans-Georg Gadamer („Urbanisierung der Heideggerschen Provinz“) halt. Dass sich da jemand mit scharfer Klinge durchs bundesdeutsche Feuilleton bewegte und eindeutig Stellung bezog, wenn die NS-Vergangenheit verharmlost und/oder auf den Bonner Führungsetagen laut die (atomare) Wiederbewaffnung befürwortet wurde, blieb nicht unbemerkt.
Eine Folge dieser seltenen Mischung aus publizistischem Ehrgeiz und akademischer Brillanz war eine für damalige Verhältnisse enorm große Aufmerksamkeit. „Jürgen Habermas könnte zu einer ständigen, ernsthaft störenden Beunruhigung werden“, hieß es in der nicht nur aus heutiger Sicht erstaunlichen Aufmachung des Aufsatzbandes Theorie und Praxis. Als dieser Band 1963 bei Luchterhand erschien, hatte der von vormaliger Skepsis inzwischen Abstand nehmende Max Horkheimer dafür Sorge getragen, dass der ehemalige Institutsassistent, der mittlerweile unter der Ägide von Gadamer auf ein philosophisches Extraordinariat in Heidelberg berufen worden war, zurück nach Frankfurt kam, um dort die Nachfolge von Horkheimers Doppel-Professur für Philosophie und Soziologie anzutreten. Zwar wies Habermas selbst im biografischen Rückblick wiederholt darauf hin, dass alles auch ganz anders hätte kommen können, ein Lebensweg sei schließlich von unzähligen Kontingenzen durchzogen. Dennoch kann man sich – kontrafaktisch – leicht ausmalen, dass es dieser vielversprechende Nachwuchsmann schließlich auch ohne die aus scheinbar zufälligen Begegnungen entstandene Unterstützung, etwa durch Adorno, Gadamer oder auch Helmuth Plessner, in die Rolle des politischen Intellektuellen gezogen hätte, in der er seinen „avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen“[6] tatsächlich ein Leben lang unter Beweis gestellt hat.
Dass Habermas 1956, nachdem er in Bonn unter Erich Rothacker als Philosoph promoviert worden war, in Frankfurt eine akademische Karriere ins Auge fassen konnte, lag gewiss auch am Stellenwert des gerade aufblühenden Fachs Soziologie. Denn am Frankfurter Institut für Sozialforschung, das sich durch Auftragsarbeiten unter anderem aus der Wirtschaft finanzierte, war die Soziologie fest verankert. Der fachliche Wechsel war für Habermas‘ spätere Ausarbeitung einer eigenständigen Version kritischer Gesellschaftstheorie von ausschlaggebender Bedeutung, wenn auch hinzukam, dass er bereits vorher, gewappnet durch Lektüren von Marx und der marxistischen Klassiker der Zeit und ausgehend von kulturkritischen Fragestellungen, auf Probleme der soziologischen Theoriebildung gekommen war. Am Institut, wo man ihm überwiegend die Auswertung und Durchführung empirischer Studien anvertraute, waren es vor allem die Kontakte zu Gretel und Theodor W. Adorno, aber auch der Austausch mit annähernd gleichaltrigen Sozialwissenschaftlern, die ihm dabei halfen sich ein differenziertes Bild soziologischer Forschungsmethoden zu verschaffen. Daher hielt er die später übernommene Professionsbezeichnung als „Philosoph und Soziologe“ alles in allem für zutreffend.
Gegen den bloß beobachtenden Standpunkt der empirischen Sozialwissenschaften hat Habermas vielfach Stellung bezogen, unter anderem im Umfeld des sogenannten Positivismusstreits, aber auch im weiteren Kontext der Diskussion um die „Logik der Sozialwissenschaften“, die er in Auseinandersetzungen mit Denkrichtungen führte, welche im damaligen Frankfurt (noch) wenig populär waren: Strukturfunktionalismus, Pragmatismus, analytische Wissenschaftstheorie. Diese von den alten Frankfurtern eher skeptisch bis ablehnend beäugten Entwicklungen eignete er sich in atemberaubender Geschwindigkeit an, und zwar durchaus in dem Bewusstsein, in einer Zeit verstärkter Aufmerksamkeit für Theorie auch ein Wörtchen mitreden zu können.
„Daß wir Reflexion verleugnen, ist der Positivismus.“[7] Mit diesem prägnanten Satz, zu finden im Vorwort seines 1968 veröffentlichten Buches Erkenntnis und Interesse, gab Habermas zu verstehen, warum philosophisches Denken aus seiner Sicht auch bei der Verhandlung soziologischer Grundprobleme nötig sei. Erkenntnistheorie, die als Erkenntniskritik nicht nur den wissenschaftstheoretischen Rahmen für empirische Beobachtungen bilden sollte, so schrieb er einer erwartungsvollen Leserschaft, sei „nur als Gesellschaftstheorie“ möglich. Doch bei dieser zwischenzeitlichen Ankündigung blieb es vorerst. Erst Jahre später, nachdem unter anderem mit der 1971 ins Englische übertragenen Veröffentlichung („Knowlegde and Human Interests“) der Grundstein für eine international erfolgreiche Rezeption seines Schaffens gelegt war, fand Habermas schließlich in der „Theorie des kommunikativen Handelns“ jenen verbindlichen Rahmen, auf den er sich auch in sämtlichen seiner späteren Schriften beziehen sollte.
Über zehn Jahre lang, während seiner Zeit als Co-Direktor am Starnberger Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt (zusammen mit Carl Friedrich von Weizsäcker), arbeitete er an jenem zweibändigen Werk, über dessen Konstruktionsproblemen er lange Zeit gebrütet hatte. Entsprechende Stoßseufzer finden sich selbst noch im fertigen Buch. In der Einleitung dieses 1981 veröffentlichten Hauptwerks, auch im Vorwort, wimmelt es nur so vor methodischen Erläuterungen und Rechtfertigungen. Er habe ein „hoffnungslos akademisches Buch“[8] vorgelegt, heißt es andernorts einmal. Sogar der Umstand, dass das Publikum zum Teil mit „Unverständnis und Unmut“ reagiert habe, wird von ihm im Vorwort zur dritten Auflage einigermaßen verständnisvoll registriert.
Auch aus heutiger Sicht kann man sich in die angesichts der schieren Komplexität verzweifelten Reaktionen gut hineinversetzen. Denn wer der mehrstufigen Vorbereitung des Einleitungskapitels folgend darauf hoffte, gerade hier – im (neben Faktizität und Geltung) akademisch anspruchsvollsten seiner Bücher – griffige Definitionen der Grundbegriffe kommunikativen Handelns wie in einem Kompendium nachschlagen zu können, musste sich bei der Suche danach alsbald nach geeigneten Interpretationshilfen umsehen. Auch nach 45 Jahren Rezeption durch ein Fachpublikum erscheint die sozialwissenschaftliche Begriffsarchitektonik des unter Eingeweihten kurz „TkH“ genannten Werks immer noch furchteinflößend. Als Habermas 1981 die fertigen Bände vorlegte, war er gerade von seiner Stelle am Starnberger Institut zurückgetreten, wo man ihn hinter vorgehaltener Hand bereits ehrfürchtig „den Alten“ nannte. In der Folge entschied er sich (unter anderem gegen Rufe aus Berkeley und Yale) ein weiteres (drittes) Mal für Frankfurt, wo er im Jahr zuvor mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis ausgezeichnet worden war.
Mit Büchern wie Der philophische Diskurs der Moderne, einem Werk das Habermas der Sache nach in Vorlesungen anordnete sowie der in der edition suhrkamp beheimateten Reihe Kleine Politische Schriften, die zwischen 1979 und 2013 erschien und insgesamt 12 Bände umfasste, wandte er sich in den Folgejahren wieder an ein breiteres Publikum. Allein bis zur Emeritierung im Jahr 1994 folgten auf die Theorie des kommunikativen Handelns um die 15 Bücher, die Habermas in der Regel im Suhrkamp Verlag veröffentlichte, wo sein langjähriger Weggefährte und Freund Siegfried Unseld die Geschicke lenkte. Mindestens ebenso viele weitere Buchbände erschienen, bis Habermas 2019, im Jahr seines 90. Geburtstages, sein zweibändiges Alterswerk Auch eine Geschichte der Philosophie vorlegte.
Einzigartig ist Habermas‘ Werk nicht nur aufgrund der Fülle an Publikationen (insgesamt über 60 Bücher), in denen unterschiedlichste Themen, hauptsächlich aus den Bereichen Politik, Wissenschaft und Kultur, behandelt werden. Auch seine kontinuierliche Bereitschaft, mit Leserinnen und Lesern seiner Texte ins Gespräch zu kommen, sich kritischen Einwänden zu stellen, dabei zu lernen und – wenn nötig – unhaltbare Positionen auch zu revidieren, muss man als Teil eines intellektuellen Gesamtwerks begreifen, das zwar in der schriftlichen Form seinen Ursprung, nicht aber sein Ende hat.
Zum Ende seines Lebens, so berichtet sein Freund Michael Krüger, wollte er „möglichst unbemerkt verschwinden“.[9] Wie es um diese Aussicht stand, darüber wird er sich keine Illusionen gemacht haben. Jürgen Habermas‘ kritische Stimme, seine treffenden und oft unbequemen Einsprüche werden uns fehlen. „Von hier an müssen wir alleine weitergehen.“
Fußnoten
- Jürgen Habermas, Von hier an müssen wir alleine weitergehen, in: Süddeutsche Zeitung, 20.11.2025.
- Jürgen Habermas, Entsorgung der Vergangenheit, in: ders., Die neue Unübersichtlichkeit. Kleine Politische Schriften V, Frankfurt am Main 1985, S. 261–268.
- Vgl. Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Frankfurt am Main 1985, S. 191.
- Vgl. Jürgen Habermas, „Es musste etwas besser werden …“ Gespräche mit Stefan Müller-Doohm und Roman Yos, Berlin 2024, S. 13.
- Günter Rohrbach, Ein wunderbarer Mensch, in: Süddeutsche Zeitung, 14.6.2025.
- Jürgen Habermas, Ein avantgardistischer Spürsinn für Relevanzen. Die Rolle des Intellektuellen und die Sache Europas, in: ders., Ach, Europa. Kleine Politische Schriften XI, Frankfurt am Main 2008, S. 77–87.
- Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse [1968], mit einem neuen Nachwort versehene Neuauflage, Frankfurt am Main 1973, S. 9.
- Jürgen Habermas, Dialektik der Rationalisierung (Interview mit A. Honneth, E. Knödler-Bunte und A. Widmann), in: ders., Die neue Unübersichtlichkeit, Kleine Politische Schriften V, Frankfurt am Main 1985, S. 184.
- Michael Krüger, Er merkte sich alles, aber er nahm nichts übel, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.3.2026.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.
Kategorien: Demokratie Gesellschaftstheorie Kommunikation Kritische Theorie Moderne / Postmoderne Philosophie
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