Peter A. Kraus | Essay | 06.05.2026
Ein progressiver Freibeuter
Pier Paolo Pasolini als Gesellschaftstheoretiker
Einleitung
Es ist keine Übertreibung, Pier Paolo Pasolini als eine der schillerndsten Figuren der europäischen Kultur des 20. Jahrhunderts zu bezeichnen. Zum einen wirkte er mit seinem ausgesprochen facettenreichen Werk als Filmregisseur, Schriftsteller und Publizist wie ein später Renaissance-Mensch; eine selten gewordene Spezies, für die sich heutzutage kaum mehr Vertreter finden lassen. Zum anderen führte sein Schaffen immer wieder zu intensivem öffentlichen Streit, oft über die Grenzen seines Heimatlands Italien hinaus. Dieser Streit entzündete sich nicht nur an Filmen wie „Das 1. Evangelium – Matthäus“ (1964) und dem noch weitaus heftigere Polemiken auslösenden „Die 120 Tage von Sodom“ (1975),[1] sondern auch an gesellschaftspolitischen Interventionen in einer Vielzahl von Essays und Pressebeiträgen, die gerade sein spätes Schaffen prägten.
Die anhaltende Aktualität Pasolinis wird schon an der Flut würdigender Beiträge erkennbar, die anlässlich seines 100. Geburtstags 2022 sowie anlässlich seines 50. Todestags im vergangenen Herbst in europäischen Medien zu lesen waren. Aber auch jenseits des öffentlich zelebrierten Gedenkens ist seine Präsenz in kulturtheoretischen und politischen Debatten in den vergangenen Jahren auffallend hoch geblieben. Im Zuge der ostentativ inszenierten Versuche der italienischen Rechten, ihn als einen der ihren zu beanspruchen, haben diese Debatten jüngst eine neue Wendung genommen. So fanden Ende 2025 im Umfeld der postfaschistischen Regierungspartei Fratelli d’Italia zwei große Veranstaltungen statt, die Pasolini als neu zu entdeckendem Bruder im Geiste gewidmet waren. Der Versuch, sich linke Deutungsmuster von rechts zunutze zu machen, ließ sich bereits am Beispiel Antonio Gramscis, einer der großen Leitfiguren des westlichen Marxismus, beobachten. Im Fall von Pasolini ist er besonders irritierend, wie ich im Folgenden zeigen möchte, da der Künstler und Intellektuelle zeitlebens geradezu das Gegenteil von konservativen oder gar neurechten Ordnungsvorstellungen verkörperte. Bis heute bietet sein Werk wertvolle Ansätze, um den Auftrag der Aufklärung aufzugreifen und in einem emanzipatorischen Sinne voranzutreiben.
Kampf um eine Ikone
Pasolinis Arbeiten werden weiterhin breit rezipiert und intensiv diskutiert, in der akademischen ebenso wie in der nicht akademischen Öffentlichkeit, in Europa, Amerika und anderswo. Deutschland ist dabei keine Ausnahme. Etwas verspätet erschien 2022 ein Buch von Valerio Curcio zu Pasolini als Fußballfan.[2] 2024 organisierte der Neue Berliner Kunstverein in der Chausseestraße die kleine, aber sehr lohnende Ausstellung Pier Paolo Pasolini. Porcili.[3] Im Sommer 2025 veröffentlichte Albert Ostermaier seinen Roman mit Pasolini.[4] Und im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Transformationen des Populären“ läuft an der Universität Siegen aktuell das Teilprojekt Pasolini: populär. Es ließen sich viele weitere Beispiele anführen. Wie Curcio in der Einleitung zum Fußballbuch feststellt, ist Pasolini mittlerweile zu einer „Pop-Ikone“[5] geworden, die nicht zuletzt von den Medien der Konsumgesellschaft, gegen die er einst so kompromisslos ins Feld zog, vereinnahmt worden ist.
In Anbetracht der subversiven Wucht seines Schaffens stimmt bereits die Ikonisierung Pasolinis durch den feuilletonistischen Mainstream nachdenklich. Noch viel irritierender sind nun die Bemühungen aus den Reihen der rechtsnationalen politischen Führung Italiens, Pasolini als einen der ihren zu beanspruchen: Am 25.11.2025, dreieinhalb Wochen nach Pasolinis 50. Todestag, veranstaltete die den Fratelli – der Partei Giorgia Melonis – nahestehende Fondazione Alleanza Nazionale[6] eine Konferenz unter dem Titel Pasolini Conservatore. Wie der Titel bereits andeutet, ging es darum, Pasolini als Konservativen zu interpretieren, ja als Vordenker der Italien heute regierenden Rechten. Wie Annamaria Gravino im Konferenzbericht für die ebenfalls Fratelli-affine Zeitung Secolo d’Italia ausführt, soll Pasolinis Erbe vom linkshegemonialen Diskurs gelöst und für die „nationale Synthese“ der Rechten fruchtbar gemacht werden.[7] Dem Bericht nach wurde dabei keineswegs nur rechter Agitprop betrieben, sondern durchaus auch differenziert argumentiert, so etwa von Francesco Giubilei, dem wissenschaftlichen Direktor der Fondazione Alleanza Nazionale, der konzedierte, dass Pasolini ein „Mann der Linken“ war, dessen „konservative Intuitionen […] seine marxistische Identität nicht aufheben“. Der Schriftsteller Camillo Langone hingegen betonte, dass Pasolini „anti-progressista“ war. Ein vermittelndes Schlusswort versuchte Senatspräsident Ignazio La Russa zu formulieren: So charakterisierte er Pasolini als schwer einzuordnende Persönlichkeit, die als „großer italienischer Intellektueller“ weder der Linken noch der Rechten gehöre.[8] Weniger differenzierend hatte im Vorfeld der Konferenz der Präsident der Kulturkommission des italienischen Parlaments und Fratelli-Abgeordnete Federico Mollicone Pasolini faschistische Wurzeln unterstellt.[9]
Auf linker Seite stieß das Werben der Rechten um den „großen Intellektuellen“ erwartungsgemäß auf vehementen Widerspruch und führte zu einer Reihe von Repliken, die nicht zuletzt auf eine historisch fundierte Kontextualisierung und Interpretation einzelner Aussagen Pasolinis pochten.[10] Auch in liberalen Medien wurde der Versuch der Postfaschisten, sich Pasolini anzueignen, als irreführend und provinziell belächelt.[11] Den rechten Bemühungen um ihn tat dies freilich keinen Abbruch. Im Anschluss an die November-Veranstaltung gab es im Rahmen des mehrtägigen Atreju-Festivals, das die Fratelli alljährlich veranstalten, am 9.12.2025 ein Panel zur Bedeutung Pasolinis und Yukio Mishimas als Ideengeber für neurechtes Gedankengut. Auch dies löste wieder heftigen Widerspruch in der nicht regierungsnahen italienischen Öffentlichkeit aus.[12]
Es ist fraglich, ob der aufgeregte politische und mediale Hype um Pasolini in einen produktiven Streit zwischen rechts- und linksintellektuellen Kreisen in Italien mündet, geht es im Fratelli-Umfeld doch offenbar viel mehr um Provokation und inhaltliche Selbstaufwertung als um den Austausch von Ideen. Dennoch sollte man die Bedeutung der Inanspruchnahme Pasolinis durch die Rechte nicht unterschätzen, denn sie ist ein weiterer Beleg für die Strategie, sich Argumentationsmuster zu eigen zu machen, die bislang Markenzeichen linker Kultur- und Gesellschafstheorie waren. Dies ließ sich bereits am Beispiel Antonio Gramscis beobachten, der schon seit Längerem in Italien und Frankreich sowie inzwischen auch in Deutschland von Seiten der Neuen Rechten rezipiert wird.[13] Wiederholt sich dergleichen nun ein weiteres Mal? Die Initiativen der vergangenen Monate lassen sich jedenfalls als Beleg dafür heranziehen, dass Pasolinis politische Thesen auch fünf Jahrzehnte nach seiner bis heute nicht vollständig geklärten Ermordung immer noch aktuell sind und weiterhin Stoff für Deutungskämpfe liefern. Doch wie sind die Thesen nun einzuordnen? Ist deren einstige Subversivität verblichen? Gibt es gar eine inhaltliche Grundlage für eine konservative Umdeutung Pasolinis? Um diese Fragen soll es im Folgenden gehen.
Auch wenn es verfehlt wäre, die Schriften, die Pasolinis Aktivitäten als öffentlicher Intellektueller dokumentieren, im Nachhinein zu einem geschlossenen Theoriegebäude zusammenfügen zu wollen, zeugt deren Inhalt doch weiterhin von einer analytischen Schärfe, die den Vergleich mit richtungweisenden wissenschaftlichen Zeitdiagnosen keineswegs zu scheuen braucht. Zugleich zeigt eine sorgfältige Lektüre Pasolinis, dass seine Kritik des Marktliberalismus, der Konsumgesellschaft und der damit verbundenen Permissivität keineswegs die Kritik eines Konservativen ist. Oberflächlich betrachtet, mag er mit seiner Ablehnung der kapitalistischen Moderne Anknüpfungspunkte für die Kulturkritik der Neuen Rechten liefern. Aber seine Vereinnahmung durch deren Intellektuelle erscheint bei einer genaueren Prüfung der Positionen, die er in seinem essayistischen Spätwerk vertritt, geradezu absurd. Tatsächlich bietet Pier Paolo Pasolini geistiges Rüstzeug für Progressive, die nach einer alternativen Identitätspolitik jenseits der neoliberalen Beliebigkeit und der konservativ-reaktionären Gemeinschaftsbeschwörung suchen. Gerade hierin – und nicht in einem vermeintlichen Konservatismus – liegt einer der Hauptgründe für die große Aktualität seiner Gesellschaftskritik.
Die Scritti corsari
Wer dem ,Gesellschaftstheoretiker‘ Pasolini begegnen möchte, sollte an erster Stelle seine Scritti corsari, die Freibeuterschriften,[14] in die Hand nehmen, die 1975, nur wenige Monate vor dem tragischen Tod des Autors, in der italienischen Originalfassung erschienen. Sie enthalten im Wesentlichen Zeitungs- beziehungsweise Zeitschriftenbeiträge zu den Themen, mit denen sich der Autor in seinem journalistischen und literarischen Schaffen primär beschäftigte: Dies sind etwa der Siegeszug des Konformismus und Konsumismus; die inhaltliche Gleichschaltung des Mediensystems, die zu einer ersten Welle der ,RTLisierung‘ der Öffentlichkeit führte und in deren Folge Politik und Kultur allmählich zu ,Dschungelcamps‘ wurden; und nicht zuletzt der Aufstieg eines permissiv-autoritären Populismus in Europa und Nordamerika. Die Perspektive, die in Pasolinis später Schaffensphase dominiert und auch Werke wie die Lettere luterane und das Romanfragment Petrolio durchzieht, richtet sich mithin auf Phänomene, deren Bedeutung in unseren Gesellschaften in den vergangenen Jahrzehnten stetig zugenommen hat. Pasolini antizipierte prophetisch etliche Konsequenzen und leitete daraus seine These einer epochalen „anthropologischen Mutation“ ab.
Die fortbestehende Aktualität Pasolinis auch in unseren Breitengraden kommt nicht zuletzt darin zum Ausdruck, dass die erstmals 1978 vorliegende deutsche Version der Freibeuterschriften mittlerweile vier Auflagen erlebt hat und bis heute im Buchhandel erhältlich ist. Dies ist umso bemerkenswerter, als es sich um eine Sammlung von Zeitungsbeiträgen mit einer Vielzahl tagespolitischer Bezüge handelt, was es Lesern ohne Kenntnisse des zeitgeschichtlichen italienischen Kontexts nicht leicht macht, die Argumentation einzuordnen. Der Popularität des Werkes hat dies aber nur bedingt Abbruch getan. Die deutsche Ausgabe ist gegenüber der italienischen arg abgespeckt, es fehlen einige ausgesprochen interessante Artikel; ein Defizit, das durch Peter Kammerers überaus lesenswertes Vorwort zumindest ein Stück weit kompensiert wird. Bei den Freibeuterschriften handelt es sich überwiegend um Texte, die Pasolini für den Corriere della Sera verfasste. Er gab sein polemisches Sperrfeuer also ursprünglich über ein Medium ab, das im Grunde für ebenjenes Establishment steht, das die Zielscheibe seiner Angriffe ist. Es handelt sich dabei naturgemäß um ,kleine‘ Schriften, was aber nicht heißt, dass ihnen ein untergeordneter Stellenwert beizumessen wäre. Im Gegenteil: Sie stehen für einen politischen Essayismus, der sich literarischer Stilmittel bedient, um substanzielle inhaltliche Anliegen vorzutragen. Dies gleicht einer Gratwanderung, die zwischen Hau-Ruck-Argumenten, Wort-zum-Sonntag-artigen moralischen Beschwörungen und plattem Agitprop auf der einen sowie steriler Schönschreiberei und Akademismus auf der anderen Seite hindurchführt. Es ist eine Gratwanderung, die Pasolini über weite Strecken meisterhaft bewältigt.
In den Scritti corsari lassen sich drei Themenbereiche ausmachen, die zentral für Pasolinis Ansatz sind und dessen weiterhin große Bedeutung für die Kultur- und Sozialwissenschaften begründen: a) die Zerstörung von Pluralismus und Diversität durch die Konsumgesellschaft; b) die anthropologische Revolution; sowie c) die Kritik an der etablierten Linken und das Bemühen um eine zeitgemäße ,Identitätspolitik‘.
Im Folgenden werde ich diese Bereiche kritisch beleuchten. Nach einem ergänzenden Exkurs zu Pasolinis Positionen zu Sprache und Sprachpolitik, komme ich zu einer abschließenden Bewertung der Freibeuterschriften und des intellektuellen Ethos’ Pasolinis aus heutiger Perspektive.
Die Zerstörung von Pluralismus und Diversität
Die Ausbreitung des Konsumismus, der Ideologie des Konsums, ist ein Phänomen, das Pasolini obsessiv beobachtet hat. Das wird bereits in den ersten zwei Texten zur „Sprache der Haare“ und zur „Analyse eines Werbeslogans“ deutlich. Die langen Haare sind für Pasolini 1973 (dem Jahr der Publikation des Beitrags im Corriere) nichts anderes mehr als ein Symbol des jugendlichen Konformismus, ein Symptom der Aneignung einer vormals oppositionellen durch die herrschende Subkultur. Es mutet eigenartig an, dass er die Herrschaftskultur als Subkultur bezeichnet. Noch drastischer sind seine Aussagen im Text zum Werbeslogan, auf den er im selben Jahr in Rom aufmerksam wird.[15] Die Reklame für Jesus Jeans erscheint ihm als Dokument der Pseudo-Expressivität, als „Symbol […] einer ausdruckslosen Welt, die nichts kulturell Besonderes und Verschiedenes mehr kennt und total gleichgeschaltet und einem einzigen kulturellen Modell unterworfen ist“.[16] Das ist die Welt des Neokapitalismus, den Pasolini nicht im Lichte der politischen Ökonomie, sondern kulturtheoretisch deutet.
Pasolini zeichnet – darin Herbert Marcuse ähnlich[17] – das Bild einer von hedonistischer und zugleich repressiver Toleranz geprägten Gesellschaft.[18] Seine Argumentation deckt sich allerdings nur zum Teil mit derjenigen des Philosophen und kritischen Theoretikers. Denn Pasolini sieht in der verschwindenden Welt der Bauern, des Proletariats und nicht zuletzt des Subproletariats sowie in der Welt des Südens, die für ihn sowohl der italienische Mezzogiorno als auch – wie wir heute sagen würden – der Globale Süden verkörpern, grundsätzlich eine gegenhegemoniale Alternative zur Welt der Herrschenden. Doch diese Alternative ist aufgrund ihrer „Durchdringung […] durch ein konsumorientiertes, alles assimilierendes Zentrum“[19] dem Untergang geweiht. Der „Zentralismus der Konsumgesellschaft“[20] ist dabei gleichermaßen sozial wie territorial zu verstehen. Er schafft eine kulturelle Vereinheitlichung der Bevölkerung, die in Italien nach dem Risorgimento lange ausblieb und die Pasolini zufolge selbst durch den Mussolini-Faschismus nicht erzwungen werden konnte. Die 1960er-Jahre bringen daher eine Zäsur, die für ihn den Gehalt dessen ausmacht, was er die „erste, wahre Revolution von rechts“[21] nennt.
Auf verblüffende Weise überschneiden sich Pasolinis Betrachtungen auch mit der Diagnose, die der deutsche Soziologe Helmut Schelsky über die Entstehung einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft in der Bundesrepublik gestellt hatte.[22] So ist in der deutschen Übersetzung wörtlich zu lesen: „Ein Prozeß der Nivellierung hat begonnen, der alles Besondere und Authentische vernichtet.“[23] Dies ist eine recht freie Übersetzung, denn im italienischen Original heißt es: „Ha cominciato un’opera di omologazione distruttrice di ogni autenticità e concretezza.“[24] Wie auch immer: Tatsächlich argumentiert der italienische Autor, auch wenn er sich keineswegs als Sozialwissenschaftler begreift, in seinem Ansatz geradezu soziologisch. Er umreißt empirisch konkret greifbare gesellschaftliche Phänomene. Anders als Schelsky, dessen Werk er kaum gekannt haben dürfte, kommt er aber zu einer vernichtenden Beurteilung der Folgen der Angleichung von Lebensformen und Orientierungen in der Mitte und durch die Mitte, spricht in diesem Zusammenhang gar von der „schlimmste[n] aller Repressionen der Menschheitsgeschichte“.[25] In Anbetracht solcher Aussagen mutet es geradezu absurd an, dass ausgerechnet die Rechte Pasolini mit seiner erbitterten Kritik an den Folgen der „Revolution von rechts“ heute vereinnahmen möchte.
Die sanfte Destruktionskraft des Neokapitalismus überbietet für Pasolini sogar die aggressive Wucht des klassischen Faschismus in Italien, der es ihm zufolge nicht vermocht hatte, den Lebensalltag der bäuerlichen und proletarischen Massen zu durchdringen. Erst mit der Verwandlung von Arbeitern und Bauern in Konsumenten kommt es zur Absorption von deren Lebenswelt durch das vorgegebene kapitalistische Entwicklungsmodell. Für den Erfolg dieses Prozesses macht Pasolini in erster Linie das Fernsehen verantwortlich, das für ihn nicht allein ein Informationsmedium, sondern vor allem ein Herrschaftsinstrument ist. Wohlgemerkt: Er schreibt dies zehn Jahre, bevor Silvio Berlusconi in Mailand seinen ersten Privatsender ins Leben ruft und damit einen wirklich grundlegenden Umbruch der italienischen Medienlandschaft einläutet. „Pasolini hat uns Berlusconi prophezeit“, stellte die Schriftstellerin Dacia Maraini in einem vor gut zehn Jahren in der Welt veröffentlichten Interview fest.[26] Antonio Scurati scheint wiederum Pasolini geradezu zu paraphrasieren, wenn er in seinem „Nachruf“ auf Berlusconi dessen Weltbild prägnant wie folgt zusammenfasst: „Die Reduzierung der Welt auf das Abbild der Welt, des Lebens auf den Konsum an sich und der Realität auf Waren kennt keine Grenzen. Alles muss käuflich sein: Fußballer, Stimmen, Abgeordnete, Richter, Sponsoren, Gegner, Frauen, vor allem Frauen.“[27]
Wenn man das Italien von heute mit dem Italien der Scritti corsari vergleicht, haben Pasolinis Polemiken in der Tat etwas Prophetisches. In keinem anderen Land Westeuropas hat sich die Medienlandschaft in der Zwischenzeit so massiv verändert; eine Veränderung, die nicht zuletzt im Bereich der kollektiven Mentalitäten und in der Politik konkret erfahrbar wird. Man kann nur vermuten, was Pasolini, der schon Mitte der 1970er-Jahre sehr viel rhetorisches Pulver gegen ‚das System’ verschossen hatte, wohl geschrieben haben würde, wenn er Berlusconis Aufstieg und dessen Folgen erlebt hätte.
Die anthropologische Revolution
Sie vollzieht sich im Rahmen des Zusammenbruchs dessen, was Pasolini wiederholt[28] als die Welt des bäuerlichen und frühindustriellen Italiens beschreibt; man könnte auch sagen: idealisierend überhöht. Im Zuge des Zusammenbruchs dieser Welt entsteht demnach ein Vakuum, das „darauf wartet, von einer totalen Verbürgerlichung gefüllt zu werden“,[29] einer Verbürgerlichung modernistischen und amerikanisierten Zuschnitts. Die Vielfalt der Volkskultur – für Pasolini immer eine Vielfalt im Plural, das heißt eine Vielfalt der Volkskulturen – wird vom amorphen System der Massenkultur verdrängt, vom System einer neuen Macht, die sich für ihn nur schwer genau verorten lässt.[30] Er schreibt, der Wandel bestünde darin, „dass die alte Klassenkultur (mit ihren klaren Trennungen: Kultur der beherrschten bzw. der Volksklasse (classe popolare), Kultur der herrschenden bzw. bürgerlichen Klasse, Elitenkultur) durch eine neue klassenübergreifende Kultur ersetzt worden ist: Sie gelangt zum Ausdruck in der Lebensweise der Italiener, in ihrer neuen Lebensqualität.“[31] Symptomatisch hierfür ist für ihn etwa die Ununterscheidbarkeit faschistischer und nicht faschistischer Jugendlicher nach gängigen kulturellen Maßstäben und dem Aussehen nach[32] – Soziologen würden heute sagen: nach ihrem Habitus.
Auf fragwürdige Weise stellt Pasolini die verklärende Schilderung der Gleichheit der Bürger in einer sowjetischen Stadt der vermeintlich traurigen Gleichförmigkeit italienischer Jugendlicher im Jahr 1974 gegenüber: „Diese Jugendlichen sind traurig, weil sie – nachdem ihre Werte und ihre kulturellen Modelle zerstört wurden – sich ihrer gesellschaftlichen Unterlegenheit bewußt geworden sind.“[33] Dies scheint eine doch etwas schablonenhafte Darstellung der Erfahrung kultureller Entfremdung zu sein. Überzeugender ist demgegenüber seine nostalgische Beschwörung des untergehenden ländlichen Italiens, des Italiens, das sich lange Zeit der kulturellen Kontrolle durch den Staat und durch die von den Norditalienern ,erfundene‘ Nation entziehen konnte.[34] In einer Entgegnung auf Italo Calvino stellt Pasolini die paradoxe Freiheit der Klassenidentität der von der Herrschaft des Konsums geschaffenen Gleichförmigkeit der Bevölkerung gegenüber:
„Ja, die Menschen waren immer Konformisten und einander gleich, aber jeweils im Rahmen ihrer sozialen Klassen. Und innerhalb dieser Klassen unterschieden sie sich aufgrund besonderer und konkreter kultureller (regionaler) Bedingungen. Heute hingegen (und hier fällt das Wort von der anthropologischen ,Mutation‘) sind die Menschen alle Konformisten und gleichen sich, die einen wie die anderen, unabhängig von Klassenunterschieden (ein Student dem Arbeiter, ein norditalienischer einem süditalienischen Arbeiter). Sie gleichen sich zumindest potentiell, im angsterfüllten Drang zur selbstgewählten Uniformität.“[35]
Das „Verschwinden der Glühwürmchen“[36] steht in einem der eindrücklichsten Artikel der Textsammlung als Metapher für den Prozess, den Pasolini als anthropologische Mutation fasst. Er ist dabei einer der ersten, die den Rückgang der ökologischen Artenvielfalt mit dem Verlust kultureller Vielfalt in Beziehung setzen. Die Glühwürmchen verkörpern die „,arcaicità‘ pluralistica“[37] einer bis weit ins 20. Jahrhundert hinein überlebenden, aber nunmehr verschwundenen bäuerlichen und frühindustriellen Zivilisation, die der „brutalen Gleichschaltung durch die Industrialisierung“[38] weichen musste.
Pasolinis Pathos erschien manchen Kritikern schon zur Zeit der Veröffentlichung der Freibeuterschriften aufgesetzt und unzeitgemäß, aber es ist – das sollte man ihm zugutehalten – ein authentisches Pathos, ein Pathos, das sich nicht aus konservativen oder gar reaktionären Gesellschaftsmodellen, sondern aus der eigenen Lebenserfahrung speist: „Ich habe – leider – diese Italiener einmal geliebt: nicht im Sinne der herrschenden Klischees [...] und auch nicht in einem volkstümelnden und humanitären Sinne. Es war eine echte Liebe, die in meiner ganzen Lebensweise wurzelte.“[39] Es ist wohl diese Liebe, die Pasolini antreibt, wenn er bei der Beschreibung des beschleunigten sozialen Wandels in Italien auf so drastische Kategorien wie diejenige des Völkermords[40] zurückgreift. Auf missverständliche Weise bezieht er sich auf Marx und das Kommunistische Manifest. Marx und Engels verwenden den Begriff jedoch dort nicht. Sie beschreiben zwar eindringlich die Zerstörung des Alten im Zuge des Aufstiegs der Bourgeoisie, begreifen den Prozess aber durchaus anerkennend als kreative Zerstörung. Dem „Idiotismus des Landlebens“ weinen sie keine Träne nach.
Ganz anders Pasolini. Letzten Endes erweist sich seine Verwendung des Begriffs als rhetorische Übertreibung. Seine Definition entspricht nicht dem, was wir üblicherweise unter einem Genozid verstehen. Mit Völkermord meint er schlicht „die Anpassung an die bürgerliche Lebensweise“.[41] Griffiger ist die Definition abermals im italienischen Original, wo von „assimilazione al modo e alla qualità di vita della borghesia“[42] die Rede ist. Pasolini erwähnt in diesem Zusammenhang, dass er an einem Buch arbeitet – dem postum erschienenen Romanfragment Petrolio –, in dem er fünfzehn für die Anpassung typische Verhaltensmuster (im Italienischen modelli) schildert. Im Völkermord-Artikel stellt er drei davon in den Vordergrund:[43]
- das Verhaltensmuster eines klassenübergreifenden Hedonismus;
- das Verhaltensmuster der Permissivität, der falschen Toleranz;
- das Verhaltensmuster des Sprachverlusts, der Aphasie.
Was mit der Ausbreitung dieser Muster stattfindet, betrachtet Pasolini pointiert als „Entwicklung ohne Fortschritt“,[44] als Zerstörung tradierter Werte, die – anders als Marx und Engels es sahen – alte und durchaus fragwürdige Vorstellungen verdrängt, sie jedoch durch Konsumorientierungen ersetzt, die letztlich jede Form der Gemeinschaft aushöhlen und damit rein destruktiv wirken, ohne Italien und die Italiener produktiv zu verändern. In soziologischen Kategorien ausgedrückt: Nackte Systemintegration tritt an die Stelle lebendiger Sozialintegration. In seinem erstmals auf dem Parteifest der Unità in Mailand 1974 vorgetragenen und später in der KPI-nahen Rinascita erschienenen Beitrag stellt Pasolini Marx, dessen Analyse er, oberflächlich betrachtet, orthodox zu übernehmen scheint, normativ geradezu auf den Kopf und inszeniert sich als leibhaftiges Oxymoron, als ‚konservativer‘ Kommunist. In den linken Kreisen seiner Zeit stieß diese Inszenierung auf alles andere als einhellige Zustimmung. Das macht Pasolini jedoch noch lange nicht anschlussfähig für Positionen der Neuen Rechten und der Postfaschisten. Mit seiner Kritik an der „Entwicklung ohne Fortschritt“ wird er nicht zu einem Bündnispartner des antiprogressiven Lagers, sondern im Gegenteil zu einem Verfechter eines alternativen Fortschrittsverständnisses, das die Defizite kapitalistischer Modernisierung meidet und Entwicklung und Fortschritt miteinander versöhnt.
Die Kritik an der etablierten Linken
In seinen zornigen Pamphleten der 1970er-Jahre nimmt Pasolini Italiens Hinwendung zu einem massenmedial begründeten Populismus im Stil Berlusconis vorweg. Zugleich erweist er sich als ein früher Kritiker einiger kultureller Veränderungen, die typischerweise mit der 1968er-Bewegung in Verbindung gebracht werden. Er wird nicht müde, den „Konformismus der Progressiven“[45] zu geißeln. Die Symptome des von ihm so benannten Konformismus überschneiden sich auffällig mit einigen der Konventionen, die heute in polemischer Absicht oft der ,Lifestyle-Linken‘ zugeschrieben werden.
Die Stoßrichtung von Pasolinis Argumentation wird bereits im ersten Aufsatz zur „Sprache der Haare“ deutlich, in dem er eine scharfe Linie zwischen echtem Dissidententum und rein oberflächlich bleibendem Protest zieht: „Die herrschende Subkultur hat die oppositionelle Subkultur aufgesogen und sich angeeignet: Mit diabolischem Geschick hat sie aus ihr eine Mode gemacht“.[46] Die Artikel zur Abtreibung und zur Homosexualität nehmen die Fährte der ersten Freibeuterschrift wieder auf und spitzen deren Ansatz zu. Auf den ersten Blick mögen Pasolinis Positionen zur Abtreibungsfrage wertkonservativ und traditionsfixiert anmuten, ähnlich wie schon seine Darstellung der bäuerlichen Welt. Er ist nicht für eine Beibehaltung des Abtreibungsverbots, bringt jedoch seine Einwände gegen eine moralische Bagatellisierung der Abtreibung zum Ausdruck. Sie decken sich in Vielem mit den Vorbehalten christlicher Abtreibungsgegner. Seine Gedankengänge sind dabei komplex und nicht immer konsistent.
Es wäre freilich verfehlt, ihm in dieser Frage die Widerborstigkeit abzusprechen und in ihm einen Konservativen anstelle eines Dissidenten zu sehen. Mitnichten ist er ein Verteidiger des christdemokratischen Status quo der italienischen Nachkriegsgesellschaft, deren bleierne katholische Spießigkeit er seit jeher zur Zielscheibe seiner Bitterkeit und seines beißenden Spotts gemacht hatte. Nicht umsonst heißt es im Text über den Koitus und die Abtreibung: „Die Vorstellung vom absoluten Vorrang des Normalen […] ist geradezu kriminell.“[47] Seine Pointe ergibt sich daher keineswegs aus dem Rekurs auf das bekannte Argument, „[d]aß das Leben heilig ist“,[48] und dass diese Heiligkeit mit der Legalisierung der Abtreibung zur Disposition gestellt zu werden scheint. Was ihn an der Abtreibungsdebatte seiner Zeit vielmehr stört, sind die Scheintoleranz und der bereits erwähnte Konformismus der Progressiven. Was meint er damit?
Letztlich sieht Pasolini in der innerhalb der Linken vorherrschenden Argumentation eine Fortführung des Normalitätsgebots unter neuem Vorzeichen. Dabei hat er die Normalität des Konsums im Auge, die aus seiner Sicht die Normalität des katholischen Italiens abgelöst hat. In seiner drastischen Sprache verkörpert das „Reich des Koitus“,[49] in dem die heterosexuelle Paarbeziehung als das Maß der Anerkennung aller sexueller Bedürfnisse gilt, diese neue Normalität. Die Normalität der heterosexuellen Paarbeziehung ist weniger die Normalität von „einem Paar, das Nachkommen erzeugt“[50] – das war die Normalität des alten Italiens; es ist vielmehr die Normalität einer Beziehung von Konsumenten. Hierbei handelt es sich für ihn jedoch mitnichten um die Normalität einer Beziehung freier Liebender – wenn es eine derartige Normalität überhaupt geben kann. Die angestrebte Liberalisierung der Abtreibung wird daher zur Scheinliberalisierung, denn sie ist nicht viel mehr als eine Konzession an „das Paar, das konsumiert“,[51] ohne dass damit eine grundlegende Erneuerung des Beziehungslebens und der Sexualität verbunden wäre.
Es ist gerade auch die Kritik an einer Toleranz, die lediglich der Herrschaft des Konsums und ihrer Funktionslogik gehorcht, die Pasolini – er machte aus seiner Homosexualität keinen Hehl und nahm dafür viele Anfeindungen und Sanktionen in Kauf – gegenüber gut gemeinten Vorschlägen, sexuelle Minderheiten in den gesellschaftlichen Mainstream zu integrieren, skeptisch bleiben lässt: „Diese Toleranz meint die heterosexuelle Beziehung (Empfängnisverhütung, Abtreibung, außereheliche Beziehungen, Jugendsexualität und im Falle Italiens auch die Scheidung), und an sie wollen die Autoren [eines Buchs über Homosexualität, P.A.K.] das (politische) Problem der Minderheiten einfach anhängen.“[52] Eine solche Toleranz ist für Pasolini aber nur Scheintoleranz, die sich im schlimmsten Fall zum narzisstischen Fanatismus von Kleinbürgern auswächst. Die „verlogene Perspektive tolerierenden Zusammenlebens“[53] lehnt er vehement ab. Worum es ihm geht, ist genau das Gegenteil von einer den Geboten des Konsumismus entsprechenden Normalisierung der Abweichung: es ist die Ermöglichung von Gleichheit in der Differenz. Es wäre höchst spannend zu verfolgen, wie er, ausgehend von dieser Prämisse, die aktuelle Konjunktur ,woker‘, gendersensibler Identitätspolitik kommentieren würde. Einiges spricht dafür, dass er – um es plakativ auf den Punkt zu bringen – sich die Sache der queer liberation durchaus zu eigen machen, jedoch zugleich einfordern würde, sie radikal von der Agenda des rainbow capitalism abzukoppeln.
Sprache, kulturelle Vielfalt und Antikonsumismus
In den Freibeuterschriften gibt es wiederholt Ausführungen zur Bedeutung der Vielfalt von Sprachen, Sprachtraditionen und Dialekten für die Reproduktion selbstzentrierter, ,eigensinniger‘ Identitäten, die den Menschen Schutz vor uniformierender Herrschaft bieten. Aufschlussreich sind hier etwa die These des Sprachverlusts in der „Völkermord“-Schrift oder die Würdigung des sizilianischen Lyrikers und Autors Ignazio Buttita. Pasolini hat selbst mehrere Gedichtbände in friulanischer Sprache geschrieben. Seine Liebe zu Minderheitensprachen ist jedoch nicht die Liebe eines spätromantischen Folklore-Sammlers, der auf den Spuren Johann Gottfried Herders wandelt. Es ist nicht die Liebe eines in der deutschen Tradition stehenden Volkskundlers, sondern es ist eine radikal herrschaftsverneinende Liebe. Herrschaftsverneinend deswegen, weil sprachliche Vereinheitlichung aus Pasolinis Sicht – die in dieser Frage erhebliche Überschneidungen mit der Sicht des großen italienischen Marxisten Antonio Gramsci aufweist – immer auch politische Vereinnahmung ist. Die Existenz der eigenen Sprache – sei es als Soziolekt, als Dialekt oder aber als Ausdruck eines partikularen kulturellen Substrats – ist für ihn keine Basis für völkische Identitätskonstruktionen; vielmehr zeugt sie von der Möglichkeit – auch wenn sie im Verborgenen bleibt – der eigenen Emanzipation: „Weil derjenige, der eine eigene Kultur besitzt, durch die er sich auszudrücken vermag, stets reich und frei ist, auch wenn das, was er (gegenüber der ihn beherrschenden Klasse) lebt und ausdrückt, Unfreiheit und Elend ist. Kultur und ökonomische Verfassung gehören aufs engste zusammen.“[54]
Nach diesem letzten Zitat aus den Freibeuterschriften sei nun kurz zu Volgar’eloquio übergegangen, das in Buchform postum erschienen ist (auf Italienisch zuerst 1976). Es handelt sich um ein „letztes Zeugnis der verzweifelten antimodernen Häresie“,[55] die Pasolini zwei Jahrzehnte lang betrieben hat. Das Zeugnis enthält die Transkription eines kurzen Vortrags und längerer Diskussionsbeiträge, die er am 21.10.1975, also nur wenige Tage vor seiner Ermordung, zu einem Workshop am Instituto Giuseppe Palmieri in Lecce beisteuerte. Der Workshop ist dem Thema „Dialekt und Schule“ gewidmet. Pasolinis Teilnahme ist auf Fotos festgehalten, seine mündlichen Interventionen sind erhalten geblieben, weil sie auf Tonband aufgezeichnet wurden. Die Aufzeichnung ist nicht nur von großem inhaltlichem Interesse, gerade vor dem Hintergrund der in den Freibeuterschriften abgegebenen Diagnosen, sie ist auch ein beeindruckendes Dokument von Pasolinis Auftreten als öffentlicher Intellektueller. Das Publikum der Veranstaltung bilden überwiegend Lehrer und Studierende. Es ist aufschlussreich, wie direkt, egalitär und durch und durch unprätentiös Pasolini ihnen gegenüber agiert. Wir erleben geradezu das Gegenteil der Borniertheit und Selbstreferenzialität, die wir etwa von den Vorstellungen mancher zeitgenössischer Geistesgrößen in Fernseh-Talkshows oder aber auf YouTube und anderen Internetkanälen her kennen.
Nach einem kurzen Eingangsreferat – in der mir vorliegenden italienischen Edition des Textes sind es dreieinhalb Seiten, von denen der Vortrag eines Gedichts die Hälfte ausmacht – nimmt eine intensive und lebhafte Diskussion ihren Lauf. Pasolini greift darin viele Motive der Scritti corsari auf, geht aber auch an verschiedenen Stellen auf die Rolle der Verwendung des Dialekts in der schulischen Erziehung sowie auf die Situation des Albanischen in Kalabrien und des Griechischen in Apulien ein. Er spricht in Lecce: Albaner und Griechen gehören zu den historischen Sprachminderheiten des Mezzogiorno. Was er dabei aus dem Stegreif erläutert, bietet eine äußerst hilfreiche Ergänzung und Vertiefung seiner in den Freibeuterschriften formulierten Positionen.
Wie schon dort, macht er seine Auflehnung gegen das, was er als die Vernichtung kultureller Frei- und Freiheitsräume durch die alles durchdringenden Imperative des Konsumismus betrachtet, zu seinem obersten Anliegen. Stärker noch als in den Zeitungsbeiträgen – dies ist sicherlich dem Thema und dem Ort des Workshops geschuldet – begreift er diesen Konsumismus als eine Maschine des kulturellen Zentralismus, verbindet dessen soziokulturelle also mit einer regionalen Komponente. Schließlich sieht er im Aufstand die einzige Alternative zur tristen Musealisierung partikularer Kulturen, ist sich aber zugleich dessen bewusst, dass es ein verzweifelter Aufstand bleiben muss: „[D]ie andere Lösung wäre eine extremistische: das heißt, ihr Albaner müsstet die Unabhängigkeit einfordern, direkt auf eine separatistische Weise, wie es die Basken, die Iren tun, und wie die Korsen angefangen haben es zu tun. […] Ich sage dies, um zu zeigen, dass es in Wirklichkeit kaum einen Ausweg gibt.“[56]
Es ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich, dass Pasolini – was er in seinen essayistischen Artikeln sonst kaum tut – auch seine eigene künstlerische Arbeit als einen Beitrag zur Auflehnung gegen Konsumismus und Uniformierung betrachtet. Er bezieht sich konkret auf die Filme der Trilogia della vita – Il Decameron, I racconti di Canterbury und Il fiore delle Mille e una notte –, in denen er in eigenen Worten „eine physische Realität, eine körperliche Realität darstellen wollte, die […] gerade von diesem Genozid, über den wir reden, ausgelöscht wurden.“ Weiter sagt er: „Ich habe diese drei Filme gemacht, um diese Form des Authentisch-Seins der konsumistischen Kontamination entgegenzusetzen. Das war meine Hauptintention.“ Aber Pasolini wäre nicht Pasolini, wenn sein Impetus ein affirmativer wäre, auch wenn sich die Affirmation dabei auf das eigene Werk richtete. So stellt er nur wenige Sätze später fest: „Aber inzwischen schwöre ich ihnen [diesen Filmen, P.A.K.] ab, im Namen des Bruchs mit jenem Progressismus, der dazu neigt, sich in einen neuartigen Klerikalismus zu verwandeln.“ Er war sich durchaus dessen bewusst, dass sein eigenes Werk nicht der Gefahr entging, von den Kräften der Permissivität, gegen die es sich ursprünglich richtete, absorbiert zu werden. Die Vorstellung, dass seine Filme zu einem weiteren Element des herrschenden Diskurses sexueller Scheintoleranz werden könnten, war ihm zuwider.[57] Sein Verständnis sexueller Freiheit war alles andere als konservativ, aber zugleich Lichtjahre entfernt von der falschen Freizügigkeit, wie sie zu seiner Zeit „die pornographischen Ghettos in Kopenhagen“[58] als Supermärkte des sexuellen Konsums verkörperten.
Fazit
Was bleibt von den Freibeuterschriften, was bleibt von Pasolini heute? Er selbst hielt von der Praxis kultureller Idolatrie, von der Verehrung großer Leitfiguren nie allzu viel. So ist in einem in sein Prosastück Teorema integriertes Gedicht zu lesen:
„Aber gleich schon sollst du wissen, / daß vor dir noch keiner Revolution gemacht; / daß die alten oder toten Dichter oder Maler, / obwohl du ihnen den Glanz von Helden gibst, / dir nichts nützen, dich nichts lehren.“[59]
Wie alt, wie tot ist Pasolini für die Gegenwart? Manches an seinem anarchischen Antimodernismus mutete bereits zu seinen Lebzeiten abseitig oder aber abgehoben an. Mit größtem Nachdruck berief er sich auf seine tiefe Verwurzelung in einer vermeintlich oder tatsächlich untergehenden cultura popolare. Freilich wird nicht immer plausibel, dass diese Kultur ein getreues Abbild einer vielschichtigen gesellschaftlichen Realität war. Diese Vielschichtigkeit scheint Pasolini in seinem Drang zu einem die Welt der ,einfachen Leute‘ überhöhenden „existentiellen Populismus“[60] nicht wahrnehmen zu wollen. Paradoxerweise hat sein Populismus durchaus elitäre Züge. So gewinnt man gelegentlich den Eindruck, dass Pasolini sich ein Volk zurechtdenkt, das zwar die Sehnsucht eines sich heldenhaft einsam wähnenden Intellektuellen nach Authentizität verkörpert, jedoch nicht unbedingt eine Entsprechung in den beobachtbaren Lebenspraktiken der Menschen hat, die dieses Volk in Wirklichkeit konstituieren.
Pasolinis soziologische Positionierungen sind zwar durchaus komplex, es lässt sich aber kritisch einwenden, dass sie mitunter nicht nur den Impetus eines donquijotesken Aus-der-Zeit-fallen-Wollens spiegeln, sondern zugleich Bekundungen eines Elitismus sind, der die Volkskultur nur benutzt, um das Volk letztlich von sich fernzuhalten.[61] Damit ist die Frage nach der Originalität von Pasolinis Kulturkonservatismus aufgeworfen, die Frage danach, in welchen Punkten und in welchem Umfang sein Kulturpessimismus sich von anderen Kulturpessimismen seiner und unserer Tage nachhaltig unterscheidet. Fragwürdig ist auch seine pauschale Diagnose hinsichtlich der verheerenden gesellschaftlichen Folgen massenmedialer Gleichschaltung. In Italien mögen sich seine Befürchtungen mit den Transformationen unter Berlusconi im Übermaß erfüllt haben. Aber selbst dort haben sich bis heute Gegenöffentlichkeiten halten können – sonst wäre kaum zu erklären, dass Pasolinis Figur ungeachtet der konservativen Erfolge im Kampf um die kulturelle Hegemonie weiterhin ein wichtiger Bezugspunkt in den Debatten geblieben ist, die sich auf die Überwindung der überkommenen Verhältnisse richten. Wie der spanische Soziologe Manuel Castells – der im Übrigen viele von Pasolinis politischen Überzeugungen teilt – zeigt, hat die digitale Revolution uns technologische Optionen gebracht, die uns bei allen Gefahren möglicherweise doch stärker zu einem mündigen Umgang mit Wissen und Informationen befähigen, als es in den von den Berlusconis dieser Welt kontrollierten Medienlandschaften der Fall war. Auch wenn sie Italien kaum erfasst zu haben scheinen, zeigen die Protestbewegungen der letzten 20 Jahre – von Tiananmen über die indignados, vom Gezi-Park bis zu den oppositionellen Mobilisierungen 2022 und 2023 im Iran −, dass das Dissidententum fortlebt, wenngleich es in anderen Gewändern auftritt als in den von Pasolini seinerzeit vorausgeahnten beziehungsweise eben nicht vorausgeahnten.
Manches Motiv des von Pasolini praktizierten antihegemonialen Schaffens lebt in diesen Protesten fort, allerdings kaum auf die Weise, die die Ikonisierung seiner Person durch linksliberale Medien und in literaturwissenschaftlichen Seminaren zunächst zu suggerieren scheint. Pasolinis Distanz gegenüber dem liberalen Establishment impliziert jedoch nicht, dass die Versuche der Rechten, Pasolini in einen Konservativen oder gar Reaktionär zu verwandeln, eine inhaltlich wirklich ernstzunehmende Grundlage haben. Im Gegenteil: Wie die bereits zitierte Schriftstellerin Dacia Maraini, die Pasolini freundschaftlich verbunden war, in einem Interview zur postfaschistischen Umarmung des militant antifaschistischen Intellektuellen ausführt, war dieser ein Gegner jeder Form von Macht, ein Anarchist, mitnichten ein Konservativer.[62] Was die genannten Proteste ungeachtet ihrer unterschiedlichen Motive und Zielsetzungen transportieren, und was sie mit Pasolini verbindet, ist ein Ethos der Abweichung. Konsequent entzieht es sich dem Uniformierungsdrang autoritärer Herrscher oder neoliberaler Diktate. Pasolini wollte kein Vorbild sein. Ungeachtet der eigentümlichen Verschrobenheit oder gar Antiquiertheit mancher seiner Befunde ist er es dann doch geworden. Hier stoßen wir abermals auf ein Paradox.
Dass diese Vorbildlichkeit bis heute nachwirkt, dürfte vor allem seiner kompromisslosen intellektuellen Unabhängigkeit und Integrität geschuldet sein. Ich denke, es ist das Ethos der Dissidenz, das gerade auch die Freibeuterschriften durchzieht, das einen guten Teil der anhaltenden Bedeutung seines Werks ausmacht. Pasolinis Ethos mag, oberflächlich betrachtet, als das Ethos eines „konservativen Kommunisten“ erscheinen. Dessen Gebrochenheit wirft allerdings die Frage auf, ob „konservativ“ und „Kommunist“ überhaupt Kategorien sind, die Pasolinis Haltung adäquat einfangen. Ein abschließendes Zitat aus einem der unmittelbar an die Scritti corsari anschließenden Diskussionsbeiträge Pasolinis in Lecce 1975 umreißt den Auftrag, den er selbst mit diesem Ethos verband: „Es ist notwendig, dass wir eine neue Wesensart finden, […] eine neue Art, tolerant zu sein, eine neue Form der Aufklärung, eine neue Art, progressiv zu sein, eine neue Art, frei zu sein. Es ist ein zentrales Problem unseres Lebens.“[63]
Fünfzig Jahre nach Erscheinen der Freibeuterschriften ist die Dringlichkeit des Auftrags nur größer geworden. Das progressive Lager sollte die Federführung in der Identitätsdebatte nicht den Rechten überlassen.
Fußnoten
- Zur Bedeutung von Pasolinis letztem Film siehe Sam Moore, ,You have to be ready to see it’: Abel Ferrara and Catherine Breillat on why Pasolini’s Salò is a gift that keeps giving, in: The Guardian, 22.12.2025.
- Valerio Curcio, Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen. Fußball nach Pier Paolo Pasolini, übers. von Judith Krieg, mit einem Vorwort von Moritz Rinke, Bad Herrenalb 2022.
- Siehe hierzu das herunterladbare Ausstellungsbooklet.
- Albert Ostermaier, Die Liebe geht weiter. Roman mit Pasolini, Berlin 2025.
- Curcio, Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen, S. 20.
- Die rechtsnationale Stiftung trägt den Namen der Vorgängerpartei der Fratelli.
- Annamaria Gravino, „Sì, Pasolini era anche conservatore”, ma a dirlo non è la destra. Le „scandalose” idee al convegno che ha sdegnato la sinistra, in: Secolo d’Italia, 26.11.2025.
- Ebd. (meine Übersetzung, P.A.K.).
- Ginevra Leganza, Mollicone: „Pasolini? La sinistra lo strumentalizza. Ma non sa che fu fascista”, in: Il Foglio, 28.10.2025.
- Lesenswert etwa Paolo Desogus, I piani egemonici e poco filologici per appropiarsi di Pasolini, in: Il Manifesto, 18.11.2025.
- Siehe u.a. Francesco Palmieri, Un convegno di destra su Pasolini rivela sudditanza e provincialismo imbarazzante, in: Il Foglio, 15.11.2025.
- Einen Überblick bietet Karen Krüger, Streit um Pasolini: Ein Gefangener der Linken?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.1.2026.
- Thomas Wagner, Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten, Berlin 2017, S. 63 f.
- Pier Paolo Pasolini, Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft [1978], übers. von Thomas Eisenhardt, 4. Aufl., Berlin 2016.
- Siehe das Foto auf S. 3 der deutschen Ausgabe der Freibeuterschriften.
- Pasolini, Freibeuterschriften, S. 78.
- Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, übers. von Alfred Schmidt, Neuwied 1967.
- Pasolini, Freibeuterschriften, S. 40 und S. 60.
- Ebd., S. 55.
- Ebd., S. 40.
- Ebd., S. 34.
- Helmut Schelsky, Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart. Darstellung und Deutung einer empirischen Tatbestandsaufnahme, 3., durch einen Anh. erw. Aufl., Stuttgart 1955.
- Pasolini, Freibeuterschriften, S. 41.
- Pier Paolo Pasolini, Scritti corsari, Mailand 1975, S. 32 (meine Übersetzung, P. A. K.).
- Pasolini, Freibeuterschriften, S. 40.
- Dacia Maraini, Wie uns eine Feministin Italiens Männer erklärt (Interview von Marc Reichwein), in: Die Welt, 1.11.2024.
- Antonio Scurati, Unendlicher Spaß. Silvio Berlusconi und seine sanfte Revolution, in: Süddeutsche Zeitung, 17.6.2023, S. 20.
- Pasolini, Freibeuterschriften, S. 47, 54, 107 et passim.
- Ebd., S. 48.
- Pasolini, Scritti corsari, S. 72.
- Ebd. (meine Übersetzung, P.A.K.). Die entsprechenden Abschnitte des „Nachtrags zur ,Skizze‘ über die anthropologische Revolution in Italien“ wurden aus der deutschen Ausgabe unbegreiflicherweise herausgekürzt.
- Pasolini, Freibeuterschriften, S. 51.
- Ebd., S. 61.
- Ebd., S. 55.
- Ebd., S. 57.
- Ebd., S. 105.
- Pasolini, Scritti corsari, S. 163 f.; in der deutschen Version (Freibeuterschriften, S. 107) als „vielfältige ,archaische‘ Welt“ übersetzt.
- Pasolini, Freibeuterschriften, S. 107.
- Ebd., S. 107 f.
- Ebd., S. 161.
- Ebd.
- Pasolini, Scritti corsari, S. 282.
- Pasolini, Freibeuterschriften, S. 162 f.
- Ebd., S. 164.
- Ebd., S. 89.
- Ebd., S. 25.
- Ebd., S. 94.
- Ebd., S. 89.
- Ebd., S. 94.
- Ebd., S. 95.
- Ebd.
- Ebd., S. 147.
- Ebd., S. 150.
- Ebd., S. 128.
- Salvador Cobo, La herejía desesperada de Pier Paolo Pasolini, in: Pier Paolo Pasolini, Vulgar lengua, Madrid 2017, S. 7–30, hier S. 26 (meine Übersetzung, P.A.K.).
- Pier Paolo Pasolini, Volgar’eloquio, in: ders., Saggi sulla letteratura e sull’arte. Tomo II, 3. Aufl., Mailand 2008, S. 2825–2862, hier S. 2835 (meine Übersetzung, P.A.K.).
- Wie akut diese Gefahr war, wird an den reißerischen Titeln deutlich, die der deutsche Verleih in Abweichung vom italienischen Original zwei Filmen der Trilogie gab: „Pasolinis tolldreiste Geschichten“ und „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“.
- Für die letzten vier Zitate siehe Pasolini, Volgar’eloquio, S. 2858–2860 (meine Übersetzung, P.A.K.).
- Pier Paolo Pasolini, Teorema oder Die nackten Füße, übers. von Heinz Riedt, 2. Aufl., München 1980, S. 51.
- So die griffige Formulierung Antonio Piromallis, der die Konferenz in Lecce 1975 mitorganisiert hatte: Antonio Piromalli, El último Pasolini, in: Pasolini, Vulgar lengua, S. 31–52, hier S. 47.
- Fabio Dei, Popolo, popolare, populismo, in: International Gramsci Journal 2 (2017), 3, S. 208–238, hier S. 236.
- Simonetta Sciandivasci, Maraini: „Pasolini era anarchico, non conservatore. La destra cerca padri, ma lui odiava il potere”, in: La Stampa, 12.12.2025.
- Pasolini, Volgar’eloquio, S. 2832 (meine Übersetzung, P.A.K.).
Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.
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