Karsten Malowitz | Zeitschriftenschau | 27.02.2026
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Die Zeitschriftenschau im Februar 2026
Je unübersichtlicher die Lage, desto größer das Bedürfnis nach Orientierung. In den schwindelerregenden Zeiten unserer Gegenwart, in denen die Wirklichkeit Kapriolen schlägt und Akteure wie Beobachterinnen nahezu täglich vor neue Herausforderungen stellt, richtet sich dieses Orientierungsbedürfnis nicht zuletzt an die Geschichts-, Politik- und Sozialwissenschaften, von denen erwartet wird, die Geschehnisse auf, neben und hinter der politischen Weltbühne zumindest begrifflich zu ordnen und analytisch zu durchdringen.
Einer der hierzulande prominentesten Welterklärer, der diese Erwartungshaltung seit Jahren zuverlässig bedient, ist der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel. Gestützt auf Argumente und Begriffe seines 2024 erschienenen Buches Die Ordnung der Welt macht er sich in der Ausgabe 2/2026 der Blätter für deutsche und internationale Politik daran, Das Zeitalter des neuen Imperialismus zu deuten. Als Instrument dient ihm dabei die idealtypische Unterscheidung zwischen hegemonialer und imperialer Ordnung. Erstere werde durch einen Hegemon durchgesetzt, also durch eine globale Führungsmacht, die für die „Bereitstellung internationaler öffentlicher Güter wie etwa militärische Sicherheit oder wirtschaftliche Stabilität“ sorgt (S. 64) und auch für deren Kosten aufkommt, während alle anderen Staaten daran als Free- oder Cheaprider partizipieren. Demgegenüber zeichne sich eine imperiale Ordnung dadurch aus, dass die in ihr vorherrschende Macht entsprechende Güter nur für solche Staaten zur Verfügung stellt, „die zum ,Club‘ des Imperiums gehören, also von der imperialen Macht zuvor erobert, annektiert oder gekauft worden sind“ (ebd.), und die obendrein für diese Güter bezahlen.
Entsprechend der verschiedenen Strukturmerkmale weisen Menzel zufolge auch die Bestandsvoraussetzungen hegemonialer und imperialer Ordnung signifikante Unterschiede auf:
„Eine hegemoniale Ordnung stößt dann an ihre Grenzen und führt zu hegemonialem Niedergang, wenn die wirtschaftliche Überlegenheit der alten Führungsmacht durch das Aufholen von Nachzüglern schwindet – und damit auch die Ressourcen des Hegemons, für die Ordnung alleine aufzukommen. Das Imperium dagegen stößt an seine Grenzen, durch imperiale Überdehnung, welche einsetzt, wenn der imperiale Aufwand, etwa zur Eroberung neuer Territorien, den Ertrag, der daraus resultiert, übersteigt.“ (S. 64)
Im Falle der USA, so Menzel, seien die Grenzen der hegemonialen Ordnung durch den wirtschaftlichen Aufschwung Chinas und anderer Staaten inzwischen erreicht. Vor die Wahl gestellt, entweder ihre Position als wirtschaftliche Führungsmacht mit protektionistischen Mitteln zu stärken oder an ihrem Status als globale Ordnungsmacht festzuhalten und die bestehende internationale Handels- wie Sicherheitsarchitektur zu verteidigen, hätten sich die USA unter Trump für die erste Alternative entschieden. China wiederum, dass jahrelang von der durch die USA garantierten liberalen Ordnung der Weltwirtschaft profitiert und in dieser Zeit sowohl an ökonomischer als auch an politischer Macht gewonnen habe, strebe zwar langfristig eine Rolle als hegemoniale Ordnungsmacht an, sei mit der Aufgabe aber derzeit sowohl ökonomisch als auch militärisch noch überfordert.
„Theoretisch betrachtet befinden wir uns demnach in der Phase des hegemonialen Übergangs, in der die alte Hegemonialmacht immer weniger in der Lage ist, diese Rolle aufgrund schwindender Ressourcen einzulösen, die künftige Hegemonialmacht aber noch nicht bereit und in der Lage ist, die Rolle des Hegemons zu übernehmen.“ (S. 62)
Auf diese neue weltpolitische Situation reagierten nun sowohl die USA und China als auch Russland mit unterschiedlichen Varianten eines neuen Imperialismus, wobei jede Großmacht an spezifische Traditionen und Strategien ihrer je eigenen imperialen Vergangenheit anknüpfe. Die USA versuchten sich unter Trump an einer Wiederbelebung des sogenannten Dollar-Imperialismus des 19. Jahrhunderts, „der stets eine Mischung war aus Kauf, Annexion, Krieg und vertraglicher Abtretung von Seiten anderer imperialer Mächte“ (S. 66). So wie man einst Florida, Alaska und die Jungferninseln gekauft oder Texas und Hawaii annektiert habe, so strebe man heute die Eingliederung Kanadas und Grönlands an. Neben dem Drang nach territorialer Expansion seien dafür vor allem geopolitische und wirtschaftliche Interessen ausschlaggebend, etwa der Wunsch nach Kontrolle über die infolge des Klimawandels bald ganzjährig schiffbare Nordwestpassage und die unter dem schwindenden Eisschild Grönlands vermuteten Rohstoffe. Komplettiert werde der neue US-amerikanische Imperialismus schließlich durch die neuerdings verfolgte Politik, die bislang mehr oder weniger zum Nulltarif garantierten internationalen öffentlichen Güter künftig nur noch gegen Bezahlung in Form von Bodenschätzen, Rüstungsaufträgen, ausländischen Investitionen oder hohen Zöllen bereitzustellen.
„Theoretisch gesprochen sind die USA nur noch bereit, Clubgüter zu offerieren für diejenigen Länder, die bereit sind, dem ,Club‘ eines amerikanischen Imperiums beizutreten und dafür einen Tribut in der genannten Weise zu entrichten. Insofern ist der Wandel von einer hegemonialen zu einer imperialen Macht sogar eine Facette der Strategie, Amerika wieder groß machen zu wollen, indem die Clubmitglieder entsprechende ,Mitgliedsbeiträge‘ zu zahlen haben.“ (S. 69)
China, das durch den Rückzug der USA als globale Ordnungsmacht sowohl wirtschaftlich als auch politisch herausgefordert sei, verfolge ebenfalls eine langfristige imperiale Strategie, setze dabei aber auf andere Mittel. Um das von Staats- und Parteichef Xi Jinping ausgerufene Ziel einer Rückkehr Chinas ins Zentrum der Welt bis Mitte des Jahrhunderts zu erreichen, verfolge das Land eine Politik gezielt herbeigeführter wirtschaftlicher Abhängigkeiten, die der Logik des in früheren Jahrhunderten etablierten chinesischen Tributsystems gehorche. Ihren paradigmatischen Ausdruck finde diese imperiale Politik im 2013 begonnenen Projekt der Neuen Seidenstraße, in dessen Rahmen China in großem Umfang in die Infrastruktur zahlreicher Staaten investiere und dabei auch Marine- und Luftwaffenstützpunkte errichte. Auf diese Weise, so Menzel, suche China die betreffenden Länder langfristig an sich zu binden und ein System der Konnektivität zu errichten:
„Damit ist nicht nur die Integration und Passgenauigkeit der Infrastruktur aus Eisenbahnen, Fernstraßen, Pipelines, Stromleitungen und Glasfasern gemeint, sondern auch der institutionelle Rahmen aus Fahrplänen, Normen, Standards, Zollformalitäten Quarantänebestimmungen, Investitionsschutzabkommen und Zahlungsmodalitäten, die den US-Dollar durch den Yuan ersetzen – alles, um den Warenverkehr zu beschleunigen und Industrieparks entlang der neuen Wirtschaftskorridore zu errichten. Auf diese Weise schafft China neue Abhängigkeiten und etabliert einen ,Club‘ der Anrainer der neuen Seidenstraße, der an den ,Club‘ der früheren Tributstaaten erinnert.“ (S. 70)
Noch einmal anders verhielten sich die Dinge schließlich im Falle Russlands, das Menzel ebenfalls zum „neuen imperialistischen ,Trio infernale‘“ rechnet (S. 61). Zwar reagiere auch Russland mit seiner aggressiven Expansionspolitik auf die „relative Schwäche der USA in der Phase des hegemonialen Übergangs“, die „wie eine Einladung zu neuem Imperialismus“ auf das Putin-Regime gewirkt habe (S. 63). Doch im Unterschied zu China verfolge Russland dabei keine hegemonialen Absichten. Getrieben von der traumatischen Erfahrung des Zerfalls der Sowjetunion strebten Putin und die unter seiner Führung tonangebenden ultranationalistischen Kräfte eine Rückkehr Russlands zu alter Größe an. Zu diesem Zweck verfolgten sie „einen ungeschminkten klassischen Imperialismus, der auf die Karte der militärischen Eroberung setzt. Auch hier geht es um Revisionismus, um ,Make Russia great again‘ – nicht im Sinne der Restauration der Sowjetunion, sondern der Restauration des Zarenreichs, das einst ebenfalls erobert wurde.“ (S. 61) Die Annexion der Krim, der Angriff auf die Ukraine sowie Russlands wiederholte Interventionen in der Kaukasusregion seien Teil des Plans, Russland erneut zu einem Great Player zu machen.
Während Menzel sich mit Blick auf die imperialen Strategien der USA und Chinas einer Beurteilung der Erfolgsaussichten enthält, zeigt er sich vom Scheitern der russischen Ambitionen überzeugt, da die politischen und militärischen Ziele die wirtschaftlichen Kräfte des Landes überforderten: Am Ende werde „Russland, so die Ironie der Geschichte, zum Juniorpartner Chinas absteigen – das paradoxe Ergebnis des Versuchs, das zaristische Imperium zu restaurieren, das einst auch gegenüber China als imperialistische Macht aufgetreten ist“ (S. 70).
Und Europa? Das müsse in Zukunft verstärkt eigene Kräfte mobilisieren und nicht nur in politischer und ökonomischer, sondern auch in militärischer Hinsicht unabhängiger werden, wenn es nicht zum Spielball der Großmächte werden wolle. Denn, so Menzels düsteres Fazit, der Beginn des neuen imperialistischen Zeitalters sei eben „auch ein Rückfall in die Anarchie der Staatenwelt, wie wir sie aus welthistorisch früheren Übergangsphasen kennen“ (S. 63). Und in dieser galt bekanntlich das Recht des Stärkeren.
Während Ulrich Menzel Gefahren in den Blick nimmt, die den liberalen Demokratien Europas von ihren äußeren Feinden drohen, thematisiert Dirk Jörke in Heft 252 der Vorgänge Gefährdungen, die von ihren selbst ernannten Verteidigern ausgehen. Unter dem sprechenden Titel „Die Selektivität der ,liberalen Demokratie‘. Oder: Wir sind nie demokratisch gewesen“ und mit offenkundiger Lust an der Provokation fragt Jörke nach dem demokratischen Gehalt ebenjener Regierungsform, zu deren Verteidigung wohlmeinende Demokrat:innen aller Couleur angesichts des anhaltenden Erfolgs rechtspopulistischer Kräfte aufrufen.
Schaue man zurück auf die Phase vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, in der die auf Repräsentation, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Parlamentarismus gegründete Formation der liberalen Demokratie ihren Siegeszug antrat, müsse man feststellen, dass deren Institutionen weniger auf eine Ermöglichung als vielmehr eine Begrenzung der Volksherrschaft abzielten. „Es ging wesentlich darum“, so Jörke, „die frühbürgerlichen Besitzstände vor den aufstrebenden ,Massen‘ zu schützen.“ (S. 5) Das gelte auch für die Einführung des Wahlrechts, das wohlweislich an restriktive Voraussetzungen gekoppelt gewesen sei. Auch wenn diese Einschränkung inzwischen lange aufgehoben sei, habe sich an der „Begrenzung der Demokratie durch institutionelle Filterungsprozesse und rechtliche Schutzwälle im Interesse der Wenigen […] nichts Grundlegendes geändert“ (S. 6). Vielmehr sei es im Zuge des europäischen Einigungsprozesses und der voranschreitenden Supranationalisierung zu weiteren Einschränkungen demokratischer Partizipationsmöglichkeiten und einer zunehmenden Entpolitisierung wichtiger Politikbereiche gekommen.
„Kurzum, das, was heute als ,liberale Demokratie‘ als so verteidigungswürdig gilt, hat wenig mit den Versprechen der Demokratie im Sinne einer möglichst gleichen Teilhabe an den grundlegenden politischen Entscheidungen aller Herrschaftsunterworfenen sowie der Effektivität dieser Entscheidungen – gerade auch mit Blick auf die Angleichung der Lebenschancen – zu tun.“ (Ebd.)
Hätten politische Theoretiker wie Claus Offe oder Jürgen Habermas in den 1970er-Jahren noch ein kritisches Bewusstsein für die Defizite der von ihnen seinerzeit so genannten „formalen Demokratie“ gehabt und diese – wie etwa die Filterfunktion von Parteien und Verbänden oder die disziplinierenden Mechanismen des parlamentarischen Betriebs – auch deutlich benannt, so sei die dezidiert kapitalismuskritische Sicht in den 1980er- und 1990er-Jahren unter dem Eindruck der zeitgeschichtlichen Ereignisse aufgegeben worden. Die seinerzeit „verbreiteten Hoffnungen auf ein Ergänzungsverhältnis von Parlamentarismus, Rechtsstaatlichkeit und Zivilgesellschaft“ und eine daraus resultierende „Demokratisierung der Demokratie“ (Offe) hätten sich inzwischen allerdings „als trügerisch erwiesen“ (S. 8). Die Tatsache, dass die Nachkriegszeit und insbesondere die 1970er-Jahre heutigen politischen Theoretikern wie beispielsweise Colin Crouch rückblickend dennoch als goldenes Zeitalter der Demokratie erscheinen, sei weniger dem damals tatsächlich verwirklichten Grad an Demokratisierung geschuldet als der erfolgreichen Integrationsleistung des kapitalistischen Wohlfahrtstaates.
„Die Zufriedenheit großer Teile der Bevölkerung – die ,Massenloyalität‘, die damals zu beobachten war, verdankte sich wesentlich einem Aufstiegsversprechen und der Möglichkeit eines immer weiter greifenden Konsums.“ (S. 10)
Dieses Integrationsmodell sei aber mittlerweile an seine Grenzen gestoßen und nicht länger wirksam. Neben den gesunkenen wirtschaftlichen Wachstumsraten und den kostenintensiven Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels seien dafür nicht zuletzt die im Zuge der voranschreitenden ökonomischen und finanzpolitischen Supranationalisierung vorgenommenen Beschneidungen der Steuerungsmöglichkeiten nationaler Regierungen verantwortlich, wie sie im Rahmen der EU etwa durch die Bestimmungen der Währungsunion, die Überwachung der nationalen Haushalte durch die EU-Kommission oder die Einführung der sogenannten Schuldenbremse durchgesetzt worden seien. Gewissermaßen komplementär dazu habe in den vergangenen Jahrzehnten zudem der Einfluss von nicht majoritären Institutionen wie Zentralbanken, Verfassungsgerichten oder internationalen Organisationen, beispielsweise der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds, zugenommen. Diese bereits von Armin Schäfer und Michael Zürn in ihrem Buch Die demokratische Regression analysierte und jüngst erneut von Philipp Manow mit Blick auf die Wirkung nationaler Verfassungsgerichte beschriebene Entwicklung sei insofern gravierend, als sie die Handlungsfähigkeit demokratisch gewählter nationaler Parlamente und Regierungen weiter beschränke – und damit auch deren Möglichkeiten einer effektiven Politik sozialer Umverteilung.
„Mit Demokratie im Sinne einer Macht des Volkes oder zumindest seiner Mehrheit hat das nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich um eindeutig oligarchische Strukturen. Die Möglichkeiten einer demokratischen Einflussnahme sind nachhaltig blockiert.“ (S.14)
In der Summe, so Jörke, seien die liberalen Demokratien des Westens in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur undemokratischer geworden, sondern auch in zunehmendem Maße ungleicher. Die sozialen Machtverhältnisse hätten sich deutlich zugunsten der Wohlhabenden und Besitzenden verschoben. Wie prekär die Lebensverhältnisse zahlreicher weniger begüterter Menschen inzwischen seien, zeige sich insbesondere auf den Wohnungsmärkten der Metropolen. Angesichts dieser Umstände und Entwicklungen brauche es ein politisches Umdenken. Moralische Appelle allein seien zu wenig.
Bedarf nach Orientierung und produktiver Verunsicherung besteht aber nicht nur in politischen Zusammenhängen. Angesichts von Fake News, Propaganda und Verschwörungstheorien sehen gerade die Wissenschaften sich mit der Erwartung konfrontiert, Fakten und Fiktionen gewissenhaft voneinander scheiden. Warum ein solches Wissenschaftsverständnis zu kurz greift, thematisiert der in Oldenburg lehrende Historiker Thomas Etzemüller in seinem Beitrag „An der Grenze. Geschichtsschreibung zwischen Fakt und Fiktion“ in Heft 921 des Merkur. Den Ausgangspunkt für Etzemüllers Überlegungen, die an frühere Gedanken zu den Vorzügen fiktionalen Schreibens in der Wissenschaft anknüpfen,[1] bildet die Beobachtung eines verstärkten Einsatzes fiktionaler, aber auf Fakten beruhender Elemente in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Hätten ältere Historiker:innen – Etzemüller verweist in diesem Zusammenhang stellvertretend auf seinen Lehrer Gerhard Schulze – einen möglichst unpersönlichen Stil gepflegt und sich weitgehend auf die Darstellung gesicherter Fakten beschränkt, arbeite eine wachsende Anzahl jüngerer Vertreter:innen der Geschichtswissenschaft und angrenzender Disziplinen mit fiktionalen Stilmitteln wie der Erfindung und sprachbildnerischen Gestaltung historischer Szenen oder dem Einsatz subjektiver Sprecherstimmen. Während literarische Formen des Schreibens bei französischen oder US-amerikanischen Historiker:innen schon lange üblich seien, stießen sie hierzulande immer noch auf Vorbehalte und stünden „im Verdacht des populärwissenschaftlichen Unseriösen“ (S. 8). Demgegenüber plädiert Etzemüller dafür, die Grenze zwischen Fakten und Fiktionen nicht als hermetisch geschlossen, sondern als durchlässig zu verstehen und eine Pluralität wissenschaftlich legitimer historischer Darstellungsformen anzuerkennen:
„Seit jeher haben sich Historiker an der Grenze zwischen faktualem und fiktionalem Schreiben bewegt. Sie umkreisen das Verhältnis von faktualer Basis und fiktionalen Präsentationen; sie nutzen verschiedene Sprecherstimmen, die vom regelrecht aseptisch abwesenden ,Verf.‘ über den auktorialen, allwissenden Berichterstatter bis hin zum mehr oder weniger persönlichen Ich-Erzähler reichen. Sie helfen, sich einem Gegenstand aus unterschiedlichen Perspektiven anzunähern – oder ihn durch gnadenlose Objektivierung auf sichere Distanz zu halten.“ (S. 8 f.)
Nicht die Grenze zwischen Fakten und Fiktionen sei entscheidend, „sondern wie diese Grenze zwischen ihnen von Wissenschaftlern thematisiert wird, die mit fiktionalen Techniken arbeiten“ (S. 7). Zur Illustration und Plausibilisierung dieser These führt Etzemüller im Folgenden anhand ausgewählter Beispiele vor, wie die Auseinandersetzung mit dem Grenzbereich in verschiedenen Formen des historischen Schreibens gelingen kann: Mit dem Historiker Johannes Süßmann verweist er auf Leopold von Rankes Stil der Darstellung, der darauf angelegt sei, im Zuge der sinnlichen Leseerfahrung nicht die unmittelbaren Ereignisse, sondern eine intellektuelle Anschauung der geschichtlich wirksamen Ideen zu vermitteln (S. 9); er zitiert aus einem fiktiven Dialog, in dem die US-amerikanische Historikerin Natalie Zemon Davis mit den Protagonistinnen ihres Buches Drei Frauenleben über deren Handlungsmotive und die Legitimität der eigenen historischen Fragestellung streitet (S. 9 f.); er beschreibt die Reflexionen, mit denen der Schriftsteller Dieter Kühn seine autoethnografischen Forschungen zur Biografie des spätmittelalterlichen Ritters, Sängers und Dichters Oswald von Wolkenstein begleitet (S. 10); und er thematisiert das von Enzo Traverso analysierte, Erlesenes durch Erlebtes beglaubigende und so Elemente der Historiografie und der Autobiografie miteinander verwebende Verfahren der Ego-History, wie es unter anderem die französische Historikerin Mona Ozouf in ihren Lebenserinnerungen erprobt hat (S. 10 f.).
Trotz ihrer Unterschiedlichkeit sei den genannten Ansätzen eines gemeinsam: „In den erwähnten Beispielen wird Grenze zwischen fiktionalen Passagen und der faktualen Geschichtsschreibung sprachlich, teils sogar typografisch markiert und gewahrt; und selbst in der zutiefst subjektzentrierten Ego-History wird die history in eine gute story verpackt, ohne dass die vergangenen Ereignisse selbst fabuliert werden.“ (S. 11) Letzteres sei „für die Glaubwürdigkeit der Texte entscheidend“ (ebd.). Erfundene Dialoge seien nur dann ein zulässiges Stilmittel historischer Darstellung, wenn sie als solche ausgewiesen werden und für Leser:innen entsprechend erkennbar sind. Während dieses Verfahren, ähnlich wie die Kenntlichmachung von Spielszenen in Dokumentarfilmen, die Grenze achte, indem sie sie umkreise, werde sie dort negiert, wo – wie im Fall des österreichischen Schriftstellers Robert Menasse und des von ihm verbreiteten Hallstein-Zitats – erdachte Aussagen oder Begebenheiten ausdrücklich als wahr behauptet werden.
Um den Anspruch auf wissenschaftliche Wahrheit erheben zu können, müssten Texte „ihre wissenschaftliche Validität formal und sprachlich performen, sie für die Leserinnen regelrecht aufführen: Autorname, Publikationsort, Schrifttype, Textstruktur, objektivierende Sprache, Quellenangaben usw.“ (S. 12). Im Zweifelsfall müssten sie in der Lage sein, ihre Behauptungen durch entsprechende Quellen zu belegen. Jenseits dessen seien historische Erkenntnisse aber auch auf andere Weise und in unterschiedlichen Textgattungen vermittelbar. So könnten literarische Darstellungen Geschichte besonders anschaulich machen, während Doku-Fiktionen eine Möglichkeit böten, fehlende Quellen behelfsweise durch plausible Erfindungen zu ersetzen. Zwischen Tatsachenbericht und historischem Roman sei eine Vielzahl von Darstellungsformen denkbar, die sich nicht zuletzt durch ihren Stil unterschieden.
„Die Grenze zwischen Fiktionalität und Faktizität kann geschoben, gebogen und malträtiert werden, sie muss aber immer sichtbar gewahrt bleiben. Der Stil muss passen. Er ist eine Form der Performanz, weil er Erwartungen des Publikums weckt und bedient, weil er Vielstimmigkeit und konträre Positionen inszenieren kann oder misstrauisch macht, wenn er Gegenpositionen spürbar nicht zu ihrem Recht kommen lässt.“ (S. 13)
Wie wichtig die Wahl des Stils für die Vermittlung historischer Erkenntnis ist, zeigt Etzemüller in den letzten Abschnitten seines Beitrags. Weit davon entfernt, lediglich eine Sache des persönlichen Geschmacks zu sein, könne der Stil die spezifischen Umstände einer historischen Begebenheit verdeutlichen, beispielsweise durch plastische Szenen oder sprachliche Zuspitzungen; er könne sie im Gegenteil aber auch gerade verschwinden lassen, etwa durch die unterschiedslose Aneinanderreihung von Ereignissen und Lappalien, von Dichtung und Wahrheit. Im schlimmsten Fall könne der Stil, wie bei der Darstellung des alliierten Bombenkriegs in Jörg Friedrichs Der Brand, historische Erkenntnis nicht nur verhindern, sondern sogar in ihr Gegenteil verkehren:
„Die Deutschen waren Opfer der Gestapo und der Bombenangriffe, die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter Opfer der Alliierten, die Luftschutzkeller erinnern an Auschwitz. Die deutschen Luftangriffe? Ineffizient und bloß punktuell. Für die Deutschen – ,das Zivil‘ – ist das Passiv, die Leideform, reserviert, ,Bomber Command‘ verpasst er das Aktiv, die Tatform. Seite um Seite zeichnet er ein überwältigendes Sprachbild: ,Die Barbaren, das waren die anderen.‘“ (S. 16)
Etzemüller schließt sein Plädoyer für eine durchlässige Grenze zwischen Fakten und Fiktionen mit der Erinnerung daran, dass das Überschreiten dieser Grenze nur solange möglich ist, wie diese selbst als solche anerkannt, die Trennung zwischen Fakten und Fiktionen sowie der damit verbundene Anspruch auf Wirklichkeitsbezug und Referenz nicht preisgegeben wird. Hierin sieht er die entscheidende Differenz ums Ganze, die den Einsatz fiktiver Darstellungsformen, die Geschichte als Vergangenheit thematisieren, auf Distanz halten und interpretierbar machen, von der Verbreitung bloßer fake facts unterscheide, die sich jeder Überprüfung verweigern und auf Indoktrination statt Reflexion zielen. Ob diese „Differenz zwischen diskutierbaren Geschichtsbildern einerseits und egomanischen Geschichtsverdrehungen andererseits noch vermittelbar ist“ (S. 17), scheint ihm dabei keineswegs ausgemacht. „Trotzdem“, so Etzemüllers Fazit, „ist das die Geschichtsschreibung, die man gegen die anderen verteidigen muss. Nur sie bietet die Möglichkeit, sich überraschen zu lassen, zu zweifeln oder zu kritisieren – gerade weil auch die, die erfinden, den grundsätzlich dokumentarischen Charakter der Geschichtsschreibung nicht zur Disposition stellen.“ (Ebd.)
Fußnoten
- Vgl. Thomas Etzemüller, Die Realität ist fast schon der Roman … Aber warum dichten Wissenschaftler dann eigentlich nicht selber? Das Beispiel einer Doku-Fiktion, in: Werkstatt Geschichte 86 (2022), 2, S. 103–114.
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.
Kategorien: Demokratie Europa Geschichte Gesellschaft Gewalt Globalisierung / Weltgesellschaft Internationale Politik Kapitalismus / Postkapitalismus Kommunikation Macht Normen / Regeln / Konventionen Politik Politische Theorie und Ideengeschichte Sicherheit Soziale Ungleichheit Staat / Nation Wissenschaft
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