Christian Fleck | Porträt |

Paul F. Lazarsfeld

Ein transatlantischer Klassiker der modernen Sozialforschung

Am 30. August jährte sich zum fünfzigsten Mal der Todestag des österreichisch-amerikanischen Soziologen Paul F. Lazarsfeld. Seine Person und Karriere illustrieren modellhaft die politischen und kulturellen Verhältnisse des 20. Jahrhunderts und verdienen schon deswegen, erinnert zu werden. Lazarsfeld selbst sah das durchaus ähnlich, als er in einem ausführlichen autobiografischen Text, den er auf Veranlassung seines Schwiegersohns, des Harvard-Historikers Bernard Bailyn, Mitte der 1960er-Jahre zu Papier brachte,[1] über die Rechtfertigung von autobiografischen Mitteilungen räsonierte. So gab er in überraschender Bescheidenheit zu Protokoll, dass eine Autobiografie nur in drei Fällen geschrieben werden sollte: Wenn jemand große Leistungen erbracht habe (er nennt Albert Einstein und Winston Churchill als Beispiele); wenn jemand aufgrund seiner Position oder Tätigkeit zeitgeschichtlich bedeutende Personen oder Ereignisse beobachten konnte (wie beispielsweise Auslandskorrespondenten); oder wenn jemand der äußeren Umstände wegen als „Fall“ betrachtet werden könne, in dessen Leben sich interessante Situationen oder Entwicklungen verdichten. Lazarsfeld nimmt dann für sich in Anspruch, die zuletzt genannten beiden Varianten zu kombinieren und in der Rolle des „expert witness“ über sein Leben zu berichten.[2]

Paul F. Lazarsfeld (1901–1976), CC BY-SA 4.0 (miremahe)

Intellektuelle und politische Sozialisation

Paul F. Lazarsfeld wurde am 13. Februar 1901 in Wien geboren. Seine Eltern waren nicht wohlhabend, aber Mitglieder der assimiliationswilligen jüdischen Mittelklasse. Der Vater Robert ging dem Beruf des Rechtsanwalts eher widerwillig und mit geringem materiellem Erfolg nach, zögerte aber doch, sich gänzlich seinen schriftstellerischen Neigungen hinzugeben. Die Mutter Sofie, geborene Munk, war bei der Geburt 20 Jahre alt. Paul war ihr erstes Kind, zwei Jahre später folgte noch die Tochter Elisabeth.[3] In den 1920er-Jahren fand Sofie Lazarsfeld Aufnahme in den Kreis von Alfred Adler. Nach ihrer Ausbildung zur Individualpsychologin betätigte sie sich als Ehe-, Familien- und Sexualberaterin und erlangte dank ihrer eigenen „Erziehungs- und Eheberatungsstelle in Wien“ einige Bekanntheit.[4] Für ihren Sohn Paul war hingegen eine andere Facette des elterlichen Lebens bedeutender: Während des Ersten Weltkriegs diente der Vater in der Armee, weshalb Frau und Kinder ihn sehr selten sahen. Während dieser Zeit stellte Sofie ihren Sommerwohnsitz in einem Vorort Wiens den unter starker polizeilicher Beobachtung stehenden führenden Sozialdemokraten zur Verfügung. Diesen eher ruralen denn urbanen Salon frequentierten die Politiker – wohl auch aus Verschleierungsgründen – gemeinsam mit ihren, zumeist in niedrigeren Rängen ebenfalls politisch aktiven Ehefrauen. Die „Kreuzung sozialer Kreise“ (Simmel) ereignete sich diesfalls in Gestalt der Liaison von politischem und privatem Gespräch, was Sofie Lazarsfeld sehr entgegenkam, da sie seit 1916 mit Friedrich Adler, dem Sohn des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), Victor Adler, eine intime Freundschaft pflegte, die beide lebenslang fortführten.

Auf diese Weise wurde Friedrich Adler zur primären männlichen Bezugsperson des heranwachsenden Paul. Adler hatte in Zürich ein Studium der Physik absolviert, sich für dieses Fach dort auch habilitiert und dann seine Bewerbung um eine Professur zurückgezogen, was den Weg für seinen Freund Albert Einstein freimachte.[5] Stattdessen begann er – entgegen dem Wunsch seines Vaters – eine politische Karriere, zuerst als Journalist Schweizer sozialdemokratischer Zeitungen, ab 1911 dann in Wien als Parteisekretär und Redakteur der neu gegründeten und monatlich erscheinenden Theoriezeitschrift Der Kampf.

Adler lenkte Lazarsfelds intellektuelle Interessen in Richtung der modernen Physik und Mathematik. Nach Abschluss seiner Schulbildung am exklusiven Wiener Akademischen Gymnasium im Sommer 1919 nahm der frisch gebackene Maturant folglich ein Studium dieser beiden Fächer an der Universität Wien auf. Vor allem aber beeinflusste er dessen politische Erziehung. Als überzeugter linker Internationalist lehnte Adler die zögerliche Haltung der Partei gegenüber dem Kriegsgeschehen vehement ab und sann auf Abhilfe. Am 21. Oktober 1916 erschoss er in einem Restaurant in der Wiener Innenstadt den k.k. Ministerpräsidenten Karl Stürgkh und ließ sich anschließend widerstandslos festnehmen. Victor Adler und seine Parteigenossen reagierten verwirrt und in Panik auf diese Tat individuellen Terrors, die sie sich nur – durchaus in Übereinstimmung mit dem Geist, der damals Wien durchwehte – als Tat eines Psychopathen erklären konnten. Friedrich Adler lehnte es jedoch ab, sich Unzurechnungsfähigkeit attestieren zu lassen, um so der drohenden Todesstrafe vielleicht zu entgehen. Stattdessen wurde sein Auftritt vor Gericht – auch dank der sprichwörtlichen Schlamperei der habsburgischen Obrigkeit, die ausführliche Berichterstattung zumindest über den ersten Prozesstag zuließ – zu einem Fanal gegen den Krieg und machte Adler international zum Idol aller Linken. Der erstinstanzlich zum Tode Verurteilte wurde schließlich vom Kaiser begnadigt und blieb bis zum Vorabend der Ausrufung der Republik in Stein an der Donau in Haft.[6] Dort besuchte ihn Lazarsfeld, der angeblich auch schon an demonstrationsartigen Zusammenkünften vor dem Gericht teilgenommen hatte. Umständehalber unterhielten sich die beiden über Physik und Mathematik.

Der junge Student Lazarsfeld stand politisch weit links. Mit der ungarischen Räterepublik sympathisierte er so stark, dass er gemeinsam mit Freunden darüber nachdachte, den bedrohten Revolutionären zu Hilfe zu kommen. Zwar kam es nicht dazu, doch war Lazarsfeld in vielerlei Hinsicht politisch aktiv. Er betätigte sich als Leiter von Sommerlagern, dirigierte Jugendgruppen und „Ferienkolonien“ und begann darüber zu publizieren.[7] Er engagierte sich in der sozialdemokratischen Schülerbewegung, hielt Vorträge in Bildungseinrichtungen der SDAPÖ, veröffentlichte in deren Zeitungen und Zeitschriften und gehörte einer Truppe an, die in Wien politisches Kabarett zum Besten gab.[8] Nach eigenem Bekunden wäre einer politischen Karriere fast nichts im Wege gestanden – außer Lazarsfelds lebenslang anhaltende Selbststigmatisierung aufgrund seiner jüdischen Herkunft. Als jemand, dem man seine Rasse ansehe, könne er in Österreich keinen Erfolg haben, urteilte er im Rückblick.[9]

Noch vor Erreichen des 25. Lebensjahres verfügte Lazarsfeld über drei einigermaßen gut ausgeprägte intellektuelle Fertigkeiten: Eine dank Adler erworbene Vertrautheit mit der Philosophie von Ernst Mach, die später vom Wiener Kreis aufgenommen und fortgeführt wurde, kombinierte sich mit tiefenpsychologischem Wissen, das Lazarsfeld Alfred Adler (nicht verwandt mit Victor und Friedrich) und Siegfried Bernfeld zu verdanken hatte. Hinzu kam eine spezifisch austromarxistische Sicht auf gesellschaftliche Phänomene. Ende der 1920er-Jahre trat dann noch ein weiterer Einfluss hinzu, der letztlich der folgenreichste war.

Professionelle Initiation

Ende der 1920er-Jahre lernte Lazarsfeld Karl und Charlotte Bühler kennen, die an der Universität Wien und im Pädagogischen Institut der Stadt Wien – einer Einrichtung zur Ausbildung von Volksschullehrer:innen – moderne empirische Psychologie lehrten. Während Herr Bühler als Ordinarius wirkte, bespielte seine nur mit dem Titel einer außerordentlichen Professorin versehene Frau andere Bühnen: Ausgestattet mit erheblichen finanziellen Mitteln, die ihr die Rockefeller Foundation zur Verfügung gestellt hatte, konnte sie den Gymnasialprofessor Lazarsfeld dafür gewinnen, ihren Studierenden Statistik beizubringen – und abends mit ihr das Tanzbein zu schwingen. ,Tabellenknecht‘ zu sein war Lazarsfeld aber nicht genug und er begann, sich für Sozialpsychologie zu interessieren. Eine Auswertung von Fragebögen zur Berufswahl, die ohne sein Zutun erstellt worden waren, führte zu einem ersten Manuskript, das Charlotte Bühler ihn jedoch umzuarbeiten nötigte, da es politisch wertende Formulierungen enthielt.[10] Lazarsfeld gehorchte und achtete für den Rest seines Lebens darauf, Wissenschaft von Politik getrennt zu halten. In einer der später regelmäßig zutage tretenden Reminiszenzen an seine Tage als Kabarettautor deklarierte er sich diesbezüglich einmal als „Marxist auf Urlaub“.[11]

Die nüchterne, sich auf die sachliche Darstellung konzentrierende (Schreib-)Haltung war vermutlich auch einer der Gründe, warum eines der ersten Bücher, das von Lazarsfeld entworfen, wenn auch nicht verfasst wurde, letztlich ein großer Erfolg wurde. Der Veröffentlichungszeitpunkt indes hätte ungünstiger nicht sein können. Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit, mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie, erschien im Frühjahr 1933. Das schmale Werk war der fünfte Band einer Reihe, die Karl Bühler beim Verlag S. Hirzel in Leipzig betreute. Autoren, Herausgeber und Verlag waren angesichts der politischen Umstände übereingekommen, dass jüdisch klingende Namen auf dem Titelblatt dem Erfolg der Studie abträglich wären, weshalb man auf die Nennung der Autoren verzichtete. Als Herausgeberin fungierte stattdessen die nicht einmal im damaligen Wien weltberühmte Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle, die 1931 als Verein gegründet worden war. Der Haupttext stammte von Marie Jahoda, die seit 1926 mit Lazarsfeld verheiratet war. Jahoda gehörte zu einer Vereinigung sozialistischer Schriftsteller und war politisch noch ein wenig aktiver als ihr Ehemann, mit dem sie aber die Überzeugung teilte, dass es der Sache besser täte, sich in wissenschaftlichen Texten politisch enthaltsam zu geben.[12] Sechs Jahre jünger als Lazarsfeld, schloss sie parallel zu den Arbeitslosen von Marienthal ihr Studium der Psychologie an der Universität Wien ab.[13]

Die noch bis 1937 weitergeführte Forschungsstelle war wohl nicht die erste Gruppe von Mitarbeiter:innen, die Lazarsfelds Rolle des Spiritus Rector akzeptierte, allerdings wurde sie gleichsam zum organisatorischen role model[14] für seine späteren Institutsgründungen. Zugleich regte sie andere Sozialwissenschaftler an, seinem Beispiel nachzueifern.

Transfer einer Praxis

Lazarsfeld genoss es zeitlebens, um sich Leute zu versammeln, die sich von ihm belehren ließen und das damit verbundene Machtungleichgewicht hinnahmen, ohne aufzumucken oder gar zu rebellieren. Die Fähigkeit, als Moderator und Mentor wirksam zu werden, war wohl so etwas wie sein Alleinstellungsmerkmal. Während andere, auch einige seiner Freunde, die Einsamkeit des Schreibtisches genossen, blühte Lazarsfeld auf, wenn er Jünger beiderlei Geschlechts um sich hatte, denen er zeigen konnte, wo es lang gehen sollte. Und gelegentlich unterwarfen sich auch Gleichaltrige oder sogar Ältere nicht bloß seinem Charme, sondern seiner Expertise. Ein glücklicher Umstand und der Weltenlauf verpflanzten ihn dann in eine andere Umwelt, in der seine Fähigkeiten auf fruchtbareren Boden fielen.

Das Ehepaar Bühler, das Lazarsfeld unter seine Fittiche genommen hatte, realisierte bald, dass eine akademische Karriere – die brotlose Habilitation galt damals schon als solche – für ihren Schützling weder in Wien noch in Prag, wohin man ebenfalls Fühler ausstreckte, zu machen war. Sie nominierten ihn daher für ein einjähriges Stipendium der Rockefeller Foundation, das er im Frühherbst 1933 in New York antrat und das schließlich zum ersten Schritt ins Exil und zum Grundstein einer brillanten Karriere in den USA werden sollte.

Die politischen Veränderungen in Österreich – im Anschluss an den kurzen, aber denkwürdigen Bürgerkrieg im Februar 1934 wurden alle sozialdemokratischen Organisationen verboten und zehn Todesurteile gegen Widerständler vollstreckt – halfen Lazarsfeld, eine Verlängerung des Stipendiums um ein weiteres Jahr zu bekommen. Während eines Urlaubs in Europa im Sommer 1935 entschloss er sich, Österreich endgültig zu verlassen und trotz fehlender Anstellung nach New York zurückzukehren, um dort auf Jobsuche zu gehen.[15]

Die riskante Strategie rettete nicht nur sein eigenes Leben, sondern wohl auch das anderer Familienmitglieder, da es ihm gelang, sich innerhalb von weniger als zwei Jahren in New York zu etablieren.[16] Ein erster Minijob öffnete ihm die Tür zur University of Newark, einer neu gegründeten Universität auf der anderen Seite des Hudson Rivers. In Jersey City bezog er 1936 die Räumlichkeiten einer ehemaligen Brauerei und wiederholte als Leiter des Research Centers der Universität, was ihm zuvor in Wien mit der Forschungsstelle gelungen war. Dank seines New Yorker Mentors, des an der Columbia University lehrenden Soziologen Robert S. Lynd, zog er schon ein Jahr später den ersten dicken Fisch an Land und wechselte an die Princeton University: Was als Princeton Radio Research Project in die Geschichte der Sozialforschung eingehen sollte, war anfangs ein Haufen Geld, den die Rockefeller Foundation zur Verfügung stellte, um irgendwie die erzieherischen Wirkungsmöglichkeiten des Radios zu erforschen.

Lazarsfeld verstand es, sowohl das Geld als auch die sich dank des prestigeträchtigen Forschungsprojekts öffnenden Türen so erfolgreich zu nutzen, dass ihm 1939 von der Columbia University die Stelle eines Associate Professor of Sociology angeboten wurde. Er akzeptierte unter der Bedingung, dass er sein mittlerweile Office of Radio Research benamstes Projekt mitbringen konnte. 1941 wurde daraus schließlich das Bureau of Applied Social Research.

Aus der großen Zahl von Personen, mit denen Lazarsfeld zu dieser Zeit zusammenarbeitete, seien drei herausgegriffen: In der deutschsprachigen Welt am bekanntesten ist sicherlich der zeitweilige Leiter der Musikforschung im Princeton Radio Research Project, Theodor Wiesengrund. Dem im Februar 1938 zusammen mit seiner Ehefrau Gretel aus dem englischen Exil nach New York gelangten Philosophen bot Lazarsfeld dank der Fürbitte Max Horkheimers die Mitarbeit an. Adorno, wie sich Wiesengrund ab seiner Einbürgerung in die USA dann offiziell nannte, fand das ungeteilte Interesse seines neuen (und erstmaligen) Chefs Lazarsfeld, der – man ist verleitet zu sagen: als Wiener naturgemäß – Violine spielte und musikalisch zumindest als gebildet gelten konnte. Dass die Zusammenarbeit nur von kurzer Dauer war, lag aber nicht an der vorgeblichen Unvereinbarkeit von Kritischer Theorie und Like-Dislike-Forschung, wie das Adorno und seine ihn gelegentlich noch überbietenden Adoranten seit 1968 erzählen.[17] Die Weiterbeschäftigung Adornos, für die Lazarsfeld votierte, scheiterte vielmehr am Einspruch des Direktors der geisteswissenschaftlichen Abteilung der Rockefeller Foundation, der mit den vorgelegten Manuskripten Adornos nichts anfangen konnte und an dessen Widerspenstigkeit, die einem Eleven unter den Projektmitarbeitern nicht gut zu Gesichte stand, Anstoß nahm.[18]

Eine andere Kollaboration, die letztlich schieflief, betraf ein Ehepaar: James und Winifred Rorty, beide um einige Jahre älter als Lazarsfeld, er Schriftsteller und Journalist, sie Soziologin und Schriftstellerin, beide vom aktivistischen Teil der US-Intelligenzia. Das Ehepaar Rorty sollte eine Teilstudie über journalistische Kommentatoren verfassen, vertrödelte sich aber, wohl auch wegen all der anderen Verpflichtungen und einer verminderten Bindung an die Gruppe rund um den Neo-Immigranten. Vielleicht erforderte auch ihr einziger, 1931 geborener Sohn, der späterhin berühmte Philosoph Richard Rorty, gerade vermehrt ihre Aufmerksamkeit. Jedenfalls endete die Zusammenarbeit – nachdem die Rortys eine Art Streik der Projekt-Mitarbeitenden vom Zaun brechen wollten – im Unfrieden.[19] Möglicherweise wegen dieser Erfahrung mit Einheimischen (richtiger: Abkömmlingen einer früheren Generation Immigranten) ging Lazarsfeld immer mehr dazu über, Flüchtlinge und ihm nahestehende Personen als Mitarbeitende zu rekrutieren, was er mit dem zwischen Zynismus und Ironie oszillierenden Satz kommentierte: „Verwandte kann man besser ausbeuten“.[20]

Einer der zur Mitarbeit Eingeladenen gewann dann nicht nur sein Herz, sondern wurde zum lebenslangen Freund und Kooperationspartner. Bevor Lazarsfeld 1941 eine Professur an der Columbia University erhielt, hatten die beiden ,Platzhirsche‘ des dortigen Departments of Sociology – Robert MacIver und Robert S. Lynd – sich nicht über die Wiederbesetzung einer kürzlich frei gewordenen Stelle einigen können. Theoretiker der eine, Empiriker der andere, hatte jeder versucht, sein jeweiliges Feld zu verstärken. So bedurfte es eines Machtworts der Universitätsleitung, um einen Kompromiss zu finden. Man reduzierte das Einstellungsniveau und engagierte zwei Neue, die sich dann – so wohl das verschwiegene Motiv beider Professoren – derart konkurrenzieren würden, dass nach kurzer Zeit nur einer zum Full Professor befördert werden müsse. Allein, es kam anders: Lazarsfeld und der neun Jahre jüngere Merton freundeten sich an und alsbald agierten die beiden als Duett, das gemeinsam das Bureau leitete und die Columbia School etablierte.[21]

„Odd couple“

Zwischen Merton und Lazarsfeld bestanden deutliche Differenzen hinsichtlich der Darstellung ihrer akademischen Persona. Der 1910 in Philadelphia geborene Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, der erst als junger Mann seinen Geburtsnamen abänderte und zunächst Robert Merlin heißen wollte, da er eine Karriere als Zauberer anstrebte – sein Schwager überzeugte ihn, dass die Namenswahl unglücklich wäre –, hatte die sich ihm auf seinem beruflichen Weg bietenden Chancen eine nach der anderen genutzt: Dank seiner bildungsfreudigen Mutter hatte er anfangs eine High School besucht; dank eines seiner Lehrer hatte er sein Erststudium an der nahegelegenen Temple University fortgesetzt; und dank eines seiner College-Professoren hatte er die Bekanntschaft des in Harvard lehrenden Soziologen Pitirim Sorokin gemacht, der Merton schließlich ein Stipendium für ein Graduate Studium vermittelte. Als er 1931 nach Harvard kam, brillierte der junge Mann, der sich rasch von seinen kommunistischen Freunden löste, und imitierte die Selbstdarstellungsroutinen der White Anglo Saxon Protestants so lange, bis er selbst für einen solchen gehalten wurde.[22]

Ganz anders Lazarsfeld. Er legte seinen starken Akzent nie ab – weshalb er öffentliche Vorträge oder Reden gerne mit dem Hinweis begann, man höre ja, er sei nicht mit der Mayflower gekommen –, agierte in sozialen Beziehungen eher unsicher und schwebte als Wirbelwind durch Manhattan, was regelmäßig zur Folge hatte, dass er Hörsäle oder andere Räume zu spät und unvorbereitet betrat. Während Merton seine Auftritte bis ins kleinste Detail vorbereitete, improvisierte Lazarsfeld und beeindruckte seine Studierenden dann doch, weil sie ihm gleichsam beim Denken zuschauen und zuhören konnten.

Von den 1940er-Jahren bis über den Tod Lazarsfelds im Jahr 1976 hinaus führten die intensiven Bemühungen dieses „odd couples“[23] in der akademischen Lehre – beide unterhielten sich wöchentlich über ihre Schülerschar und deren Potenziale – zu einer allseits sichtbaren Dominanz ihrer Absolvent:innen in den soziologischen Departments der USA: Dazu zählen (in alphabetical order) Daniel Bell, Peter Blau, Terry N. Clark, Stephen Cole, Jonathan R. Cole, James Coleman, Lewis Coser, Rose Coser, Cynthia Fuchs Epstein, Thomas Gieryn, Alvin Gouldner, Elihu Katz, Suzanne Keller, Seymour M. Lipset, Anthony Oberschall, David Riesman, Alice S. Rossi, Peter Rossi und Harriet Zuckerman, um nur die Bekanntesten zu nennen. C. Wright Mills verdankte dem Bureau und seinen beiden Direktoren mehr als er gewillt war, anzuerkennen.[24] Der Einfluss von Merton und Lazarsfeld – über die Jahre hinweg wechselte die Zuschreibung des ersten Platzes – reichte über die Grenzen der USA hinaus: Raymond Boudon, Johan Galtung, Helga Nowotny, Piotr Sztompka und Hans Zetterberg fungierten für kürzere oder längere Zeit gleichsam als Generalimporteure der Columbia School in ihren Herkunftsländern.

Forschungsstil und Werk

Lazarsfeld war, anders als die Fama über ihn verbreitete, kein methodologischer Dogmatiker, der sich nur für Dinge interessierte, die sich zählen lassen. Im Gegenteil, aus seiner Feder stammen mehrere Veröffentlichungen, die man nach heutiger Terminologie als Beiträge zur qualitativen Sozialforschung klassifizieren würde.[25] In „Prinzipielles zur Soziographie“ unternahm er den Versuch, nachträglich die Methodologie der Marienthal-Studie zu rekonstruieren, und „The Art of Asking Why“ ist eine methodologische Reflexion der Fragebogen-Technik.[26] Auch die beiden Sammelbände, Language of Social Research[27] und Continuities in the Language of Social Research,[28] deren erster lange Zeit weltweit als Lehrbuch-Ersatz Verwendung fand, demonstrieren die methodische Offenheit Lazarsfelds. Andere wirkungsvolle Beiträge, zumeist in Aufsatzform, prägten lange Zeit die methodologischen Debatten der empirischen Sozialforschung – übrigens ein Ausdruck, den wohl Lazarsfeld als Erster in die Welt gesetzt hat. Dabei ist zu bedenken, dass er bei nahezu allen von ihm durchgeführten und geleiteten Forschungsprojekten ohne die Hilfe von statistischen Auswertungsprogrammen und ziemlich lange auch ohne elektronische Datenverarbeitung auskam beziehungsweise auskommen musste. Das führte bei ihm dazu, dass er als Zentrum der Dateninterpretation die Tabellenanalyse betrachtete und die Vier-Felder-Tafeln versuchsweise auf bis zu Sechszehn-Felder-Tafeln zu erweitern suchte. Ironischerweise hatte er erst dank Samuel Stouffer während ihrer Kooperation in den 1930er-Jahren die Logik der Kreuztabellierung kennengelernt, eine Technik, die sich in seinem frühen Statistiklehrbuch nicht findet.[29] Später übliche Verfahren, die zum Teil von seinen Schülern entwickelt und propagiert wurden, wie die Pfadanalyse[30] oder die Hinwendung James Colemans zu Rational-Choice-Ansätzen,[31] hatten zwar durchaus Wurzeln in Lazarsfelds Denken, gingen aber methodologisch und theoretisch über ihn hinaus. Spätere Weiterentwicklungen, die auf der Logik der Regressionsanalyse – also der statistischen Berechnung von modellhaft angenommenen Zusammenhängen zwischen mehreren Variablen – beruhen, hätten ihn kaum begeistern können, da diese hypothetischen Zusammenhänge weit über das hinausgingen, was in seiner Latent Structure Analysis[32] zu finden ist.

Die wohl reifste Ergebnis von Lazarsfelds methodologischen Überlegungen ist seine gemeinsam mit Wagner Thielens Jr. 1958 veröffentlichte Arbeit über die Wirkungen der antikommunistischen Hysterie auf US-amerikanische Lehrende der Sozialwissenschaften. The Academic Mind: Social Scientists in a Time of Crisis[33] war eine ausgeklügelte Fragebogenerhebung, die durch umfangreiche Protokolle der Interviewer:innen und eine nachträgliche, von David Riesman durchgeführte vertiefende qualitative Untersuchung versuchte, mögliche publizistische und politische Kritik verstummen zu lassen, was im Meinungsklima der McCarthy-Ära eine höchst unrealistische Annahme war. Die oftmals übervorsichtige Sprache wirkt heute befremdlich, doch die methodischen Interpretationen des Zusammenhangs von Besorgnis und Verletzlichkeit und die darauffolgenden Vorsichtsmaßnahmen sind höchst aufschlussreich und die Befunde auch für gegenwärtige Debatten über Meinungskonformität informativ. Lazarsfeld zeigte, dass es nicht die am stärksten gefährdeten Personen waren, die die intensivsten Vorkehrungen trafen, um nicht von den befürchteten Maßnahmen der akademischen Verwaltung und des Kongressausschusses erfasst zu werden. Wenn The Academic Mind tatsächlich das Produkt eines „abstrakten Empirismus“ sein sollte, als das es C. Wright Mills in keineswegs lobender Absicht gekennzeichnet hat, dann sollten all jene, die an relevanten sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert sind, rasch in dieses Lager überlaufen.

Medien und Folgen der Mediennutzung

Von den Anfängen im Princeton Radio Research Project bis Ende der 1950er-Jahre war Lazarsfeld unbestritten eine der wissenschaftlichen Autoritäten auf dem Gebiet der Erforschung der Mediennutzung. Dabei ist auch im historischen Vergleich aufschlussreich, dass für ihn nicht so sehr die Medien und Medieninhalte – also die Botschafter und Botschaften – entscheidend sind, sondern dass er die Mediennutzer – die Empfänger der Botschaften – ins Zentrum rückt und der sozialen Einbettung der Medienkommunikation Beachtung schenkt. Ob die für Zeitungen, Radio und Fernsehen gut bestätigte Einsicht, dass Massenmedien (ihre Eigentümer oder andere Hintermänner) deren Nutzer und Nutzerinnen nicht unmittelbar und in eine vorhersagbare Richtung lenken, sondern nur als Teil von unabhängig davon bestehendem sozialem Austausch in privaten und öffentlichen Beziehungen wirksam werden, auch für die neueren, sogenannten Sozialen Medien anwendbar ist, muss offenbleiben. Die von Lazarsfeld und seinen Mitarbeitern stets zum Ausdruck gebrachte Skepsis gegenüber vermeintlichen Bösewichten des modernen Lebens, scheint mir jedenfalls bedenkenswert.

Die schon bei der Radioforschung erkannte vermittelte Wirkung der Medien machte er für die Erforschung politischer Kommunikation fruchtbar, als sein Team und er den „two-step-flow-of communication“ entdeckten. Eine von Medienmachern oder politischen Propagandisten ausgesandte Botschaft bedarf demnach eines Transformators, des „opinion leader“, dessen Bemühen um die Deutung und Verbreitung der Botschaften diese erst erfolgreich werden lässt.

Hinsichtlich der Folgen der Mediennutzung näherte sich Lazarsfeld, wiederum in Kooperation mit Merton, Positionen an, die man für gewöhnlich mit der Frankfurter Schule assoziiert. Schon 1948 unterschieden die beiden drei latente Funktionen der Massenkommunikation: Statusverleihung, Verstärkung sozialer Normen und „narkotisierende Dysfunktion“.[34] Erstens, wer oder was in populären Medien besprochen wird, erhöht dessen Prestige. Zweitens wurde damals in den Medien noch peinlich darauf geachtet, der Vorbildwirkung gerecht zu werden (was nun schon seit längerem wohl so nicht mehr der Fall ist; ob Trash-Formate vielleicht doch geltende Normen bestärken, diskutierten die beiden notabene nicht). Drittens, stimmt die von Lazarsfeld begründete Columbia-Tradition mit den kritischen Theoretikern überein, dass manche – oder alle? – Medienprodukte von gewichtigeren sozialen Problemen ablenken.

C. Wright Mills weithin gelesene Abrechnung mit dem, was dann Mainstream-Soziologie genannt wurde, enthielt eine harsche – und weitgehend unfundierte – Kritik an dem von ihm so genannten „abstrakten Empirismus“. Lazarsfeld nahm diese Herausforderung an und replizierte mehrfach auf Mills, ja druckte einen Auszug aus dessen Buch in seinem Sammelband Qualitative Analysis als einen von drei „Expert Witnesses“ ab (die beiden anderen stammten von Raymond Boudon und James C. Coleman).[35] Das nützte angesichts der nicht zuletzt von Mills geprägten Anti-Establishment-Haltung der damaligen studierenden Jugend wenig und Lazarsfeld musste noch zu Lebzeiten weitere heftige Kritiken über sich ergehen lassen. Der politische Aktivist und Soziologe Todd Gitlin attackierte Lazarsfelds Art der Medienanalyse als das dominante Paradigma[36] der Unterwerfung unter die herrschende Klasse, und der österreichisch-französische Soziologe Michael Pollak bezeichnete ihn in einer sonst um Ausgewogenheit bemühten Abhandlung, die auf Französisch, Englisch und Deutsch erschien, als Gründer eines multinationalen Forschungskonzerns, was, gegeben den Zeitgeist, alles andere als ein Lob darstellte.[37] Gleichsam zur Abrundung der Punzierung findet Lazarsfeld dann in dem Sammelband über den Positivismusstreit in der deutschen Soziologie Erwähnung als jemand, der sich auch Mussolini unterwerfen würde.[38]

Coda

Trotz dieser eher unerfreulichen Atmosphäre erlangte Lazarsfeld ab 1975 in deutschsprachigen Ländern eine prominente Position, da in diesem Jahr eine Taschenbuchausgabe der Arbeitslosen von Marienthal erschien, die ihn zum Erstautor machte. Im Vor- und Umfeld dieser Veröffentlichung geschah Erstaunliches. Ende der 1950er-Jahre nahm Erich Peter Neumann, der zusammen mit seiner damaligen Frau, Elisabeth Noelle-Neumann, das von ihnen beiden 1947 gegründete Institut für Demoskopie Allensbach leitete, mit Lazarsfeld Kontakt auf. Neumann berichtete ihm, dass er zufällig auf ein Exemplar der Marienthal-Studie gestoßen sei, und eröffnete ihm, dass er diese unbedingt neu auflegen wolle. Er habe einen eigenen Verlag und in diesem eine Reihe mit dem Titel „Klassiker der Umfrageforschung“ gegründet, und bitte Lazarsfeld um dessen Einwilligung zur Neuauflage. Noch schöner wäre es, wenn der Herr Professor vielleicht auch eine neue Einleitung beisteuern könne. Lazarsfeld zeigte sich nicht abgeneigt und lieferte einen Text. Als er dezent nach Honorar fragte, erhielt er von Neumann die Auskunft, dass ein solches unmöglich bezahlt werden könne. Der Verlag sei mehr ein Hobby als ein Unternehmen und man erwarte auch keine großen Verkaufszahlen. Lazarsfeld ließ es dabei bewenden und schlug in den Handel ein, ohne seine Mitautoren von 1933, mit denen er nach wie vor im Kontakt beziehungsweise eng befreundet war, zu informieren. Es scheint, er akzeptierte die Versicherung der Nischenpublikation.[39]

Fünfzehn Jahre später verkauft Elisabeth Noelle-Neumann die Rechte an der Neuauflage der Marienthal-Studie an Suhrkamp – und die Tantiemen für jedes verkaufte Exemplar des mittlerweile in 29. Auflage erschienenen Buches gehen seither nach Allensbach und nicht nach New York. Frau Noelle-Neumann, die ich zu Lebzeiten um Einsicht in ihre Korrespondenz mit Suhrkamp und um Aufklärung der doch merkwürdigen Publikationsgeschichte bat, lehnte ersteres ab und wiegelte bei der anderen Frage in der für ihre Generation typischen Weise ab: Sie könne sich nicht mehr erinnern und habe glaublich auch keine Papiere mehr, die darüber Aufschluss geben könnten. Ich nannte das vor zwanzig Jahren „nachholende Arisierung.“[40]

Mittlerweile weiß ich dank des umfangreichen Nachlasses von Robert K. Merton, dass Noelle-Neumann über Jahre hinweg Lazarsfeld und Merton, wie man österreichisch sagt, bezirzte, und das durchaus mit Erfolg: beide Columbia-Professoren empfingen sie und tauschten Separata aus. Erst als in einer US-Zeitschrift Noelle-Neumanns Aktivitäten während der Zeit des NS-Regimes eingehend thematisiert wurden,[41] gingen Merton und die damals noch lebenden Kolleginnen und Kollegen Lazarsfelds ein wenig auf Distanz. Elisabeth Noelle-Neumann beschönigte mehr als einmal ihre Jahre unter Hitler. Dass sie beziehungsweise ihre Stiftung oder das von ihr gegründete Institut bis heute von den Einnahmen aus einem Buch profitiert, deren Autor:innen zwischen 1933 und 1945 als „Judeobolschewisten“ galten, wollten weder sie noch andere Personen aus dem Umfeld des Allensbach-Instituts eingestehen.[42]

  1. Paul F. Lazarsfeld, An Episode in the History of Social Research, in: Donald Fleming / Bernard Bailyn (Hg.), The Intellectual Migration: Europe and America, 1930–1960, Cambridge, MA 1969, S. 270–337; dt.: Eine Episode in der Geschichte der empirischen Sozialforschung, in: Heinz Hartmann (Hg.), Soziologie – autobiografisch. Drei kritische Berichte zur Entwicklung einer Wissenschaft, Stuttgart 1975, S. 147–225.
  2. Es gibt einige weitere autobiografische Texte Lazarsfelds sowie veröffentlichte und nicht veröffentlichte Interviews. Die beiden ausführlichen Oral-History-Interviews aus den Jahren 1961 und 1975 sind leider nur schwer zugänglich: Reminiscences of Paul Felix Lazarsfeld, Interviewed by Joan Gordon on November 29, 1961, Oral History Archives at Columbia; Oral History Interview by Ann K. Pasanella, Feb. 21, March 12, April 12, 19, 1975, New York Public Library – American Jewish Committee Oral History Collection. Kopien befinden sich im Paul F. Lazarsfeld Archiv der Universität Wien. Seine Stimme und seinen Vortragsstil als etablierter Professor kann man in digitalen Archiven nachhören: Paul F. Lazarsfeld, „Research Work in the Field of Politics, Political Behavior, and Voting Behavior“, The NYPR Archive Collections; Erich Schenk, Interview mit dem Soziologen Paul Lazarsfeld, Österreichische Mediathek.
  3. Elisabeth emigrierte 1938 mit ihrem Ehemann, dem promovierten Physiker Friedrich Zerner, nach Frankreich, schloss sich der Résistance an und überlebte im Untergrund. Ihre zwei Söhne überlebten bei Pflegeeltern, die die beiden als ihre Enkel ausgaben. Martin Zerner (geb. 1932) wurde Professor für Mathematik in Marseille, Henri Zerner (geb. 1939) Professsor für Kunst- und Architekturgeschichte an der Harvard University. Elisabeth Zerner wird oft mit ihrer Schwägerin gleichen Namens (geborene Paetel) verwechselt. Für weitere Informationen siehe den Eintrag zu Élisabeth Zerner auf den Seiten von AJPN.org.
  4. Martina Siems, Sofie Lazarsfeld. Die Wiederentdeckung einer individualpsychologischen Pionierin, Göttingen 2015; siehe auch Reinhard Müllers bio-bibliografische Notiz zu Sofie Lazarsfeld auf den Seiten des AGSÖ.
  5. Vgl. Peter Galison, The Assassin of Relativity, in: ders. / Gerald Holton / Silvan S. Schweber (Hg.), Einstein for the 21st Century. His Legacy in Science, Art, and Modern Culture, Princeton, NJ 2008, S. 185–204.
  6. Zum Prozess gegen Friedrich Adler vgl. Johann Wolfgang Brügel (Hg.), Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht. 18. und 19. Mai 1917, Wien 1967.
  7. Vgl. Paul F. Lazarsfeld / Ludwig Wagner, Gemeinschaftserziehung durch Erziehergemeinschaften. Bericht über einen Beitrag der Jugendbewegung zur Sozialpädagogik, Wien/Leipzig 1924.
  8. Friedrich Scheu, Ein Band der Freundschaft. Schwarzwald-Kreis und Entstehung der Vereinigung Sozialistischer Mittelschüler, Wien/Köln/Graz 1985.
  9. Vgl. das Oral History Interview von Ann K. Pasanella, in dem Lazarsfeld erzählt, dass Robert Lynd in einem Empfehlungsschreiben an die Rockefeller Foundation behauptet habe, dass man ihm seine „race“ nicht ansehe, was zur Folge hatte, dass der zuständige Mitarbeiter der Stiftung in seinem Antwortschreiben allem Lob zustimmte, aber meinte, in einem Punkt widersprechen zu müssen: „he shows all the signs of his race.“ Lazarsfeld erwähnt in beiden Oral history Interviews, dass er während seiner Zeit als politischer Aktivist stets die Rolle des Zweiten vorzog, um antisemitische Reaktionen hintanzuhalten.
  10. Paul F. Lazarsfeld, Zur Berufseinstellung des jugendlichen Arbeiters (1929/31), in: ders., Empirische Analyse des Handelns. Ausgewählte Schriften, hrsg. von Christian Fleck und Nico Stehr, übers. von Hella Beister, Frankfurt am Main 2007, S. 79–95.
  11. Nico Stehr, Wissenschaft und Sozialforschung. Ein Gespräch mit Paul F. Lazarsfeld, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 28 (1976), 4, S. 794–807, hier S. 799. Vgl. auch Christian Fleck, Vor dem Urlaub. Zur intellektuellen Biographie der Wiener Jahre Paul F. Lazarsfelds, in: Wolfgang R. Langenbucher (Hg.), Paul F. Lazarsfeld. Die Wiener Tradition der empirischen Sozial- und Kommunikationswissenschaften, München 1990, S. 49–74.
  12. Vgl. Christian Fleck, Politisch engagiert, am Beispiel Marie Jahoda. Entwicklung einer Weltsicht und Aktivismus in drei verschiedenen politischen Kulturen, in: Johann Bacher / Waltraud Kannonier-Finster / Meinrad Ziegler (Hg.), Akteneinsicht. Marie Jahoda in Haft, Innsbruck/Wien 2022, S. 167–230.
  13. Marie Jahoda, Rekonstruktionen meiner Leben, hrsg. von Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler, Wien/Hamburg 2024; Christian Fleck, Marie Jahoda – ein Porträt, in: Marie Jahoda, Lebensgeschichtliche Protokolle der arbeitenden Klassen 1850–1930. Dissertation 1932, hrsg. von Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler, Innsbruck/Wien 2017, S. 267–362.
  14. Die Ausbreitung des Begriffs role model ist für sich genommen aufschlussreich, da sie erst in jüngster Zeit Platz griff. Erstmals findet sich der Begriff in: Robert K. Merton / George G. Reader / Patricia L. Kendall (Hg.), The Student Physician: Introductory Studies in the Sociology of Medical Education, Cambridge, MA 1957. Für Hinweise zur weiteren Geschichte siehe: Robert K. Merton / Alan Wolfe, The Cultural and Social Incorporation of Sociological Knowledge, in: The American Sociologist 26 (1995), 3), S. 15–39; sowie Christian Fleck, Merton und die Kultursoziologie, in: Handbuch Kultursoziologie, Bd. 1: Begriffe – Kontexte – Perspektiven – Autor_innen, hrsg. von Stephan Moebius, Frithjof Nungesser und Katharina Scherke, Wiesbaden 2019, S. 591–607.
  15. Lazarsfeld schilderte die Umstände seiner Entscheidung und seiner anschließenden Rückkehr in die USA rückblickend wie folgt: „(M)y visa was of dubious legality, and, more important, I had no job waiting for me in the States. […] I remember, of course, every detail of the few days and nights during which I had to make up my mind. I still had one month of fellowship money left; traditionally, the European fellows spent their last month traveling in Europe, as a kind of decompression procedure. I finally decided not to inform anyone, and used this last $150 to buy a third-class ticket on a slow American boat. I thus arrived in New York as the classic immigrant, penniless.” Paul F. Lazarsfeld, On Becoming an Immigrant, in: ders., Qualitative Analysis. Historical and Critical Essays, Boston, MA 1972, S. 245–259, hier S. 259.
  16. Im Sommer 1937 brachte er seine Tochter Lotte Franziska aus der 1934 geschiedenen Ehe mit Jahoda in die USA, da ihre Mutter nach einem mehrmonatigen Gefängnisaufenthalt des Landes verwiesen worden war und in England Fuß zu fassen suchte. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 gelang es Lazarsfeld und Friedrich Adler im Jahr 1941, auch Pauls Mutter Sofie Lazarsfeld aus Frankreich in die USA zu bringen. Sein Vater Robert war 1940 in Paris verstorben.
  17. Siehe Theodor W. Adorno, Scientific Experiences of a European Scholar in America, in: Donald Fleming / Bernard Bailyn (Hg.), The Intellectual Migration: Europe and America, 1930–1960, Cambridge, MA 1968, S. 338–370. Es verdient festgehalten zu werden, dass Adorno die Einladung, zu diesem Band einen Text beizusteuern, den dann der Mitherausgeber Fleming ins Englische übersetzte, Lazarsfeld zu verdanken hatte. Von den vielen Schriften, die einseitig Adornos rückblickende Darstellung für zutreffend halten, seien stellvertretend genannt: Martin Jay, Dialektische Phantasie. Die Geschichte der Frankfurter Schule und des Instituts für Sozialforschung 1923–1950, übers. v. Hanne Herkommer u. Bodo v. Greiff, Frankfurt am Main 1976; David E. Morrison, Kultur and Culture: The Case of Theodor W. Adorno and Paul F. Lazarsfeld, in: Social Research 45 (1978), 2, S. 331–355; Wayne M. Towers, Lazarsfeld and Adorno in the United States: A Case Study in Theoretical Orientations, in: Annals of the International Communication Association 1 (1977), 1, S. 133–145.
  18. Siehe Christian Fleck, Transatlantische Bereicherungen. Die Erfindung der empirischen Sozialforschung, Frankfurt am Main 2007, S. 316–323.
  19. Vgl. Christian Fleck, Transatlantische Bereicherungen. Die Erfindung der empirischen Sozialforschung, Frankfurt am Main 2007, S. 292–295. Winifred Rorty wurde später unter ihrem Geburtsnamen bekannt als Verfasserin einer Biografie ihres akademischen Lehrers Robert Park. Siehe Winifred Raushenbush, Robert E. Park: Biography of a Sociologist, Durham, NC 1979.
  20. Lazarsfeld, Oral History Interview.
  21. Statt der Sekundärliteratur lese man Paul F. Lazarsfeld, Working with Merton, in: Lewis A. Coser (Hg.), The Idea of Social Structure: Papers in Honor of Robert K. Merton, New York 1975, S. 35–66; sowie Robert K. Merton, Working with Lazarsfeld: Notes and Contexts, in: Jacques Lautman / Bernard-Pierre Lécuyer (Hg.), Paul Lazarsfeld (1901–1976): La sociologie de Vienne à New York, Paris 1998, S. 163–211.
  22. Robert K. Merton, A Life of Learning. Charles Homer Haskins Lecture, in: ders., On Social Structure and Science, hrsg. von Piotr Sztompka, Chicago, IL 1996, S. 339–359.
  23. Merton, Working with Lazarsfeld, S. 169. Die beiden unternahmen auch den Versuch, Freundschaft soziologisch zu analysieren: Paul F. Lazarsfeld / Robert K. Merton, Friendship as Social Process: A Substantive and Methodological Analysis, in: Patricia L. Kendall (Hg.), The Varied Sociology of Paul F. Lazarsfeld, New York 1982, S. 298–347.
  24. Guy Oakes / Arthur Vidich, Collaboration, Reputation and Ethics in American Academic Life: Hans H. Gerth and C. Wright Mills, Urbana, IL 1999; John H. Summers, Perpetual Revelations: C. Wright Mills and Paul Lazarsfeld, in: Annals of the American Academy of Political and Social Science 608 (2006), 1, S. 25–40.
  25. Dafür spricht auch die Wahl des Titels für einen Band mit ausgewählten Schriften: Paul F. Lazarsfeld, Qualitative Analysis: Historical and Critical Essays, Boston, MA 1972. Vgl. auch Lazarsfeld, Empirische Analyse des Handelns.
  26. Paul F. Lazarsfeld, Prinzipielles zur Soziographie (1934), in: ders., Empirische Analyse des Handelns, S. 264–289; Paul F. Lazarsfeld, The Art of Asking Why: Three Principles underlying the Formulation of Questionnaires [1935], in: ders., Qualitative Analysis, S. 183–202.
  27. Paul F. Lazarsfeld / Morris Rosenberg (Hg.), The Language of Social Research: A Reader in the Methodology of Social Research, Glencoe, IL 1955.
  28. Paul F. Lazarsfeld / Ann K. Pasanella / Morris Rosenberg (Hg.), Continuities in the Language of Social Research, New York 1972.
  29. Paul Lazarsfeld, Statistisches Praktikum für Psychologen und Lehrer, mit einem Geleitwort von Charlotte Bühler, Jena 1929.
  30. Peter M. Blau / Otis D. Duncan, The American Occupational Structure, New York 1967.
  31. Coleman gründete 1989 die Zeitschrift Rationality and Society und legte seine Theorie umfassend vor in: James S. Coleman, Grundlagen der Sozialtheorie, übers. von Michael Sukale unter Mitw. von Martina Wiese, 3 Bde., München 1991–1994. Vgl. zu Lazarsfelds Versuch, die von ihm Reason Analysis genannte Perspektive zu etablieren: Paul F. Lazarsfeld, The Statistical Analysis of Reasons as Research Operation, in: Sociometry 5 (1942), 1, S. 29–47. Siehe dazu auch Christian Fleck / Nico Stehr, Einleitung. Von Wien nach New York, in: Lazarsfeld, Empirische Analyse des Handelns, S. 7–58.
  32. Paul F. Lazarsfeld / Neil W. Henry, Latent Structure Analysis, Boston, MA 1968.
  33. Wieder veröffentlicht 1977 bei Arno Press in New York.
  34. Paul F. Lazarsfeld / Robert K. Merton, Mass Communication, Popular Taste, and Organized Social Action, in: Lyman Bryson (Hg.), Communication of Ideas. A Series of Adresses, New York 1948, S. 95–118.
  35. C. Wright Mills, The Sociological Imagination, New York 1959; Summers, Perpetual Revelations.
  36. Todd Gitlin, Media Sociology: The Dominant Paradigm, in: Theory and Society 6 (1978), 2, S. 205–253.
  37. Michael Pollak, Paul F. Lazarsfeld, fondateur d’une multinationale scientifique, in : Actes de la recherche en sciences sociales 25 (1979), 1, S. 45–59.
  38. So schreibt Theodor W. Adorno in seiner „Einleitung“ zum Positivismusstreit: „Die Affinität der gesamten Sphäre des von Paul F. Lazarsfeld so genannten administrative research zu den Zwecken von Verwaltung schlechthin ist fast tautologisch; […] So wie, gesellschaftlich-inhaltlich, politische Apathie als Politikum sich erweist, verhält es sich mit der gepriesenen wissenschaftlichen Neutralität. Seit Pareto arrangiert sich positivistische Skepsis mit je bestehender Macht, auch der Mussolinis.“ Theodor W. Adorno, Einleitung, in: ders. u. a. (Hg.), Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Neuwied 1969, S. 7–79, hier S. 39.
  39. Es ist aus dem Kontext nicht ersichtlich, ob sich Marie Jahoda in dem Interview mit Steffani Engler und Brigitte Hasenjürgen auf die 1960 oder die 1975 erschienene Neuauflage bezog, als sie sagte, dass „die zweite Auflage, die der Paul [Lazarsfeld] organisiert hat, ist für mich überraschend gekommen. Ich habe tatsächlich dem Verlag geschrieben und gefragt: ‚Was geschieht mit den Autorenhonoraren?‘ Sie haben zurückgeschrieben: ‚Laut Vertrag mit Paul Lazarsfeld gibt es kein Honorar‘.“ Biographisches Interview mit Marie Jahoda, in: Marie Jahoda, „Ich habe die Welt nicht verändert“. Lebenserinnerungen einer Pionierin der Sozialforschung, hrsg. von Steffani Engler und Brigitte Hasenjürgen, Frankfurt am Main / New York, S. 101–185, hier S. 115.
  40. Der anlässlich des 30. Todestages von Paul F. Lazarsfeld verfasste Beitrag findet sich auf den Seiten des ORF. Christian Fleck, Lazarsfeld, nachholende Arisierung und Österreich, in: science.ORF.at, 29.08.2006.
  41. Leo Bogart, The Pollster & the Nazis: How do we come to form our views, individually and collectively?, in: Commentary, August 1991; Elisabeth Noelle-Neumann, To the Editor, in: Commentary, January 1992; weitere Leserbriefe finden sich unter: https://www.commentary.org/articles/reader-letters/the-noelle-neumann-case/. Vgl. dazu auch Christopher Simpson, Elisabeth Noelle-Neumann’s ‘Spiral of Silence’ and the Historical Context of Communication Theory, in: Journal of Communication 46 (1996), 3, S. 149–173.
  42. Der Suhrkamp-Verlag teilte mir auf Nachfrage nur mit, dass der Buch-Vertrag mit Noelle-Neumann abgeschlossen worden sei und darüber hinausgehende Auskünfte nicht zulässig wären. Informell wurde mir zugetragen, dass Frau Noelle-Neumann ungewöhnlich günstige Vertragskonditionen erzielen konnte.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

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Christian Fleck

Dr. Christian Fleck ist Fellow am Institut für Höhere Studien in Wien. Schwerpunkte seiner Arbeit bilden u.a. die Soziologie und Geschichte der Sozialwissenschaften und die Historische Soziologie.

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