Philip Manow | Rezension | 07.10.2026
Topografie der Demokratie
Rezension zu „Straße, Platz, Palast. Zur Architektur demokratischer Räume“ von Jan-Werner Müller
Das Formprinzip dieses Buches, das wird bereits nach wenigen Seiten klar, ist das einer Stadtführung. Wir befinden uns auf einer Guided Tour – mit einem Tourguide, der sich exzellent auskennt. Die Stadt, die wir besichtigen, existiert nur in der Vorstellung, es ist eine imaginäre Stadt, zusammengesetzt aus vielen Städten vieler Epochen – aber das macht die Führung nur umso unterhaltsamer und lehrreicher.
Unsere Stadtführung, die sich an keine feste räumliche oder zeitliche Abfolge hält und die besuchten Orte nach gemeinsamen thematischen Topoi strukturiert, startet in Dhaka, genauer: am Jatiya Sangsad Bhaban, dem Parlamentsgebäude Bangladeschs, das 1960 vom US-amerikanischen Architekten Louis Kahn entworfen und 1982 endgültig fertiggestellt wurde. Von dort springen wir via Washington und Brasilia nach Berlin – zum nie verwirklichten Bürgerforum, das die Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank vor das Bundeskanzleramt hatten setzen wollen. Weiter geht es zur Agora Athens und zum Forum Romanum, auf dem sich in antiker Zeit die Versammlungsstätten des Senats und der Volksversammlung befanden, bis hin nach Padua zum Palazzo della Ragione. Im Anschluss an einen Abstecher auf Kairos Tahir Square finden wir uns plötzlich auf dem Maidan in Kiew und dem Tiananmen-Platz in Peking wieder, nur um unserem Guide kurz darauf von New Yorks Central- in Istanbuls Gezi-Park zu folgen. Und so weiter.
In drei langen Kapiteln, die sich an den titelgebenden Orten Platz, Palast und Straße, aber nicht an der Titelreihenfolge orientieren, durchstreift Jan-Werner Müller für und mit uns die Geschichte der Orte und Räume demokratischer Mitbestimmung von circa 600 vor Christus bis heute. Es ist eine kenntnisreiche und informative, mit Einsichten, Anekdoten und Zitaten gespickte Tour d’Horizon zum Verhältnis von demokratischer Herrschaft und Architektur. So lernen wir etwa, dass der Ausdruck Barrikade von den Barrique-Fässern herrührt, hinter denen sich 1871 die Kommunarden auf den Pariser Straßen verschanzten – irgendwie scheint Revolution doch eine sehr französische Angelegenheit zu sein. Und der ebenso ostentativ wie einfallslos mit viel, viel Glas inszenierte Transparenz-Kitsch des neuen Bauens für die Demokratie erscheint in einem anderen Licht, wenn Jan-Werner Müller mit einem Mussolini-Zitat aufwartet: ‚Il fascismo è una casa di vetro in cui tutti possono guardare‘ – Der Faschismus ist ein Haus aus Glas, in das jeder hineinschauen kann (S. 103). Darüber hinaus erfährt man bei Müller Interessantes über die praktische Handhabung der Versammlungsfreiheit im Rechts- und Rechtsprechungsvergleich zwischen Europa und den USA. So stellt man überrascht fest, dass die USA vielleicht das Land der radikalen Meinungsfreiheit sein mögen, aber erstaunlich restriktiv sind in der Regulierung des öffentlichen Raums, wenn es um die Artikulation eben dieser freien Meinungen geht. Vielleicht trägt ja auch das zur neuen Ortlosigkeit der politischen Konflikte ‚im Netz‘ bei, die von den USA ihren Ausgang genommen hat?
Müllers Buch schildert eindringlich, das mit den vorgestellten Orten bestimmte politische Praktiken der Einflussnahme verbunden sind. Hierbei handelt es sich insbesondere um raumgreifende Aktivitäten derjenigen, deren Interessen unter den gegebenen Verhältnissen vernachlässigt werden: Thematisiert werden unter anderem der Marsch, die Blockade, die Erstürmung sowie die Besetzung von Plätzen oder Parks Die abschließende Coda des Buchs – „Sieben Bausteine [!] zur Reflexion über Architektur und Demokratie –, in der Müller vor allem den flüssigen, ewig wechselnden, nicht fixierbaren und sich einem geschlossenen Bilder- und Bauprogramm daher auch entziehenden Charakter der Demokratie betont, ist durchsetzt mit Reflexionen sowohl über die demokratischen Potenziale als auch die eher undemokratischen Seiten dieser verschiedenen Praktiken politischer Einflussnahme außerhalb der ‚formalen Politik‘.
Müllers Epochen und Kontinente umspannende Führung durch die Räume der Demokratie bietet einen ungewöhnlichen Zugriff auf seinen Gegenstand. Er vermittelt eine andere Topografie der Demokratie im weiten Sinne, die – wie er schreibt – mit der Hoffnung verbunden ist, „vielleicht etwas über die Demokratie [zu] lernen, das wir bislang noch nicht verstanden haben“ (S. 22). Sein Erkenntnisinteresse dient den Zielen und der Funktionsweise demokratischer Institutionen. Ihm geht es um eine Perspektive, die uns hilft besser zu verstehen, „was wir von der Demokratie eigentlich wollen und was wir von ihr erwarten dürfen“ (S. 23). Mit seiner Herangehensweise beweist er dabei einen ausgeprägten Sinn für die praktisch-pragmatische Dimension demokratischer Politik wie auch für die zeitlich und regional jeweils unterschiedlichen Konkretionen der Demokratie.
Die zeit- und raumübergreifende Darstellung basiert auf einer mittlerweile doch sehr umfangreichen Literatur zur Architektur der Demokratie, deren Ergebnisse und Befunde aber meines Wissens bislang noch nirgends derart komprimiert aufbereitet wurden. Und sie profitiert, wie zahlreiche Verweise im Buch verdeutlichen, nicht zuletzt von Müllers eigenen polit-touristischen Aktivitäten, die im Buch immer wieder anklingen, wenn er unter anderem von abweisendem Wachpersonal, von rüde durchgesetzten Fotografierverboten oder mit Pistolen herumfuchtelnden Sicherheitskräften berichtet. Die Erfahrungen des weitgereisten Politikwissenschaftlers kommen aber nicht nur in den auf eigener Anschauung beruhenden Berichten zum Ausdruck, sondern auch in den zahlreichen Fotos des Bandes, von denen die meisten von Müller selbst stammen. Das Buch ist also auch insofern eine Guided Tour, als es den kondensierten, konzentrierten Ertrag vieler persönlicher Stadt-, Platz- und Raumerkundungen des Autors enthält. Auch der Stil scheint sich dem Entstehungsprozess zu verdanken, hat das Buch doch mitunter etwas Schlenderndes, Flanierendes. Müller biegt immer wieder gerne in Nebenstraßen ab, weil es von dort noch eine weitere interessante Beobachtung mitzubringen gibt. Man schlendert gerne mit – aber wie bei jeder ausgedehnten Führung stellt sich bisweilen auch etwas Müdigkeit ein.
Zugleich tritt im Zuge der Lektüre auch Müllers spezifische Perspektive immer deutlicher zutage: wir gehen mit ihm auf Straßen, durch Städte und über Plätze – aber die Appenzeller Wiese als politischer Versammlungsort sehen wir nicht einmal aus der Ferne. Der ländliche Raum kommt in Müllers Buch nicht vor. Dass das Land auch topografisch auf eine andere Art und Weise politisch ist als die Stadt, wird in Straße, Platz, Palast kaum einmal angesprochen. Immerhin findet sich erwähnt, dass sowohl Platon als auch Aristoteles es Familien ermöglichen wollten, „zwei Häuser zu haben, eines in der Stadt und eines auf dem Land“, damit die „Kluft zwischen städtischen und ländlichen Interessen nicht ständig zu Konflikten führte“ (S. 31). Vielleicht verdankt sich die Stabilität der schwedischen Demokratie auch dem Umstand, dass so gut wie jede schwedische Familie ein Sommerhaus auf dem Land besitzt?
Die damit berührte Frage der Perspektive ist für den Ertrag von Müllers Buch von zentraler Bedeutung. Denn wenn es das Ziel des Umherstreifens sein soll, „vielleicht etwas über die Demokratie [zu] lernen, das wir bislang noch nicht verstanden haben“ (S. 22), dann kommt es nicht nur darauf an, von wo der Blick auf die Straßen, Paläste und Plätze geworfen wird, sondern auch auf das, was jenseits dessen in den Blick genommen wird. Pointiert gesagt, sehen wir uns heute mit zwei sich wechselseitig kreuzenden und einander zunehmend verachtenden Perspektiven konfrontiert: mit dem Blick vom Land auf die Stadt und vice versa. Müller betrachtet die von ihm besuchten Städte mit den Augen eines Städters und zeichnet Landkarten urbaner politischer Räume, was angesichts der heutigen Konfliktlinien durchaus bemerkenswert erscheint. Von den antiken Berichten über Lucius Quinctius Cincinnatus bis zu „Lisa Simpson goes to Washington“ gibt es ein reiches Repertoire an wechselseitigen Klischees, die auch heute noch in unverminderter oder sogar neuer Intensität den Komplex aus Stadt, Land, Frust sortieren. Nach der ebenso informativen wie anregenden und unterhaltsamen Lektüre von Straße, Platz, Palast würde man sich ein Buch wünschen, das sich auch anderen als den urbanen politischen Infrastrukturen widmet, nicht zuletzt jenen, die beide, Stadt und Land, miteinander verbinden.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.
Kategorien: Demokratie Europa Gesellschaft Gesellschaftstheorie Kommunikation Kultur Macht Moderne / Postmoderne Öffentlichkeit Politik Politische Theorie und Ideengeschichte Staat / Nation Stadt / Raum
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