Harald Bluhm, Gerald Hubmann, Herfried Münkler, Jens Bisky, Hannah Schmidt-Ott | Interview |

Marx wurde nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, ihn zu edieren

Ein Gespräch über die Marx-Engels-Gesamtausgabe mit Harald Bluhm, Gerald Hubmann und Herfried Münkler

Die MEGA hat bekanntlich eine lange Geschichte. Von der ersten historisch-kritischen Ausgabe der Werke, nachgelassenen Manuskripte und Briefe von Marx und Engels erschienen zwischen 1927 und 1941 zwölf Bände, bis das Vorhaben den totalitären Regimen in Berlin und Moskau zum Opfer fiel. Eine zweite MEGA wurde in den sechziger und siebziger Jahren in Angriff genommen, bis 1990 konnten immerhin 36 Bände vollendet werden. Dann war unklar, ob das Unternehmen ohne ZK der SED und ohne KPdSU fortgeführt werden konnte. Erst 1998 erschien nach veränderten Editionsprinzipien ein Folgeband: Karl Marx: Exzerpte und Notizen. Sommer 1844 bis Anfang 1847, darin die Feuerbachthesen. Die MEGA war nun ein Akademievorhaben und kam unter kapitalistischen Bedingungen verlässlich voran. Wie ist der Stand des Projektes heute?

Herfried Münkler: Ziemlich gut. Seit der Wiederaufnahme veröffentlichen wir im Schnitt etwa zwei Bände pro Jahr. Angesichts der nicht gerade üppigen Personalausstattung ist das eine beachtliche Leistung – zumal wir nicht nur Bekanntes neu präsentieren, sondern auch bislang Unbekanntes von Marx zugänglich machen. Innerhalb der Editionsphilologie hat die MEGA eine hohe Sichtbarkeit. Und wie wir uns Anfang der 1990er-Jahre an der Hölderlin-Ausgabe von Dietrich Sattler orientiert haben, orientieren sich heute andere Projekte an uns. Die Ausgabe Sattlers unterscheidet sich von der zuvor maßgeblichen von Friedrich Beißner dadurch, dass sie Hölderlins Texte so abdruckt, wie sie im Manuskript vorliegen, und nicht versucht, dass „unvollendet Gebliebene“ im Nachhinein verstehbar und „vollendet“ zu machen.

Welche Widerstände gegen die Wiederaufnahme der MEGA gab es nach dem Ende des Staatssozialismus in der DDR, nach der Auflösung der Sowjetunion?

Herfried Münkler: Von Widerständen würde ich nicht sprechen, eher von Skepsis. Es wurde immer wieder gefragt, ob eine MEGA II denn nötig sei, wo es doch die MEW, also die Marx-Engels-Werke gebe. Diese Ausgabe folgte freilich eher ideologischen als belastbaren editionsphilologischen Vorgaben. Für die Rettung des Projekts war auch von Relevanz, dass die MEGA I von Stalin beendet wurde, indem er die Beteiligten der Reihe nach hatte umbringen lassen. Die Bundesrepublik wollte es nicht darauf beruhen lassen. Daher hieß es: Wir führen das Projekt weiter, aber kleiner. „Kleiner“ bedeutete: mit sieben etatisierten Stellen. Verglichen mit dem Institut für Marxismus-Leninismus war das ein drastischer Rückbau – dort hatten etwa 190 Beschäftigte an der Edition gearbeitet.

Gerald Hubman: Und dann gab es ja noch das Moskauer Institut …

Herfried Münkler: Am Moskauer Institut arbeitete noch einmal ungefähr dieselbe Zahl von Leuten. Wir haben die Effizienz also in den letzten Jahrzehnten immens gesteigert und auch mitten im Galopp das Pferd gewechselt, als wir teilweise auf die digitale MEGA umgestellt haben. Das war nicht ganz leicht, aber die Voraussetzung für die Verlängerung des Projekts.

Mit welchen Problemen ist man bei der Digitalisierung, mit digitalen Ausgaben konfrontiert?

Gerald Hubmann: Zunächst mussten wir uns im Zuge unseres Verlängerungsantrags vor zehn Jahren die Frage stellen, wie man eine Großedition mit einer fertig vorliegenden und drei noch unvollständig bearbeiteten Abteilungen ins Digitale transformiert. Wir haben uns entschieden, neben der fertigen Kapital-Abteilung, deren 15 Bände vorlagen, auch die Werk-Abteilung – seinerzeit waren 22 der 32 Bände erschienen – als Druckausgabe fertigzustellen. Bei den Briefen und Exzerpten sind wir hingegen zur vollständig digitalen Edition übergegangen. Das bot sich an, weil diese Materialien oftmals zu Recherchezwecken genutzt werden, während das Kapital und das Manifest immerhin zum Weltdokumentenerbe der UNESCO zählen. Wenn man das nicht mehr drucken würde, was dann?

Harald Bluhm: In der Werkabteilung, also Abteilung I, werden derzeit wichtige Pakete zum Abschluss gebracht. Mit dem kürzlichen Erscheinen von MEGA-Band I/9 ist das Paket an Schriften und Publizistik zur 1848er-Revolution vollständig. Als nächstes wollen wir die Edition des Frühwerkes abschließen. Hier fehlt noch der Band I/6 mit dem Manifest der Kommunistischen Partei sowie der ersten Monografie von Marx, Das Elend der Philosophie. Marx hat diese Schrift für wichtiger gehalten als das Manifest. Die II. AbteilungKapital und Vorarbeiten – ist 2013 abgeschlossen worden. Die III. Abteilung, von der neun Bände in Print vorliegen, wird digital fortgesetzt: Die Briefe erscheinen jahrgangsweise, einschließlich der Briefe an Marx und Engels.

Herfried Münkler: Ein großer Vorzug der Digitalisierung ist, dass sich Briefe, die noch gefunden werden, vergleichsweise leicht einpflegen lassen.

Harald Bluhm: Die IV. Abteilung (Exzerpte, Notizen, Marginalien) beinhaltet unter anderem die umfangreichen Londoner Hefte. Nach der 1848er-Revolution – von der Marx sich weiter reichende, insbesondere sozialistische Konsequenzen erhofft hatte – zieht er sich zurück, liest, studiert und exzerpiert so breit wie nie zuvor: Kunst, Kultur, Geschlechterfragen, Ökonomie, Ethnologie. Von den zwischen Ende 1849 und Herbst 1853 entstandenen 24 Heften ist nur ein Band (IV/11) noch nicht ediert.

Herfried Münkler: Marx war wirklich ein Universalgelehrter – das war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch eine Möglichkeit, die mit der Ausdifferenzierung und Spezialisierung der Wissenschaften im 20. Jahrhundert weitgehend verschwunden ist. Marx gehört zu den letzten Großen dieser Art. Dieser Umstand ist nicht nur für das Verständnis seines Werkes aufschlussreich, sondern für die Wissenschaftsgeschichte insgesamt.

Wer ist noch am Projekt beteiligt, abgesehen von der Arbeitsstelle an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften?

Gerald Hubmann: Die institutionelle Architektur ist einigermaßen komplex. Die MEGA wird betrieben im Akademieprogramm des Bundes und der Länder. Das ist die akademische Heimstatt im Klassikerprogramm der Akademien zur Sicherung des kulturellen Erbes, wo Marx neben Leibniz, Kant und anderen ediert wird. Aber noch eine zweite Institution ist mit der MEGA verknüpft, die Internationale Marx-Engels-Stiftung (IMES). In den Bänden steht die IMES als Herausgeberin, weil diese Stiftung durch die Institute errichtet wurde, die den Nachlass besitzen: das Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam (IISG), das Russländische Staatliche Archiv in Moskau (RGASPI), die Friedrich-Ebert-Stiftung und die BBAW. Der Stiftungszweck ist die Herausgabe der MEGA, das heißt alle Archive erklären sich bereit, ihre Materialien exklusiv für diese Ausgabe zur Verfügung zu stellen. Damit gibt es zum ersten Mal die Konstellation, dass alle nachlassbesitzenden Institutionen in einer gemeinsamen Struktur engagiert sind, und so wurde erstmals der Zugang zum vollständigen Nachlass von Marx und Engels möglich.

Wie gestaltet sich gegenwärtig die Zusammenarbeit mit Moskau?

Herfried Münkler: Sie war lange gut und vertrauensvoll, auch weil es bereits vor 1989/90 Kooperation gab. Die Kolleginnen und Kollegen in Moskau waren fachlich eingearbeitet und kannten die Bestände. Es gab gelegentlich Reibungen, aber vieles ließ sich pragmatisch lösen – etwa die Frage, welche Gebühren für Kopien von Originalen anfallen. Und nicht zuletzt hing einiges davon ab, wer die russische Seite jeweils in der Stiftung vertrat. Seit 2014, mit der Annexion der Krim, wurde es schwieriger – aus Gründen, die von außen kamen und mit der Editionsarbeit selbst nichts zu tun hatten. Gegenwärtig findet keine Kooperation statt: Sie ist nicht aufgekündigt, aber ausgesetzt. Sollte sich die politische Großwetterlage ändern – wofür es derzeit wenig Anzeichen gibt –, könnte die Zusammenarbeit wieder aufgenommen werden. Dann würde sich allerdings die Frage stellen, ob die eingearbeiteten Personen in Moskau noch verfügbar sind. In der Phase funktionierender Kooperation haben wir jedenfalls umfangreiches Material aus Russland erhalten.

Gerald Hubmann: Wir waren die Ersten, die die Materialien im Staatlichen Archiv in Moskau vollständig und dauerhaft nutzen konnten. Ohne diesen Zugang wäre das Projekt MEGA nicht möglich gewesen. Die IMES hatte früher größere Arbeitsgruppen dort, aber bis in die ersten Kriegstage 2022 hinein ein funktionierendes Team. Weil es durch die lange Zusammenarbeit in Amsterdam und Berlin Kopien gibt und vieles vorgearbeitet ist – bis hin zu Rohfassungen –, können wir trotz der aktuell ausgesetzten Kooperation weiter edieren. Aber zu einem gewissen Zeitpunkt wird man wieder in Moskau kollationieren müssen.

Wie muss man sich die Verschlechterung der Zusammenarbeit konkret vorstellen? Schläft der Kontakt einfach ein?

Gerald Hubmann: Verschlechterung würde ich es nicht nennen, eher eine Ausdünnung, auch durch das Ausscheiden von Mitarbeitenden bedingt. Es gab stets gab eine professionelle und zuverlässige Zusammenarbeit, die jedoch im Frühjahr 2022 bis auf Weiteres ausgesetzt wurde. In den früheren Jahren aber, von Mitte der 1990er-Jahre bis 2020, gab es sehr viel mehr Kooperation, etwa gemeinsame editorische Kolloquien, regelmäßige Vorstandssitzungen, zu denen der Direktor und andere Moskauer Teilnehmer kamen. Die Beziehungen waren umfangreicher, sie gingen über die reine archivalisch-editorische Zusammenarbeit hinaus.

Harald Bluhm: Die MEGA ist auch ein internationales Projekt. Wir arbeiten unter anderem mit japanischen und französischen Wissenschaftlern zusammen. Eine weitere Ebene betrifft Lizenzen: Weltweit – in Korea, in Brasilien und in Frankreich – entstehen neue Marx-Engels-Ausgaben auf der Grundlage der MEGA.

Also die Nachfrage besteht?

Herfried Münkler: Für Bände, die man sich nicht kauft, um abends im Bett zur Beruhigung darin zu lesen, die schwer sind und auf dem Schreibtisch liegen müssen, ist der Verkauf durchaus ordentlich. Vor allem aber wirkt die Ausgabe weit über Deutschland hinaus, weil sich international immer mehr Editionen an der MEGA und nicht mehr an den MEW orientieren. Das hatte organisatorische Nebenfolgen: Mitarbeitende mussten für Kontaktpflege und Gespräche freigestellt werden, wodurch editorische Arbeitskapazität gebunden wurde. Umso bemerkenswerter ist die Leistung, die in Berlin erbracht worden ist.

Was würden Sie jemandem sagen, der sich wundert, dass in der MEGA alle überlieferten Exzerpte abgedruckt werden. Ist das nicht Hagiographie, die auch noch die Wäschelisten besonders wichtig findet? Wozu braucht man die Exzerpte?

Herfried Münkler: Die Exzerpte erlauben den Blick in die Werkstatt. Marx ist in einer Epoche groß geworden, in der Exzerpieren zum Kern wissenschaftlichen Arbeitens gehörte. Zudem ist von seinem schriftlichen Nachlass außergewöhnlich viel erhalten. In den Exzerptheften lässt sich die Herkunft eines Gedankens, seine Entwicklung und Variationen verfolgen. Es gibt nur wenige, die so intensiv an ihren Texten gearbeitet haben, sie immer wieder durchgegangen sind, wie Marx. Bei Engels ist das etwas anders gelagert.

Ist Engels rascher, flüchtiger?

Herfried Münkler: Engels ist ein anderer Autorentyp. Er legte nicht dermaßen viel Akribie, Sorgfalt sowie ein Bemühen um jeden einzelnen Begriff an den Tag, wie Marx das tat. Schon der Blick auf das Schriftbild macht unterschiedliche Arbeitsweisen sichtbar. Engels war nicht nur Kaufmann mit entsprechender Handschrift, er schreibt auch stärker journalistisch: schnell, zügig, mit weniger Korrekturen. Marx war zwar ebenfalls Journalist, aber zu bestimmten Zeitpunkten ein in die Sache verbissener Intellektueller, was man von Engels so nicht sagen kann. In der DDR kursierte der Witz: Nach einem Schulungskurs in Marxismus-Leninismus wird ein Arbeiter gefragt, was er denn gelernt habe. Er antwortet: Dass Marx und Engels zwei Personen sind. Wir haben also zwei Charaktere, zwei Denk- und Schreibweisen, die dennoch in erstaunlich guter Form kooperieren – das wollen wir sichtbar machen. Und zur editorischen Redlichkeit gehört ohnehin, zu klären, was von wem stammt. Dabei helfen die Exzerpte.

Gerald Hubmann: Aber ist das Hagiographie? Ist Hagiographie nicht eher das, was frühere Marx-Engels-Ausgaben betrieben haben: selektierte, arrangierte, teilweise manipulierte Editionen? Die Aufgabe der MEGA ist es demgegenüber, die Hagiographien zu korrigieren, indem wir vollständig und authentisch dokumentieren, was Marx und Engels hinterlassen haben.

Harald Bluhm: Warum aber bringen wir alle Exzerpte? Der ursprüngliche DDR-Plan für die vierte Abteilung war noch umfangreicher. Man wollte sogar Bücher vollständig abdrucken, in denen sich Anstreichungen von Marx finden. Das ist später zurückgenommen worden. Sachlich ist entscheidend: Woran der späte Marx – etwa ab Mitte der 1870er-Jahre – gearbeitet hat, wissen wir einzig durch Exzerpte und Briefe. Er publizierte kaum noch. Wenn man verstehen will, was er vorhatte, sind diese Exzerpte zentrale Dokumente. Warum wollte er das Kapital noch einmal anders schreiben? Weil er, wie Exzerpte und Manuskripte erkennen lassen, sah, dass die USA zum Weltmarktzentrum werden, während er ursprünglich von England ausgegangen war.

Herfried Münkler: Es gehört zu den erstaunlichen Ironien der Wirkungsgeschichte, dass jemand, der mit dem eigenen Geschriebenen dauerhaft unzufrieden war und am liebsten kurz nach der Drucklegung alles wieder geändert hätte, zum Ziehvater einer Ideologie wurde. Die Editionsweise der MEGA ist der Versuch, Marx in seiner Art zu denken, in seiner permanenten Revisionsbedürftigkeit und Revisionsbereitschaft gerecht zu werden.

Marx als Revisionist, als Dauer-Revisionist! Das ist doch mal eine These. Eine Frage zu dem Manuskript, das Marx und Engels der nagenden Kritik der Mäuse überlassen wollten und das im 20. Jahrhundert unter dem Titel Die deutsche Ideologie bekannt wurde. Es ist in der MEGA im Band I,5 zu finden. Um was für ein Werk handelt es sich?

Gerald Hubmann: Die Pointe ist, dass es kein Werk Die deutsche Ideologie gibt. Was wir haben, sind 17 von Marx und Engels verfasste Manuskripte, die in intensiver Zusammenarbeit zwischen Oktober 1845 und April 1847 entstanden sind. Auf vielen Blättern finden sich beide Handschriften, sie korrigierten sich gegenseitig. Die Absicht war, eine Kritik der deutschen Philosophie zu verfassen, also an Bruno Bauer, Max Stirner und anderen. Publiziert werden sollten diese Texte aber nicht als Buch, sondern sie sollten – wie wir nachweisen konnten – im Rahmen einer Vierteljahrsschrift erscheinen, die Marx und Engels herauszugeben planten und an der anfangs noch Moses Hess beteiligt war. Entsprechend wurden weitere Autoren aufgefordert, für dieses Periodikum zu schreiben, Georg Weerth und Wilhelm Weitling etwa.

Das Projekt konnte aber aus finanziellen Gründen nicht realisiert werden; die Texte der anderen Autoren wurden zurückgesandt und Marx und Engels versuchten, ihr Material allein zu veröffentlichen – zunächst in zwei Bänden, später, mangels eines Verlegers, in einem. In diesem langen Prozess, der bis 1847 andauerte und schließlich scheiterte, wurden die Manuskripte, die ohnehin unfertig waren, fortwährend umgruppiert und umsortiert.

Gerade deshalb sind sie editorisch und ideengeschichtlich so interessant, weil man eine begriffliche und gedankliche Entwicklung beobachten kann. Im großen Stirner-Manuskript – über 400 Seiten – entwickeln sie etwa ihren Begriff des Kleinbürgertums; der Ideologiebegriff taucht auf; die Kritik an Feuerbach schärft sich. Aus diesem Grund entnehmen sie Passagen aus dem Stirner-Manuskript, um ein Feuerbach-Kapitel zu schreiben, das aber nicht realisiert wurde. Dieser work in progress kommt jedoch zu keinem Abschluss, auch weil es keinen Publikationsort gibt. Schließlich geben sie das Projekt auf und überlassen die Manuskripte der „nagenden Kritik der Mäuse“. Das ist wörtlich zu nehmen: Mäusefraß findet sich vor allem dort, wo Rotweinflecken waren. Aber die Texte sind auch ohne Mäusefraß unvollständig, sind oftmals ohne Titel, Anfang und Schluss. Zur Überlieferung ist zu sagen, dass sie nicht als geschlossenes Konvolut aufbewahrt wurden, sondern an unterschiedlichen Orten lagen. Marx selbst hatte, wie wir wissen, das Vorhaben als Selbstverständigung abgehakt.

Von wem stammt denn dann der Titel Deutsche Ideologie?

Gerald Hubmann: Der Titel stammt nicht aus den Manuskripten selbst, sondern verdankt sich einer beiläufigen, später verfassten Zeitungsnotiz von Marx – wobei unklar ist, auf welche Texte genau er sich bezog. Hinzu kommt: Die Manuskripte sind schwer lesbar, es gibt tausende Textvarianten. Und es gibt einen dritten Schreiber, Joseph Weydemeyer, der viele Seiten von Marx’ Handschrift abgeschrieben hat, um sie leserlicher zu machen. So war der Stand, bis man vor ziemlich genau hundert Jahren im Rahmen der Vorarbeiten zur ersten MEGA begann, diese Manuskripte zu edieren. Das war eine große Aufgabe, die jedoch mit einem klaren Ziel angegangen wurde: Man wollte Marx’ Gedanken rekonstruieren, weiterentwickeln, gleichsam zu einem Abschluss bringen – eine Philosophie des historischen Materialismus sollte herausdestilliert werden. Unter dieser Maßgabe arrangierte man die Manuskripte, ordnete sie seiten- und absatzweise neu; es entstand eine völlig neue Abfolge, was man aber editorisch kenntlich machte: Hinter jeder Stelle wurde die Manuskriptseite vermerkt, sodass deutlich wurde, dass es sich um ein Arrangement der Herausgeber handelte.

Problematisch wurde, was nach dem durch Stalin erzwungenen Ende der MEGA I daraus gemacht wurde. Aus Fragmenten und editorischen Zusammenstellungen wurde ein scheinbar integrales Werk. In den Parteiausgaben – die MEW sind ja nichts anderes als die auf der sowjetischen fußende deutsche Parteiausgabe – erklärte man die Schrift zum Grundwerk des historischen Materialismus. Die editorische Kompilation wurde unsichtbar gemacht, unter anderem indem man die Seitenverweise entfernte.

Diese Geschichte kann man inzwischen kennen, dennoch wird die Deutsche Ideologie immer noch als Deutsche Ideologie referenziert. Eine andere berüchtigte Kompilation – Friedrich Nietzsches Der Wille zur Macht – würde keiner, der ernst genommen werden will, noch zitieren. Warum ist das bei der Deutschen Ideologie anders?

Herfried Münkler: Bei Nietzsche ist personal eindeutig, wer kompiliert hat: Elisabeth Förster-Nietzsche. Sie hat keinen guten Ruf. Das erzeugt so etwas wie einen Appell, andere Ausgaben zu zitieren. Im Fall der Deutschen Ideologie ist der Prozess komplizierter, mehrfach unterbrochen – auch wenn das Ergebnis am Ende in eine ähnliche Richtung weist.

Gerald Hubmann: Zum Titel der Deutschen Ideologie kann ich eine kleine Anekdote erzählen. Als wir den MEGA-Band 2017 in Druck gegeben haben, hieß er zunächst Manuskripte zur Deutschen Ideologie. So war er vom Verlag angekündigt. Dann erreichte uns eine Anfrage, in der jemand nicht die Manuskripte zur Deutschen Ideologie, sondern die Deutsche Ideologie selbst bestellen wollte. Das hat gezeigt, dass man auf tradierte Titel nicht verzichten kann, ohne Irritationen zu erzeugen. Also beschlossen wir, den Band Deutsche Ideologie zu nennen, aber ohne Artikel und mit dem Untertitel Manuskripte und Drucke versehen.

Man könnte den Fall nicht nur mit Der Wille zur Macht, sondern auch mit Wirtschaft und Gesellschaft von Max Weber oder den Weltgeschichtlichen Betrachtungen von Jakob Burckhardt vergleichen: In beiden Ausgaben dekonstruieren zeitgenössische Editionen die frühere Überlieferung. Von ernsthaften Leserinnen und Lesern darf man erwarten, dass sie diese Umstände wenigstens grob berücksichtigen, wenn sie solche Texte verwenden. Die neue Edition der Deutschen Ideologie versammelt alles, was überliefert ist und was wir wissen. Man kann die Texte durchaus anders arrangieren, als wir es in der MEGA getan haben. Man könnte beispielsweise versuchen, das Vierteljahrschriftprojekt zu rekonstruieren. In Brasilien und Frankreich gibt es solche Ausgaben schon, in anderen Ländern wird daran gearbeitet. In Deutschland hängen wir da etwas hinterher. Das dürfte auch daran liegen, dass viele weiterhin ihren alten MEW-Band zitieren.

Herfried Münkler: Man muss auch den Buchmarkt im Blick behalten. Bei Nietzsche ist die Colli-Montinari-Ausgabe als Taschenbuch verfügbar und handhabbar. Bei Marx und Engels gibt es nach wie vor eine Vielzahl von Studienausgaben, die im universitären Betrieb genutzt werden. Eigentlich wäre eine Taschenbuchausgabe der Manuskripte zur Deutschen Ideologie nötig. Das ist verlegerisch schwierig, und zugleich bleibt die Frage, wie man etwas Neues durchsetzt gegen etwas, das zum Markenzeichen geworden ist. Es fehlt eine Zäsur, wie es sie im Falle Nietzsches 1945 gab. So bleibt der Zugriff auf die in der MEGA „aufgelöste“ Deutsche Ideologie tendenziell Spezialisten vorbehalten.

Gerald Hubmann: Ich würde dennoch dafür werben, sich die authentischen Manuskripte einmal anzusehen. Die bisherigen Editionen erzeugten ein falsches Bild, das zudem nie wirklich stringent war: Nach ihnen kritisieren Marx und Engels gleich eingangs im Feuerbach-Kapitel jedwede Philosophie in Grund und Boden, verwerfen sie grundsätzlich zugunsten positiver Wissenschaft – und verwenden die dann folgenden mehr als 500 Druckseiten darauf, sich ausführlich und detailreich mit der zuvor verworfenen Philosophie zu beschäftigen. Man konnte sich immer denken, dass da irgendetwas nicht stimmen kann.

Betrachtet man die einzelnen Manuskripte und Fragmente hingegen chronologisch, wird schnell deutlich, dass der Prozess anders verlief. Insbesondere in der ausführlichen Auseinandersetzung mit Stirner entwickeln Marx und Engels ihre Begrifflichkeit. Dann sondern sie diese Passagen aus, weil sie zunächst planen, die daraus resultierende grundsätzliche Philosophiekritik in einem eigenen Kapitel zu explizieren. Aber genau dazu kommt es nicht mehr; sie verwerfen Philosophie zugunsten positiver Wissenschaft und politischer Aktion. Und wenn man berücksichtigt, dass sich das bis 1847 hinzieht und dass sich Formulierungen aus den späten Manuskripten auch im Kommunistischen Manifest finden, versteht man, warum Marx diese Texte nicht publizierte: Hier sollte eben gerade nicht – wie der Marxismus suggerierte – eine neue Philosophie des historischen Materialismus begründet werden, sondern hier wurde die Philosophie von Marx ad acta gelegt. Für die Einsicht in solche Denkbewegungen lohnt der Blick in die Manuskripte.

Das Beispiel zeigt auch, wie man mit einfachsten editorischen Mitteln verfälschen kann. Was aber soll man jetzt mit den blauen MEW-Bänden tun, die bei vielen im Regal stehen? Sind sie für die Papiertonne?

Herfried Münkler: Man gewinnt schon Platz im Bücherregal, wenn man sie rausräumt. Aber man braucht sehr viel mehr Regalmeter, wenn man die MEGA einräumt. Und die ist für die meisten Privatleute kaum zu bezahlen. Deshalb wird die MEW noch lange bleiben. Sie ist günstiger; vergriffene Bände werden teils nachgedruckt. Im weiteren Sinne ist das eine mit editionsphilologischen Mitteln betriebene Auseinandersetzung um politische Fragen.

Gerald Hubmann: Ich würde an dieser Stelle entschiedener gegen die MEW opponieren. Denn es gibt ja als Alternative nicht nur die großen, kostspieligen MEGA-Bände. In vielen Bereichen, national wie international, existieren Einzelausgaben auf Grundlage der MEGA. In Deutschland bringen Suhrkamp und Reclam MEGA-Textfassungen, auch im Ausland werden die Texte von großen Verlagen publiziert. Sicher, manches aus der MEW kann man weiterhin gut verwenden, es ist eine umfangreiche und wohlfeile Ausgabe. Aber man sollte wissen, was man da in Händen hält – nicht etwa eine Studienausgabe, sondern eine Parteiausgabe, die den Forschungsstand der 1950er-Jahre abbildet: Es fehlen hunderte Artikel aus der Publizistik, die Textbasis des Kapital-Komplexes ist seit Jahrzehnten überholt. In den ursprünglichen MEW fehlt das Frühwerk. Es fehlen russlandkritische Texte und vieles andere.

Man sollte die MEW daher als das nehmen, was sie ist: ein Dokument des Staatsmarxismus, das historisch zu rezipieren und zu bewerten ist. Aber dass man im Jahr 2025 den Band MEW 3 mit der Deutschen Ideologie von 1958 samt Vorwort neu druckt und in den Verkauf bringt, das ist nicht nur skurril, sondern im Grunde skandalös. Auch weil das apologetische Vorwort des Verlages voller Halbwahrheiten ist. Was hier stattfindet, ist nicht Aufklärung, sondern zusätzliche Verschleierung.

Herfried Münkler: Da hat die kapitalistische Logik des Verlages triumphiert.

Was hat Sie während der Jahre, Jahrzehnte dauernden Arbeit an der MEGA am meisten überrascht?

Herfried Münkler: Ich war nicht Editor. Aber ich habe das Projekt gegenüber der Mitgliederversammlung der Akademie vertreten und die Editoren regelmäßig angehalten, zwei Bände pro Jahr vorzulegen. Was ich an ihnen bewundert habe, ist diese Bereitschaft des Dienens: die Treue zum Manuskript. Das, was hier geleistet wurde, ist sinnvoll und richtig – eine große Leistung deutscher Wissenschaft, wie Marx es beim Erscheinen des ersten Kapital-Bandes nennt. Dieses Editionsprojekt trotz aller politischen Widrigkeiten durchgezogen zu haben – Ende des Sowjetimperiums, Probleme mit Russland –, verdient große Anerkennung.

Harald Bluhm: Mich hat das Ausmaß der Empirie bei Marx überrascht und beeindruckt. Nehmen Sie die umfangreichen Exzerpte aus den fünf Bänden der Wirtschaftsgeschichte, die Gustav von Gülich 1830–45 publizierte. Marx besaß diese Bände und hat vor allem 1847 umfangreich aus ihnen exzerpiert, das sind rund 1000 Druckseiten in MEGA IV/6. Gülich behandelt detailliert Handelsströme, Gewerbe und Ackerbau der wichtigsten Staaten und die Aneignung dieser ökonomischen Kenntnisse war für die entstehende materialistische Geschichtsauffassung wesentlich. Ähnlich eindrucksvoll sind die von Timm Graßmann edierten Krisen-Hefte (MEGA IV/14), die Marx parallel zu den Grundrissen anfertigte. In ihnen geht es kaum um Revolutionserwartung, sondern um die Beobachtung und Faktendokumentation weltweiter ökonomischer Krisenerscheinungen im Jahr 1857/58.

Ebenso wichtig finde ich die Zerlegung des Kapital-Komplexes in verschiedene Varianten. Michael Heinrich hat herausgestellt, dass wir vier Varianten haben – und jede hat ein eigenes Recht. Der alte Marx hat sogar am Fall der Profitrate gezweifelt. Und auch jenseits des Ökonomischen bleibt sein Horizont weit. Je länger man sich damit beschäftigt, desto mehr ändert sich der Eindruck, den man von Marx als Denker hat.

Von Marx aus gelangt man wohl eher in die Wissenschaft als zur Revolution. Wissenschaft ist grundsätzlich unabschließbar, Editionen müssen irgendwann abgeschlossen werden. Wann wird die MEGA vollendet sein?

Gerald Hubmann: Im vergangenen Jahr haben wir fast 500 Briefe an Marx und Engels neu publiziert, außerdem – ebenfalls als Erstveröffentlichung – einen Exzerptband mit den Marx'schen Studien zur Physiologie sowie einen Werkband. In diesem Jahr soll die Bilanz ähnlich ausfallen, ebenfalls mit Publikationen in allen drei Abteilungen. In Bänden gerechnet werden dann etwa 90 der geplanten 110 Bände vorliegen. Wir kommen also gut voran, aber das geplante Ziel, die Edition bis 2032 abzuschließen, ist natürlich trotzdem ambitioniert. Gleichwohl sehen wir uns für die Endphase des Projektes gut aufgestellt. Insbesondere, weil wir ein hervorragendes, auf die Handschriften von Marx ebenso wie auf digitale Editionstechniken eingearbeitetes, engagiertes junges Team in der Kernredaktion der MEGA an der BBAW haben, das durch hoch motivierte Arbeitsgruppen um Soichiro Sumida in Japan und Jean Quetier in Frankreich unterstützt wird.

Harald Bluhm: In der Tat findet derzeit ein Generationenwechsel statt: Herfried Münkler, der die MEGA in Doppelfunktion als Vorstandsvorsitzender der IMES und als Vorsitzender der Leitungskommission in der BBAW seit ihrer Neuaufstellung nach 1990 geleitet und verantwortet hat, hat sich bereits vor einiger Zeit aus dem operativen Geschäft zurückgezogen; Gerald Hubmann, der langjährige Sekretär der IMES und Arbeitsstellenleiter an der BBAW, wird ihm demnächst folgen. Solche personellen Veränderungen, aber auch andere sich ändernde Umstände – wie der ausgesetzte Archivzugang in Moskau – haben Verzögerungen zur Folge, die aber durch Beschleunigungen an anderer Stelle – zum Beispiel den Einsatz von KI bei der Entzifferung – teils wettgemacht werden können. Wir sehen uns also auf gutem Wege.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky, Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Digitalisierung Geschichte Geschichte der Sozialwissenschaften Gesellschaftstheorie Kapitalismus / Postkapitalismus Philosophie Politische Ökonomie Wissenschaft

Harald Bluhm

Harald Bluhm ist Seniorprofessor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. (Foto: © Marina Dafova)

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Gerald Hubmann

Dr. Gerald Hubmann, Sekretär der Internationalen Marx-Engels-Stiftung (IMES) und Arbeitsstellenleiter des Akademienprojekts Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

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Herfried Münkler

Herfried Münkler hatte von April 1992 bis September 2018 den Lehrstuhl Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Seit 1993 ist er Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Politische Theorie und Ideengeschichte, Politische Kulturforschung, Theorie und Geschichte des Krieges sowie Risiko und Sicherheit als sozio-politische Kategorien.

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Jens Bisky

Dr. Jens Bisky ist Germanist und arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteur der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis. (Foto: Bernhardt Link /Farbtonwerk)

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Hannah Schmidt-Ott

Hannah Schmidt-Ott ist Soziologin. Sie arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteurin der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis.

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