Matthias Leanza | Essay | 10.06.2026
Teilnehmende Beobachtung
David Apters Forschungsreisen im dekolonisierenden Afrika und ein Gespräch mit dem Soziologen und Oppositionspolitiker Kofi Busia
Anders als staatliche Archive, die Einblicke in die Genese politischer, administrativer und militärischer Entscheidungen erlauben, lassen sich in Universitätsarchiven die Bedingungen nachvollziehen, unter denen wissenschaftliches Wissen produziert wird. Sie bergen zwar keine Staatsgeheimnisse, zeigen jedoch die Hinterbühne der Wissenschaft, die über ihr eigenes Arkanwissen verfügt.
Ausgangspunkt meiner Archivrecherche, die mich auf zwei ausgedehnten Forschungsreisen durch die USA in rund ein Dutzend Universitätsarchive führte, war das Interesse daran, wie die Sozialwissenschaften auf den Zerfall der Kolonialreiche nach dem Zweiten Weltkrieg reagierten.[1] Welche Spuren hat die Transformation der globalen Ordnung, die bereits im zeitgenössischen Sprachgebrauch als Dekolonisation bezeichnet wurde,[2] in der Soziologie und angrenzenden Disziplinen hinterlassen? Wie gestalteten die Sozialwissenschaften diesen historischen Prozess umgekehrt mit?
Seit einigen Jahren werden vermehrt die Einflüsse des Kolonialismus auf das sozialwissenschaftliche Denken untersucht.[3] Nicht selten verbindet sich damit der Aufruf zu dessen praktischer Dekolonisation.[4] Demgegenüber bleibt die Frage weitgehend unberücksichtigt, welche nachhaltige Wirkung die Dekolonisation – wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich stattfand – auf die Sozialwissenschaften ausgeübt hat.[5] Dabei sind zentrale Vorstellungen dessen, was sogenannte moderne Gesellschaften auszeichnet, in der intensiven Auseinandersetzung mit diesem globalen Prozess entstanden.[6] Das Gegensatzpaar von Tradition und Moderne, der nationalstaatliche Gesellschaftsbegriff sowie die Konzepte des politischen Systems, des sozialen Wandels und der ökonomischen Entwicklung ebenso wie die komparative Methode und der systematische Ländervergleich können in zentraler Hinsicht als intellektuelles Erbe dieser Epoche verstanden werden – ein Erbe, mit dem sich die Sozialwissenschaften bis heute auseinandersetzen.
Um dieses Erbe innerhalb der historischen Entwicklung der Sozialwissenschaften zu verorten, genügt es nicht, sich allein mit den Publikationen aus jener Zeit zu befassen. Sie enthalten zwar wichtige Informationen, einschließlich Hinweisen auf ihren Entstehungskontext. Möchte man jedoch nachweisen, dass bestimmte Konzepte, Methoden und Debatten maßgeblich durch die Dekolonisation geprägt wurden, muss ihre Genese anhand archivalischer Quellen rekonstruiert werden. Anstatt allein die geronnenen Ergebnisse des Forschungsprozesses in Form wissenschaftlicher Veröffentlichungen zu betrachten, ist dieser selbst in den Fokus zu rücken.
Ohne Universitätsarchive wäre eine solche Perspektivverschiebung vom fertigen Endprodukt hin zum Herstellungsprozess wissenschaftlichen Wissens kaum möglich.[7] Hier finden sich Dokumente, die detailliert Auskunft über die umfangreiche Reisetätigkeit westlicher Sozialwissenschaftler:innen in Länder des Globalen Südens geben, teils noch vor deren Unabhängigkeit. Auch die professionellen Netzwerke und internationalen Forschungskooperationen, die sich dabei herausbildeten, lassen sich anhand archivalischer Quellen systematisch untersuchen.
In den rund fünfzig Nachlässen und weiteren Sammlungen, die ich bislang konsultiert habe, wurde ein dichtes Netzwerk von mehr als achtzig Forscherpersönlichkeiten sichtbar, die in den 1950er- und 1960er-Jahren intensiv zu Fragen der Entkolonisierung und der postkolonialen Nationenbildung arbeiteten. Sie bildeten ein interdisziplinäres sozialwissenschaftliches Feld, das von Ökonomik und Psychologie über Politikwissenschaft und Soziologie bis hin zu Anthropologie und Geschichtswissenschaft reichte.
Die Resultate dieser breiten Forschungsanstrengungen sind retrospektiv als Modernisierungstheorie kanonisiert worden – ein Begriff, der mehr verstellt als erhellt.[8] Das Feld selbst verstand sich während seiner Blütezeit um 1960 hingegen eher als eine für verschiedene Ansätze und Perspektiven offene Modernisierungsforschung, sofern überhaupt eine explizite Selbstbezeichnung gewählt wurde.[9] Ideengeschichtlich ist diese Denkströmung vor allem als ideologische Antwort auf die Herausforderungen des Kalten Krieges untersucht worden: Im Modernisierungsimperativ zeige sich ein für die Zeit der Blockkonfrontation charakteristisches Sendungsbewusstsein der USA, dem zufolge die Welt dazu bestimmt sei, sich dem eigenen, liberalen Gesellschaftsmodell anzunähern.[10] Die ehemaligen Kolonien erscheinen in diesem Analyseansatz allenfalls als Spielball im Ost-West-Konflikt, nicht jedoch als eigenständige Akteure.
Die Probleme eines solchen Ansatzes reichen noch weiter: Zentrale Vertreter der US-amerikanischen Modernisierungsforschung entwickelten ihre Theorien nicht isoliert am heimischen Schreibtisch, sondern bereisten ausgiebig die in die Unabhängigkeit strebenden Länder des Globalen Südens. Dort betrieben sie Feldforschung und knüpften Kontakte mit lokalen Akteuren. Die sogenannte Modernisierungstheorie hat ausgeprägte globale Ursprünge und lässt sich keineswegs als ausschließlich US-amerikanisches Phänomen begreifen. Die Quellen widersprechen damit auch dem gängigen Bild von US-amerikanischen Sozialwissenschaften, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf sterile Theoriesynthesen fixiert, methodologisch geschlossen und thematisch nach innen gewandt hätten.[11] Stattdessen zeugen die Archivbefunde von großer Weltzugewandtheit, Gegenstandsnähe sowie geistiger und räumlicher Mobilität.
Dekolonisation als Gelegenheitsstruktur
Der Politikwissenschaftler und Soziologe David E. Apter (1924–2010) verkörperte diesen Forscherhabitus in nahezu idealtypischer Weise. Noch während seiner Promotion an der Princeton University reiste Apter Anfang der 1950er-Jahre mit einem Stipendium des Social Science Research Council in die britische Kolonie Goldküste.[12] Nach schweren Unruhen und dem Erstarken der Unabhängigkeitsbewegung führte London dort 1951 eine begrenzte Selbstregierung ein, um die politischen Spannungen zu entschärfen.[13] In diesem Zusammenhang übertrugen die Kolonialbehörden administrative Befugnisse auf eine afrikanisch dominierte, von Kwame Nkrumah geführte Regierung, die über eine Mehrheit im gewählten Parlament verfügte. Zwar leitete der britische Gouverneur als Vertreter der Krone formal weiterhin die Exekutive; faktisch konnte Apter jedoch aus nächster Nähe die Herausbildung eines parlamentarischen Systems beobachten.
Auf Grundlage dieser Feldforschung, die er auch fotografisch ausführlich dokumentierte (siehe oben), erschien 1955 Apters Studie The Gold Coast in Transition, die in der zweiten Auflage von 1963 bereits den Titel Ghana in Transition trug.[14] Kurze Zeit später setzte er seine Forschung in Uganda fort, diesmal mit einer Förderung der Ford Foundation.[15] Die Untersuchung The Political Kingdom in Uganda wurde 1961 veröffentlicht.[16] In beiden Fällen erlangten die von ihm untersuchten Gemeinwesen die formale Unabhängigkeit, kurz nachdem er seine Analysen abgeschlossen hatte.
Auch im Kongo begab sich Apter in the thick of things, anstatt sich mit der Position eines armchair theorist zu begnügen. Offenbar entschlossen, die Entstehung von Staaten vor Ort mitzuverfolgen, reiste er im Mai und Juni 1960 durch die belgische Kolonie.[17] Bei dieser Gelegenheit führte er wiederholt Gespräche mit Patrice Lumumba, dem späteren ersten Premierminister des unabhängigen Kongo, mit Joseph Kasa-Vubu, dem ersten Präsidenten, und mit Moïse Tshombe, der die Sezession Katangas politisch vorantrieb.[18] Apter bemerkte schnell den Mangel an administrativer Vorbereitung. In Kombination mit der ausgeprägten Fragmentierung des Landes entlang ethnopolitischer Bruchlinien verhieß dies aus seiner Sicht wenig Gutes. Unmittelbar nach der formalen Übertragung der Hoheitsrechte durch Belgien am 30. Juni 1960 beschloss Apter, sich auf dem Landweg über Katanga nach Uganda abzusetzen. „I expected pretty much of a blood bath“, erklärte er dazu später in einem Interview.[19]
Zu diesem Zeitpunkt war Apter bereits Professor an der University of Chicago. Neben Edward Shils, Clifford Geertz und Lloyd A. Fallers gehörte er zu den treibenden Kräften hinter dem 1959 in Chicago gegründeten Committee for the Comparative Study of New Nations, das mithilfe einer Anschubfinanzierung der Carnegie Foundation etabliert wurde.[20] Das Gremium organisierte zahlreiche Kolloquien, Vortragsreihen und Tagungen, richtete ein Fellowship-Programm ein und gab Publikationen zu den Entwicklungsaufgaben und Modernisierungshemmnissen postkolonialer Nationen heraus.[21]
Das Committee bemühte sich von Beginn an um globale Forschungskooperationen. Dies zeigte sich nicht nur an den internationalen Fellows, sondern auch an der von Apter angeregten Entscheidung, eine gemeinsam mit Sir Andrew Cohen – ehemaliger Gouverneur Ugandas und Schlüsselfigur der britischen Dekolonisationspolitik – organisierte Tagung von Chicago nach Ibadan zu verlegen.[22] Der Vorschlag stieß bei Cohen zunächst auf Widerstand, wurde jedoch schließlich umgesetzt, sodass die Konferenz im März 1961 in dem erst wenige Monate zuvor unabhängig gewordenen Nigeria stattfand.
Regierung und Opposition in Ghana
Zur Konferenzvorbereitung nutzte Apter die Kontakte seines Kooperationspartners am University College Ibadan, des Ökonomen und Bildungsforschers Ayo Ogunsheye. Er überließ Ogunsheye die Auswahl der afrikanischen Vortragenden, zu denen der in der Goldküste und in Großbritannien ausgebildete Soziologe Kofi Abrefa Busia (1913–1978) gehörte. Busia hatte zu diesem Zeitpunkt eine Professur für Soziologie und Kultur Afrikas an der Universität Leiden inne.[23] Ogunsheye bezeichnete ihn in der Korrespondenz mit Apter als „the leading West African sociologist“.[24]
Apter und Busia kannten sich bereits: Bevor Busia 1959 als führender Oppositionspolitiker aus dem jungen Ghana ins Exil ging, führte Apter ein Interview mit ihm.[25] Apters maschinenschriftliche Zusammenfassung des Gesprächs befindet sich heute im Archiv der Yale University (siehe unten).[26] In dem Interview, das vermutlich am 30. Juli 1957 stattfand, unterstrich Busia die Bedeutung einer organisierten Opposition für die demokratische Entwicklung Ghanas, das im März desselben Jahres die formale Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt hatte.
Die handschriftliche Notiz lautet:
„John Alton,
C.P.P. fought against the development of a written constitution with safeguards. N.L.M. did not really want federal system but did want a constitution with safeguards. In this they were largely successful. Bourne commission was, in effect, responsible for impressing this on Nkrumah. Bourne apparently indicated that civil war would result if such a constitution was not adhere[d] to + N. acquiesced.“, © David Ernest Apter Papers, Yale University Library, Manuscripts and Archives, Accession 2014-M-051, Box 1, Folder 3, S. 1–4.
Am oberen Rand des Typoskripts befindet sich eine handschriftliche Notiz Apters, in der er die Darstellung eines weiteren Gesprächspartners festhielt: John Alton (so in der Notiz), der den Konflikt zwischen der von Nkrumah geführten Convention People’s Party (CPP) und dem National Liberation Movement (NLM) skizzierte.[27] Das NLM, zu dessen wichtigsten Vordenkern Busia zählte, formierte sich nach der Verfassungsreform von 1954 aus Protest gegen die zunehmende Machtkonzentration im Regierungssystem.[28] Die CPP, so Alton, habe sich im daraufhin entstandenen Verfassungskonflikt gegen „the development of a written constitution with safeguards“ ausgesprochen, wohingegen die NLM „did not really want [a] federal system but did want a constitution with safeguards“. Diese Frage habe die Opposition für sich entschieden. Nach Altons Einschätzung war der im September 1955 von London entsandte Verfassungsberater Frederick Bourne ausschlaggebend dafür, dass Nkrumah seine ursprüngliche Position änderte.[29] Bourne habe Nkrumah zu verstehen gegeben, dass „civil war would result if such a constitution was not adhere[d] to“, woraufhin dieser offenbar nachgab.
Die zwischen London und dem Kabinett Nkrumahs nach den Wahlen vom Juli 1956 ausgehandelte Verfassung des unabhängigen Ghana trat am 6. März 1957 in Kraft und trug in der Tat Züge eines Kompromisses.[30] Zwar blieb der Staat weitgehend zentral organisiert, doch institutionalisierte die Unabhängigkeitsverfassung Regionalversammlungen mit administrativen und regulativen Funktionen. Zudem sah sie für jeden der fünf Landesteile ein aus den Reihen der Chiefs – den Vorstehern lokaler politischer Gemeinschaften – hervorgehendes Oberhaupt vor.[31]
Allerdings beschnitt die Regierung Nkrumahs die Befugnisse der Regionalversammlungen bereits im Juni 1958 erheblich.[32] Als Ghana im Jahr 1960 zur Republik erklärt wurde, kam es zum endgültigen Rückbau der föderalen Strukturen und zur Durchsetzung des von Nkrumah angestrebten Einheitsstaats.[33] Doch davon konnte Busia noch nichts wissen, als er nur wenige Monate nach der Unabhängigkeit mit Apter für das Interview zusammentraf. In dem dokumentierten Gespräch verknüpfte Busia die regionale Differenzierung des Landes mit der Entstehung einer organisierten Opposition:
„Busia promises that something important will happen within the next few months. Otherwise the opposition is finished. Busia’s point of view has been that first you have to build an opposition where it seems to develop naturally. It is true that tribal groupings have furnished the basis for this. On the other hand, these natural groupings are useful because they serve as an organizational base from which to work, particularly in the absence of resources to build up a mass opposition party.“
Busia betrachtete die lokalen Herrschaftsverbände somit nicht als Modernisierungshindernis, sondern im Gegenteil als eine institutionelle Ressource für die Gestaltung des politischen Prozesses. Angesichts begrenzter Möglichkeiten, eine nationale Oppositionspartei mit Massencharakter zu schaffen, bildeten diese Verbände eine wichtige Grundlage, um eine Differenz zwischen Regierung und Opposition dauerhaft im politischen System des Landes zu verankern.
Die Chiefs, so Busia 1957 weiter, seien derzeit noch im Unklaren bezüglich ihrer genauen Stellung im neuen Verfassungssystem. Diese musste erst noch im Detail auf dem Verordnungsweg bestimmt werden.[34] Doch die von der Regierung Nkrumahs eingesetzte „Van Lare Commission which will examine the purpose and function of the Regional Assemblies will go a long way to determing [sic] that“.[35] Busia zeigte sich auch darüber hinaus zuversichtlich, dass Nkrumahs Regierung die Existenz einer Opposition weitgehend akzeptiert habe. Die Idee sei bereits in der politischen Kultur des Landes anerkannt:
„Busia lists as his achievements first of all the acceptance by the government of the idea of an opposition. Hitherto an opposition was simply regarded as a collection of traitors. Nkrumah and the CPP have now come to accept the position of the opposition, and so do most people in the country.“
Durch die in der Verfassung vorgesehenen „regional safeguards“ werde dieser Zustand bis auf Weiteres festgeschrieben. Busia gab sich jedoch keiner Illusion darüber hin, dass die Errungenschaft prekär war und blieb. „There is no doubt“, hielt er mit Blick auf die Regionalversammlungen fest, „that this was a major defeat for the government and one which they would like to rectify if they can“.
Im restlichen Interview sprach Busia detailliert über einzelne Oppositionspolitiker, von deren Eignung er nicht immer überzeugt war. Aus dem Mangel an geeignetem Personal ergebe sich ein erhebliches Führungsproblem. Trotzdem hoffte Busia, dass es gelingen würde, eine schlagkräftige Opposition zu organisieren: „If something is not done soon, however, people will come to accept the Nkrumah government and lose interest in politics. They will soon come to feel that they have always had a system like that.“ Apters abschließender Einschätzung zufolge blieb Busia ein „reluctant politician“, der vor allem daran interessiert sei, seine bisherigen Errungenschaften zu sichern.
Zwischen Politik und Soziologie
Busia war jedoch nicht nur Oppositionspolitiker, sondern zugleich Soziologe, der in strukturellen Kategorien über politischen Wandel nachdachte. Seine 1951 bei Oxford University Press erschienene Dissertation The Position of the Chief in the Modern Political System of Ashanti rekonstruierte, wie sich die politischen Institutionen des Aschantireichs unter den Bedingungen der britischen Kolonialherrschaft seit 1900 wandelten.[36] Die traditionellen Autoritäten der vorkolonialen Zeit seien in veränderter Form in das moderne, von den Briten etablierte Staatswesen integriert worden.
Es verwundert daher nicht, dass Apter den soziologischen Blick des Politikers Busia stets hervorhob. In The Gold Coast in Transition von 1955 schrieb er:
„Busia, a graduate of Oxford and one of the first African district commissioners before he returned to Oxford for his doctorate in sociology, has affiliations to tradition which are both intellectual and customary. He is the brother of a tribal chief. He represented the Asanteman Council in the assembly. As a sociologist, the integrative aspects of secular and traditional patterns of authority are paramount in his mind. Peaceful change under a legal institutional framework and a deep respect for traditional social structures seem to characterize his position. He is scarcely a political adept and is regarded as an aristocrat and snob.“[37]
Zu dieser keineswegs nur schmeichelnden Charakterisierung gelangte Apter aufgrund seiner persönlichen Bekanntschaft mit Busia während seines ersten Forschungsaufenthalts an der Goldküste 1952/1953. In einer Fußnote bemerkte er dazu:
„Most of the information stated here comes from personal interview with Dr. Busia. It is of interest that while Dr. Busia lived in the same place as the author under conditions which would have made it easy for him to attempt to influence the research going on, he scrupulously avoided making his presence felt.“[38]
Trotz räumlicher Nähe und seiner Rolle als Interviewpartner versuchte Busia dem zufolge nicht, auf Apters Forschungsprozess einzuwirken. Dennoch ist bemerkenswert, wie eng am Geschehen Apter seine theoretischen Konzepte entwickelte und wie stark Busia umgekehrt in soziologischen Begriffen über Politik nachdachte.
Nachdem das zunehmend autokratische Regime Nkrumahs 1966 durch einen Militärputsch gestürzt worden war, kehrte Busia aus dem europäischen Exil nach Ghana zurück und wurde 1969 zum zweiten Premierminister des Landes gewählt.[39] Apter setzte seine wissenschaftliche Laufbahn fort, beriet jedoch zugleich die Kennedy-Administration in Fragen der Afrikapolitik.[40] An den sich überlagernden Lebenswegen Busias und Apters wird exemplarisch sichtbar, wie eng die Geschichte der Sozialwissenschaften mit jener der Dekolonisation verflochten ist. Beide lassen sich nicht getrennt voneinander rekonstruieren, sondern müssen im Zusammenhang ihrer wechselseitigen Bezugnahmen verstanden werden.
Fußnoten
- Die Archivreisen erfolgten im Rahmen eines durch einen Starting Grant des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderten Forschungsprojekts (Projektnummer TMSGI1_226450).
- Auch wenn der Dekolonisationsbegriff bereits in der Zwischenkriegszeit geprägt wurde – mit vereinzelten Wortverwendungen im 19. Jahrhundert – etablierte er sich erst in den 1950er-Jahren, als intellektuelle und politische Eliten in den Metropolen ein baldiges Ende der Überseereiche erwarteten und diese Entwicklung aktiv zu steuern versuchten. Antikoloniale Intellektuelle begegneten dem Begriff zunächst mit Skepsis, bevor sie ihn sich für ihre eigenen Zwecke aneigneten. Vgl. Stuart Ward, The European Provenance of Decolonization, in: Past & Present 230 (2016), 1, S. 227–260.
- Für zwei jüngere Veröffentlichungen vgl. George Steinmetz, Die kolonialen Ursprünge moderner Sozialtheorie. Französische Soziologie und das Überseeimperium, übers. von Daniel Fastner, Hamburg 2024; Manuela Boatcă / Julian Go / Tobias Werron (Hg.), Nach den Imperien? Soziologie und Postkolonialität, Themenheft Mittelweg 36 34 (2025), 1.
- Vgl. dazu auch Matthias Leanza, Was heißt es, die Soziologie zu dekolonialisieren? [16.3.2026], in: Soziopolis, 14.6.2022.
- Eine wichtige Ausnahme bildet Steinmetz, Die kolonialen Ursprünge moderner Sozialtheorie, auch wenn die Studie – wie der Titel bereits anzeigt – primär den Einfluss des Kolonialismus auf das sozialwissenschaftliche Denken untersucht und dessen Prägekraft bis in die Phase der Unabhängigkeit nachzeichnet. Dementgegen interessiert sich das von mir geleitete Forschungsprojekt für die spezifischen Herausforderungen, die mit der Dekolonisation einhergingen und fragt danach, wie die Sozialwissenschaften diese intellektuell verarbeiteten.
- Erste Überlegungen in diese Richtung finden sich in Matthias Leanza, Am Ende der europäischen Kolonialreiche. Zum Aufstieg des Nationalstaats im soziologischen Imaginären, in: Paula-Irene Villa (Hg.), Polarisierte Welten. Verhandlungen des 41. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2022 [16.3.2026] (2023), S. 1–10.
- Grundlegend zu dieser Perspektivverschiebung vgl. Bruno Latour, Science in Action. How to Follow Scientists and Engineers through Society, Cambridge, MA 1987.
- Ein früher Versuch der Kanonisierung im deutschsprachigen Raum ist Hans-Ulrich Wehler, Modernisierungstheorie und Geschichte, Göttingen 1975, an Überlegungen von Wolfgang Zapf anknüpfend. Eine kompakte Diskussion zentraler Ideen und Konzepte dieses Forschungsfelds im Kontext der US-amerikanischen Makrosoziologie findet sich bei Wolfgang Knöbl, Spielräume der Modernisierung. Das Ende der Eindeutigkeit, Weilerswist 2001, S. 155–218.
- Von Modernisierungstheorie als einer Denkschule sprach man erst – und dies noch vereinzelt – seit Mitte der 1960er-Jahre. In The Passing of Traditional Society. Modernizing the Middle East (New York 1958) präsentiert Daniel Lerner aber bereits „a theory of modernization“ (S. 78, meine Hervorh., M.L.). Daneben finden sich auch ähnlich offene Bezeichnungen wie studies of modernization.
- Vgl. Michael E. Latham, Modernization as Ideology. American Social Science and „Nation Building“ in the Kennedy Era, Chapel Hill, NC 2000; Nils Gilman, Mandarins of the Future. Modernization Theory in Cold War America, Baltimore, MD 2003; David Ekbladh, The Great American Mission. Modernization and the Construction of an American World Order, Princeton, NJ 2010.
- Vgl. David Paul Haney, The Americanization of Social Science. Intellectuals and Public Responsibility in the Postwar United States, Philadelphia, PA 2008.
- Curriculum Vitae David E. Apter, University of Chicago Committee for the Comparative Study of New Nations Records 1958–1975, University of Chicago Library, Special Collections Research Center, Box 18, Folder 22.
- Zur Entstehung der Coussey Constitution (1950) vgl. Kathryn Firmin-Sellers, The Transformation of Property Rights in the Gold Coast. An Empirical Analysis Applying Rational Choice Theory, Cambridge 2010, S. 95–113.
- David E. Apter, The Gold Coast in Transition, Princeton, NJ 1955.
- Curriculum Vitae David E. Apter, Box 18, Folder 22.
- David E. Apter, The Political Kingdom in Uganda. A Study in Bureaucratic Nationalism, Princeton, NJ 1961.
- Interview with David Apter by James S. Sutterlin, Yale University (New Haven, Conn.), 27 February 1991, UN/SA Collection, United Nations Oral History Project.
- David Van Reybrouck, Kongo. Eine Geschichte, übers. von Waltraud Hüsmert, Berlin 2013, S. 318–392.
- Interview with David Apter by James S. Sutterlin, S. 3.
- Die Förderzusage der Carnegie Foundation erfolgte am 5. Juni 1959. Siehe dazu University of Chicago Committee for the Comparative Study of New Nations Records 1958–1975, University of Chicago Library, Special Collections Research Center, Box 1, Folder 1.
- Vgl. Clifford Geertz (Hg.), Old Societies and New States. The Quest for Modernity in Asia and Africa, New York 1963.
- Brief von David E. Apter an Ayo Ogunsheye, 28. November 1960, University of Chicago Committee for the Comparative Study of New Nations Records 1958–1975, University of Chicago Library, Special Collections Research Center, Box 10, Folder 1.
- Für Busias Antrittsvorlesung in Leiden vom 14. Oktober 1960 vgl. Kofi Abrefa Busia, The Sociology and Culture of Africa. Its Nature and Scope, Assen 1960.
- Brief von Ayo Ogunsheye an David E. Apter, 16. Februar 1961, University of Chicago Committee for the Comparative Study of New Nations Records 1958–1975, University of Chicago Library, Special Collections Research Center, Box 11, Folder 3.
- Zum Preventive Detention Act vom 18. Juli 1958 vgl. Dennis Austin, Politics in Ghana, 1946–1969 [1964], Oxford 1970, S. 380–386.
- Interview mit Kofi Abrefa Busia, 30. Juli, David Ernest Apter Papers, Yale University Library, Manuscripts and Archives, Accession 2014-M-051, Box 1, Folder 3. Das insgesamt vier Seiten umfassende Dokument enthält weitere, im Juni und Juli an der Goldküste und in Paris geführte Interviews mit D. Chapman (vermutlich Daniel Ahmling Chapman Nyaho), Nathaniel Azarco Welbeck, Ruth Schachter sowie mit einem senegalesischen Gesprächspartner, bei dem es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Cheikh Anta Diop handelt.
- Die Namensform „John“ dürfte auf eine ungenaue Notiz zurückgehen; vermutlich handelt es sich um E. B. S. Alton. In The Gold Coast in Transition (S. 283) wird er als ehemaliger Direktor der 1951 von der britischen Kolonialverwaltung eingerichteten Local Government Training School in Accra genannt. Als Mitarbeiter im Büro des Verfassungsberaters Bourne erarbeitete er zudem eine Vorlage zur Devolution of Functions to Regional Assemblies, die sich im Nachlass von Arthur Colin Russell findet (Oxford, Bodleian Libraries, MSS. Afr. s. 1111, Box 5, File 7, S. 12–17). Die Colonial Office Lists kennen keinen entsprechenden Eintrag für einen „John Alton“.
- Vgl. Austin, Politics in Ghana, S. 250–315; Ama Biney, The Political and Social Thought of Kwame Nkrumah, New York 2011, S. 65–79.
- Zum Bourne-Report vgl. Austin, Politics in Ghana, S. 301–308.
- Vgl. ebd., S. 356 f. und S. 370 f.
- Ghana (Constitution) Order in Council, 1957 (S.I. 1957/277), sections 63–64.
- Vgl. Firmin-Sellers, The Transformation of Property Rights in the Gold Coast, S. 137.
- Vgl. Dennis Amego Korbla Penu, Explaining Defederalization in Ghana, in: Publius. The Journal of Federalism 52 (2022), 1, S. 26–54.
- Vgl. Firmin-Sellers, The Transformation of Property Rights in the Gold Coast, S. 137.
- Der Abschlussbericht der Van Lare Commission wurde im April 1958 vorgelegt. Vgl. Austin, Politics in Ghana, S. 379.
- Kofi Abrefa Busia, The Position of the Chief in the Modern Political System of Ashanti. A Study of the Influence of Contemporary Social Changes on Ashanti Political Institutions, Oxford 1951. Die Feldforschung, auf der diese Arbeit beruhte, fand 1941/1942 statt. Busia trat im September 1942 dem Administrative Service der Goldküste bei und kehrte im April 1946 nach Oxford zurück, um seine Doktorarbeit fertigzustellen.
- Apter, The Gold Coast in Transition, S. 226.
- Ebd.
- Für diese Periode vgl. Robert Pinkney, Ghana under Military Rule, 1966–1969, London 1972.
- Interview with David Apter by James S. Sutterlin, S. 19 f.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Henriette Liebhart.
Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Gruppen / Organisationen / Netzwerke Kolonialismus / Postkolonialismus Politik Staat / Nation Wissenschaft
Empfehlungen
Prototyp der wirtschaftswissenschaftlichen Großforschung
Rezension zu „Primat der Praxis. Bernhard Harms und das Institut für Weltwirtschaft 1913–1933“ von Lisa Eiling
Was lehrt die Schule des Südens?
Folge 24 des Mittelweg 36-Podcasts
Frieden als Prozess
Rezension zu „Über Kriege und wie man sie beendet. Zehn Thesen“ von Jörn Leonhard